Die Flaggschiff-Ära steht vor dem Ende [Kommentar]

Philipp Gombert 35

Ein Smartphone-Flaggschiff: Das Vorzeigeprodukt eines jeden Herstellers. Und für das teuerste Pferd im Stall gibt es natürlich nur die beste Ausstattung. Doch klopft mittlerweile die Mittelklasse an die Türe der Großen — Features und Technik werden zunehmend günstiger. Dabei stellt sich die Frage, ob solche überzüchteten Spitzenmodelle nicht längst überholt sind?

Die Flaggschiff-Ära steht vor dem Ende [Kommentar]

Flaggschiffe vertreten die gesamte Smartphone-Produktlinie eines Unternehmens. Dementsprechend wird schon vor dem eigentlichen Release mit Teasern und Aktionen auf die bevorstehende Präsentation aufmerksam gemacht. Online-Magazine und Nutzer lassen sich natürlich mitreißen. Spekulationen und Gerüchte stehen auf der Tagesordnung — die Erwartungen sind hoch. Und am Ende, wenn die Hüllen fallengelassen wurden? Da unterscheiden sich die Modelle der verschiedenen Hersteller dann doch recht wenig: Die mehr oder minder gleichen technischen Daten, verpackt in einem anderen Gehäuse.

Warum also die große Werbetrommel rühren? Und warum lassen wir uns jedes mal aufs Neue mitreißen? Die einfache Erklärung: Es interessiert nur noch eine kleine Gruppe, eine Nische. Ein Smartphone ist nicht mehr nur der nützliche Helfer, vielmehr dient es als Statussymbol. Zweikämpfe von High-End-Geräten enden im Drop-Test, unter Wasser oder dem Vergleich von Benchmark-Ergebnissen. Die Realität sieht allerdings wie folgt aus: 90 Prozent der Nutzer kommen zweifelsohne mit wesentlich weniger Leistung aus. Das mag vielleicht nicht auf die Technik-affinen Leser von GIGA ANDROID zutreffen, vielmehr jedoch auf die Smartphone-Nutzer im Gesamten. Nur eine Minderheit zockt zum Beispiel grafisch aufwändige Games auf dem Smartphone – und hin und wieder ein kleines Spiel zum Zeitvertreib verlangt hingegen keinen Snapdragon 820 oder Exynos 8890.

Video-Bild: mate-8-benchmark-10935.mp4

Weniger tut’s auch. Wer beim Smartphone-Kauf einige Abstriche hinsichtlich der theoretischen Leistung in Kauf nimmt, kann erhebliche Summen sparen.  Schließlich stellt sich die Frage, ob der höhere Preis eines Flaggschiffs gerechtfertigt ist. Welchen Mehrwert bieten die Top-Modelle, sodass sich ein Kauf lohnen würde?

Die Lücke zwischen Mittel- und Oberklasse schrumpft

Mit einem Blick auf den Smartphone-Markt wird schnell klar, dass die Lücke zwischen Mittelklasse und Flaggschiff schrumpft — und zwar rasant. Denn bis auf ein paar Ausnahmen existieren in der alltäglichen Nutzung kaum noch merkliche Unterschiede. Flaggschiff-Features werden von der Mittelklasse übernommen: Fingerabdruckscanner, Quick Charge sowie USB Type-C sind längst nicht mehr die Ausnahme. Gleiches gilt für eine gute Kamera und ein hochwertiges Design. Beispiele gefällig?

Sieht aus wie ein iPhone 6s, ist es aber nicht: Verarbeitung und Design sind die Stärken des OPPO F1 Plus. Neben einem Metallgehäuse und sehr schmalen Displayrändern beeindruckt allerdings auch die Kamera des selbst ernannten „Selfie-Experten“. Der Hersteller verbaut an der Front einen 16-MP-Sensor mit einer f/2.0-Blende, die zweite Kamera an der Rückseite löst mit 13 MP auf. Für eine ordentliche Performance sorgt der Helio-P10-SoC von MediaTek sowie 4 GB Arbeitsspeicher. Das Display misst 5,5 Zoll in der Diagonale mit einer Full-HD-Auflösung von 1.920 x 1.080 Pixeln. Obendrein gibt es einen Fingerabdrucksensor, der Akku verfügt über eine Schnellladefunktion. Alles zu einem Preis von 389 Euro.

