Begrabe mich, mein Schatz im Test: Spielball des Schicksals

Michael Hoh

Begrabe mich, mein Schatz ist ein neues Game von Pixel Hunt für iOS und Android, das die unterschiedlichen Schicksale von Geflüchteten durch interaktives Storytelling erfahrbar macht.

Nour liebt Majd. Und Majd liebt Nour. Nachrichten und Fotos, die sie sich über ihren Instant Messenger schicken, beweisen das. Doch Nour und Majd stehen harte Zeiten bevor. Sie werden sich auf unbestimmte Zeit nicht sehen können. Denn Nour wird flüchten. Nur raus aus Syrien, das hat sie sich vorgenommen. Nur schnellstmöglich das Land verlassen. Den Krieg, die Zerstörung, das Elend einfach zurücklassen. Auch Majd, ihren Ehemann, wird sie zurücklassen. Er kann so ohne weiteres nicht weg. Noch nicht. Er muss bleiben, um sich um seine Großeltern zu kümmern. Seine Eltern kamen bei einem Bombenangriff ums Leben. Und so verabschiedet sie sich von Majd mit dem syrischen Gruß „Begrabe mich, mein Schatz“, was so viel heißt wie „Pass auf dich auf“, und macht sich alleine auf den Weg. Sie verlässt ihre Heimatstadt Homs, um woanders ein besseres Leben zu beginnen. Ihre einzige Verbindung zurück zu ihrem Majd: der Instant Messenger auf ihrem Smartphone.

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Eine Vielzahl von Schicksalen

Laut der UN Refugee Agency waren im letzten Jahr 65,5 Millionen Menschen auf der Flucht, ein Rekord in den Statistiken der Agentur. Nour und Majd tauchen darin jedoch nicht auf. Denn Nour und Majd sind fiktionale Charaktere in Begrabe mich, mein Schatz, einem von Pixel Hunt entwickelten und von Fig und dem deutsch-französischen TV-Sender Arte co-produzierten Videospiel, das seit 26. Oktober für iOS und Android erhältlich ist. Und dennoch spiegelt die Geschichte der beiden die beschwerliche Reise unzähliger Einzelschicksale nach Europa wider. Florent Maurin hat sich bei der Entwicklung des Games von zahlreichen Geschichten von Geflüchteten inspirieren lassen, insbesondere von einem Artikel in der französischen Zeitung Le Monde. Über Whats-App-Nachrichten wurde darin die beschwerliche Reise zweier Geflüchteter rekonstruiert.

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Schwerer Weg ans Ziel

Für Nour beginnt die Reise am 4. März. Doch nicht für dich. Denn du spielst Majd, Nours Ehemann. Und während sie sich auf den Weg zur Bushaltestelle macht, um den nächsten Bus nach Beirut zu nehmen, wo sie ein Flieger ein Stückchen weiter Richtung Europa bringen soll, sitzt du zuhause und schreibst und wartest, und wartest und schreibst, nur um das Gefühl zu haben, Nour sei nicht ganz alleine gen Europa gezogen; der Instant Messenger als einzige Verbindung zwischen dir und deiner Frau.

Das Gameplay selbst gestaltet sich deshalb sehr einfach. Du folgst der auf Instant-Messenger-Nachrichten reduzierten Handlung und hast ein Auge auf Nours Route über GPS. Nur manchmal gibst du Ratschläge. Soll Nour lieber noch ausharren, weitergehen oder gar einen ganz anderen Weg einschlagen? So hast du nicht nur Einfluss auf ihre Route, sondern auch auf ihren Gemütszustand, von ihrem geringen Budget ganz zu schweigen. Doch genau hier wird deutlich, welche Tragweite banal scheinende Ratschläge haben können. Einmal zu lange gezögert und schon ist der Bus in die nächste Stadt abgefahren; den falschen Leuten vertraut und schon landet man in einem polizeilichen Verhör im Nirgendwo. Auf ihrer Reise nach Europa kann Nour 50 mögliche Städte anvisieren. 19 verschiedene Enden hat das Spiel. Und nicht alle enden am ersehnten Zielort. Zweimal habe ich das Spiel durchgespielt, ans Ziel habe ich es nicht geschafft.

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Spielen in Echtzeit

Das Besondere, das Begrabe mich, mein Schatz von anderen interaktiven Storys dieser Art unterscheidet: man kann es in Echtzeit spielen. Wenn Nour sich gerade einen neuen Schlafplatz suchen muss, im Bus schläft oder einfach kein Netz hat, sitzt du rum und kannst nichts unternehmen. Erst wenn Nour die Möglichkeit hat, dir zu schreiben, ist die Zeit der Ungewissheit vorüber. So kann es schon einmal zwei Tage dauern, bis man das nächste Lebenszeichen von Nour bekommt. Und man bekommt eine leise Ahnung, wie zermürbend und nervenaufreibend das Vorhaben einer Flucht nicht nur für die Geflüchteten, sondern für die ganze Familie ist.

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Fazit zu Begrabe mich, mein Schatz

Was Florent Maurins interaktive Geschichte am deutlichsten zeigt: keine Flüchtlingsgeschichte ist gleich. Ob jemand schnell, langsam oder gar nicht ans Ziel kommt, bleibt eigentlich dem Zufall überlassen, hängt von der Route ab, die eingeschlagen wird, wie gewieft agiert wird oder – ganz banal – um welche Uhrzeit der nächste Bus fährt. Sich als Spielball seiner Umstände zu begreifen und trotzdem weiterzugehen, braucht Kraft, denn die meisten Menschen, die ihre Heimat verlassen (müssen), um anderswo Schutz zu suchen oder einfach ein besseres Leben vermuten, sind, wie das Spiel eindrucksvoll zeigt, auf sich allein gestellt.

Diesen Umstand ein klein wenig nachvollziehen zu können, bietet natürlich keine Lösungsansätze. Wie sich die europäische Politik und Bevölkerung gegenüber den Geflüchteten verhalten kann, soll oder muss, steht auf einem anderen Blatt. Aber das ist auch nicht der Sinn dieses Games. Es geht in erster Linie darum, dir die Möglichkeit zu geben, dich für ein Thema zu sensibilisieren, von dem du häufig nur das Ende in Schlagzeilenform präsentiert bekommst: die Ankunft am ersehnten Ziel oder der Tod auf dem Mittelmeer. Die Grauzonen dazwischen bleiben meist unbeleuchtet und die schafft das Spiel auf eine sehr simple Art und Weise etwas greifbarer zu machen.

Wird dir gefallen, wenn du interaktive Storys, die dir neue gesellschaftliche und politische Perspektiven eröffnen, zu schätzen weißt.

Wird dir nicht gefallen, wenn du keine Lust auf Text hast und eher auf Grafik, Action und Spannung setzt.

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