A Normal Lost Phone im Test: Gesellschaftskritik im Handy-Format

Michael Hoh

Am 26. Januar erschien das Videospiel-Debüt A Normal Lost Phone der französischen Indie-Developer Accidental Queens. Warum es sich lohnt, auf Spurensuche nach dem Besitzer des verlorenen Smartphones durch unzählige E-Mails und Kurznachrichten zu gehen, erfährst Du hier.

A Normal Lost Phone - Trailer.

Die Uhr schlägt zehn, als Du das Smartphone von der Straße aufhebst und das Display aktivierst. Der Player spielt noch immer leise Musik. „4 neue Nachrichten“, meldet ein Pop-up-Fenster. Du klickst auf den OK-Button und beginnst zu lesen: „Samuel, wo bist du? Sam, wir machen uns Sorgen. Bitte sag uns, dass alles in Ordnung ist.“ Alle Nachrichten in ähnlich besorgtem Ton. Instinktiv drückst Du die Anruf-Taste. „Kein ausreichendes Guthaben“, blinkt die Anzeige. Du versuchst ein brauchbares WLAN-Netz zu finden – aussichtslos. Ein Netz ist zwar in Reichweite, das Passwort aber kennst du nicht. Wie also das Smartphone seinem Besitzer zurückgeben? Der Beginn einer Spurensuche…

Mit A Normal Lost Phone feiern die französischen Indie-Developer Accidental Queens dieser Tage ihr Videospiel-Debüt. Nach dem sie für den Prototypen des Spiels beim Global Game Jam reichlich Applaus kassierten und obendrein den Game Connection Europe 2016 in der Kategorie „Best Indie Game“ gewannen, ist seit 26. Januar die Vollversion des Mysteryspiels auf Steam sowie für iOS und Android zu haben.

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Versteckte Gesellschaftskritik

Das Ziel des Spiels ist simpel. Du hältst ein gefundenes Smartphone in Händen und versuchst, anhand von Indizien – Nachrichten, E-Mails und dergleichen – seinen Besitzer Sam ausfindig zu machen oder zumindest Kontakt zu irgendjemandem herzustellen, dem Du das Phone übergeben könntest. Beim Wischen und Klicken durch Nachrichten und Apps wird jedoch schnell klar, die Lebensgeschichte, die sich dahinter verbirgt, ist alles andere als simpel. Das Mystery-Element und die nichtlineare Erzählstruktur teilt sich A Normal Lost Phone dabei mit dem im Herbst 2016 erschienen Mr. Robot, dessen Handlung sich ebenfalls um ein gefundenes Smartphone dreht. Obendrein erinnert die Art der Spurensuche auch dem 2015 erschienen Her Story. Inhaltlich ist das Spiel dem Indiehit Gone Home aus 2013 jedoch wesentlich näher.

Liest man durch die zahlreichen Nachrichten der Figuren um Sam, entfaltet sich ein realistisches Bild eines Kleinstadt-Teenagers, seinen Beziehungen zu Familie und Freunden, seinen Unsicherheiten, Wünschen und Zukunftsträumen. Das Spiel verdeutlicht auf einfühlsame Weise, wie familiäre Unterstützung beziehungsweise Erwartungshaltungen, aber auch der Rückhalt im Freundeskreis das Selbstbewusstsein und die Entscheidungen jedes einzelnen beeinflussen können. Leichte Kost ist Normal Lost Phone keineswegs. Das Spiel blickt hinter bröckelige Familienidyllen, streift Themen wie Homo- und Transphobie, Gruppenzwang oder Selbstmord und die Angst, aufgrund gesellschaftlichen Drucks nicht Du selbst sein zu können.

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Darf man das überhaupt?

Und natürlich wirft das Spiel auf einer zweiten Ebene die Frage nach dem „Darf man das überhaupt?“ auf. Zu Beginn ist es noch befremdlich, sich im Telefon eines anderen auf Spurensuche zu begeben. Doch es ist erstaunlich, wie schnell man sich in der Erzählung verliert und immer tiefer in die Privatsphäre des Protagonisten eindringt. Das sagt einerseits etwas über gutes Storytelling aus, aber auch, dass der kleine Voyeur in mir seine Neugier stillen möchte. Klar, hier handelt es sich um ein Spiel. Bei einem echten gefundenen Smartphone wäre ich sicherlich diskreter, doch die Frage bleibt: Wo liegen die Grenzen unserer Privatsphäre, physisch und digital?

A Normal Lost Phone entwirft aber keineswegs ein schwarzmalerisches Bild unserer Gesellschaft. Vielmehr zeigt das Spiel Lösungswege auf und gibt Ratschläge, die wunderbar in die Erzählstruktur des Spiels einfließen, ohne dass die Entwickler dabei mit der Moralkeule schwingen. Übrigens hat das Spiel seine positive Grundhaltung nicht zuletzt seinem Soundtrack zu verdanken, eine luftige Mischung aus Indie- und Singer-Songwriter-Musik, die in Sams Musikordner zu finden und während des Spiels, eben ganz wie bei einem realen Smartphone, frei anwählbar ist.

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A Normal Lost Phone
Entwickler: Accidental Queens
Preis: 2,99 €

Mein Fazit zu A Normal Lost Phone

Obwohl A Normal Lost Phone bereits nach maximal zwei Stunden (gesetzt dem Fall man liest sich durch wirklich alle Texte) zu Ende geht, ist die Spieldauer ausreichend, um das Spiel auf den Punkt zu bringen. Wenn Du obendrein A Normal Lost Phone auf Deinem Smartphone spielst, vergisst Du, trotz der offensichtlich eingeschränkten Funktionsfähigkeit des Designs, schnell, dass es sich um Dein eigenes handelt. Doch auch die PC- oder Mac-Version hat Vorteile. Die größere Bildschirm-Variante erleichtert Dir auf Dauer, die unzähligen Nachrichten konzentrierter zu lesen. Dem Storytelling tut dies keinen Abbruch. Im Gegenteil, Du behältst leichter den Überblick. Auf großen Rätselspaß muss man bei A Normal Lost Phone weitgehend verzichten. Trotz des Mystery-Faktors besteht die Aufgabe eher darin, verschiedene Nachrichten und Mails gegeneinander abzuwägen und zu einem großen Ganzen zu kombinieren, um der Lösung näher zu kommen. Doch wenn Du nicht davor zurückschreckst, Dich durch einen Berg an Nachrichten, E-Mails und Fotogalerien durchzuklicken, wirst Du als Fan interessant erzählter Geschichten absolut belohnt werden.

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