„Journalisten, Händler, Vertriebsmitarbeiter, Kundenservice und Analysten können durch eine Software ersetzt werden,“ warnt der ehemalige Google-China-Chef und Computerwissenschaftler Kai-Fu Lee. Er hat überzeugende Argumente.

Was passiert mit unseren Jobs, wenn Roboter und Systeme mit künstlicher Intelligenz (AI) immer besser werden? Sind Industriearbeiter und Handwerker die ersten Opfer eines radikalen Wandels auf dem Arbeitsmarkt?

Nein, meint Kai-Fu Lee. Es wird zuerst die sogenannten „White Collar“- Arbeitskräfte treffen, also diejenigen, die in der Büro-, Handels-, Dienstleistungs-Branche tätig sind. Der renommierte Unternehmer und Autor hat über 50 Millionen Follower beim Micro-Blogging Dienst Sina Weibo, sein Wort hat Gewicht.

Intelligente Maschinen: „Sie arbeiten rund um die Uhr und sind effizienter“

„Die Dienstleistungsjobs sind einfacher zu ersetzen, weil sie ein rein quantitativer Analyseprozess sind,“ erklärte Lee gegenüber CNBC. „Um die Tätigkeit eines Industriearbeiters zu machen, braucht man manchmal Hand-Augen-Koordination. Das sind Dinge, für die Maschinen noch nicht gut genug sind.“

Handarbeit in der Kopfhörerproduktion bei Beyerdynamic aus Heilbronn (Bildquelle: Hersteller)
Handarbeit in der Kopfhörerproduktion bei Beyerdynamic aus Heilbronn (Bildquelle: Hersteller)

Dieses Argument ist nicht zu unterschätzen, denn tatsächlich werden heute trotz jahrzehntealter Prophezeiungen längst nicht alle handwerklichen Aufgaben von Maschinen ausgeführt. An vielen Stellen braucht es den Menschen, sein Feingefühl, seine Motorik, seine Sinne. Beweise hierfür findet man in Glasmanufakturen, bei Hi-Fi-Herstellern (etwa Beyerdynamic, siehe Bild), in der Modebranche und sogar in der hochautomatisierten Smartphone-Produktion. Manchmal kann ein Roboter eben nicht das leisten, wozu Menschen in der Lage sind. Noch nicht.

Quelle: Statista
Quelle: Statista

Reine „Intelligenz-Aufgaben“, wie etwa das Liefern passender Antworten auf Fragen im Kundenservice, können bereits jetzt und mit zunehmender Abdeckung von künstlicher Intelligenz übernommen werden. Der Hype um sogenannte Chat-Bots kommt nicht von ungefähr. Sie werden unser Leben verändern – nicht irgendwann, sondern ab sofort. Servicemitarbeiter am Telefon oder am Empfang haben keine guten Zukunftsaussichten.

Künstliche Intelligenz taucht überall auf und schleicht sich unauffällig, aber doch rasend schnell in unseren Alltag ein – manchmal ist sie keine Bedrohung, sondern geradezu liebenswert:

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Kai-Fu Lee ist sich sicher: „Roboter ersetzen eindeutig Arbeitsplätze. Sie arbeiten 24 Stunden, 7 Tage die Woche. Sie sind effizienter. Sie brauchen zwar etwas Programmierung, aber ein einziger Programmierer kann 10.000 Roboter programmieren.“ Lee prognostiziert, dass in der kommende Dekade die Hälfte aller von Menschen ausgeführten Jobs verschwinden wird. „Wir müssen umschulen und uns anpassen, damit jeder einen geeigneten Beruf finden kann.“

Von der Idee des bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) ist der Topmanager (unter anderem bei Apple, Microsoft, Google) nicht begeistert. Das Silicon Valley irre sich in seinen Annahmen bezüglich der Flexibilität und Voraussicht der Arbeitnehmer. „Freies Geld, das an entlassende Arbeitkräfte ausgegeben wird, mag einigen wenigen vielleicht zufällig bei der Arbeitssuche behilflich sein, aber wahrscheinlicher ist es, dass sie einfach auf einen neuen Job umsteigen, der ebenfalls bald abgeschafft wird. Anstatt einfach nur Geld umzuverteilen und auf das Beste zu hoffen, müssen wir gemeinsam eine umfassende Lösung finden, einschließlich der Schaffung neuer Berufe, Werte und sozialer Normen.“

Quelle: CNBC, The Washington Post