OPPO F1 Plus Lifestyle3klein

Das Honor 5X kommt in einem hochwertigen Metallgehäuse und nennt ebenfalls einen Fingerabdrucksensor sein Eigen. Als Prozessor dient der Snapdragon-616-SoC, ein Octa-Core-Chip von Qualcomm, begleitet von 2 GB RAM. Die Hauptkamera schießt Fotos bei einer Auflösung von 13 MP mit f/2.0-Blende und einer 28-mm-Weitwinkel-Linse. Auch 5 MP an der Front mit 88 Grad Weitwinkel-Objektiv reichen für Seflies vollkommen aus. Neben zwei SIM-Karten-Slots kann der Speicher zusätzlich per microSD erweitert werden. Obendrein gibt es auch hier ein Full-HD-Display, die Diagonale misst 5,5 Zoll. Der Preis für so viel Technik? Nur 229 Euro als UVP, neuerdings sogar für nur 199 Euro erhältlich.

Und es geht noch günstiger: Das Meizu M3 Note. Erneut ein 5,5-Zoll-Full-HD-Display. Hinzu kommt der Helio-P10-SoC von MediaTek mit acht Kernen und 2 GB Arbeitsspeicher. Die Hauptkamera schießt Fotos mit 13 MP, für Selfies dienen an der Front 5 MP. Allerdings war das erst der Anfang: Ein Fingerabdruckscanner, hochwertiges Metallgehäuse und riesiger 4.100-mAh-Akku sind die Highlights. Ganz ehrlich? Selbst ich frage mich nach wie vor, wie hier ein Preis von umgerechnet 108 Euro möglich ist. Schade, dass das Meizu M3 Note hierzulande nur per Import erhältlich sein wird. Es könnte jedoch kaum deutlicher sein, in welche Richtung die Entwicklung geht.

MeizuM3Note

Auf der anderen Seite: die Oberklasse

Welchen Mehrwert bietet beispielsweise ein HTC 10? Leistung, die im Grunde nicht gebraucht wird. Ein WQHD-Dipslay etwa — den Unterschied zu Full-HD sieht man dabei aber, wenn überhaupt, nur im direkten Vergleich. Schließlich einen optischer Bildstabilisator und Ultrapixel für alle, die professionelle Fotografien mit ihrem Smartphone machen möchten. Sind diese Features die gut 500 Euro Aufpreis im Vergleich zu einem Honor 5X gerechtfertigt? In meinen Augen nicht.

Es geht aber auch anders: Hersteller wie OnePlus und Xiaomi verpacken die Spezifikationen und Features eines 700-Euro-Flaggschiffs in ein 350-Euro-Smartphone. Womit sich zeigt: Am Ende bezahlt man bei den großen Herstellern nur noch für den Namen und vermeintliche Top-Features. Letztere dienen hauptsächlich dem Hype, rechtfertigen derweil aber keinesfalls einen derart großen Unterschied im Preis. Smartphones werden hauptsächlich für WhatsApp, Facebook Surfen, Musikhören und das ein oder andere Casual-Game genutzt — das schafft selbst ein Mittelklasse-SoC ohne jede Mühe. Wer schaut sich denn Fotos und Selfies der letzten Party an und ärgert sich dabei über kleine Qualitätsdefizite, die ohnehin nur bei genauem Hinsehen zu erkennen sind? Wohl die wenigsten. Fotos landen ohnehin meistens nur auf Facebook oder Instagram. Und wer ernsthaft fotografieren möchte, greift direkt zur DSLR.

OnePlus-2-schraeg-q_GIGA

Wir brauchen kein Statussymbol

Alles muss immer besser werden und die großen Hersteller lassen es aussehen, als würde man all die Features benötigen. Wir folgen dabei, ohne zu fragen. Dabei wäre es an der Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, ob weniger nicht auch genug sein kann. Und ich bin mir sicher: in einem Großteil der Fälle reicht „weniger“ allemal. Wir haben einen Punkt erreicht, an dem die Spezifikationen der Smartphones zwar mit jedem Jahr besser werden – die benötigten Ressourcen einer App hingegen mehr oder weniger gleich bleiben oder nur minimal steigen.

Die Smartphone-Mittelklasse bietet immer mehr Leistung für vergleichsweise wenig Geld, der Aufpreis zur Oberklasse ist meiner Meinung nach nicht gerechtfertigt. Die Konsumgesellschaft von heute erkennt oftmals gar nicht, wie viel Geld man beim Smartphone-Kauf sparen könnte, wenn man zu einem Mittelklasse-Gerät greift oder auch zu einem ein oder zwei Jahre alten ehemaligen Topmodell. Sobald wir einsehen, dass wir de facto nur noch für die Marke — sei es Samsung, HTC, LG oder Apple — zahlen und uns von dem Verlangen nach einem Statussymbol lösen, ist die Flaggschiff-Ära dem Ende geweiht.

Und noch eine Randnotiz zu guter Letzt: Natürlich bezieht sich dieser Kommentar nicht auf jeden Einzelnen. Das Beschriebene ist mein Eindruck vom Großteil der Gesellschaft. Damit gibt es natürlich eine Vielzahl von Personen, die in einer anderen Weise denken und handeln.

Artikelbild: Pixabay/Waldo93

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