Entwickler Variable State bezeichnet Virginia als „immersives Drama“. Dieses Versprechen kann das Spiel aber leider zu keinem Zeitpunkt einhalten, da es zu sehr damit beschäftigt ist, zu viel zu sein.

 

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Facts 
Virginia - Trailer

Virginia ist kein klassisches Spiel, sondern ein spielbarer Film. Es versucht eine cineastische Erzählstruktur in ein Videospiel zu pressen. Und ich schreibe ganz bewusst pressen, da das nicht ganz so gut klappt. Das liegt erster Linie daran, dass die Handlung es nicht schafft in Gang zu kommen und auch die filmische Inszenierung hinterherhinkt.

Virginia spielt in der gleichnamigen Stadt, die Schauplatz eines mysteriösen Verschwindens wird. Du schlüpfst in die Rolle von FBI-Agentin Anne Tarver, die gemeinsam mit ihrer Partnerin Maria Ortega versucht den verschwundenen Lucas Fairfax wiederzufinden. Auf dem Papier klingt das nach Mysterien, Detektivarbeit und Geheimnissen. Alles Dinge, die zwar aufkommen, aber dann größtenteils auch ganz schnell wieder irgendwohin verschwinden.

Deine zwei Hauptaufgaben in Virgina sind es zu laufen und die linke Maustaste beziehungsweise den Button zu drücken. Das wäre im Normalfall gar kein Problem, denn oft als Walking-Simulatoren bezeichnete Spiele, wie das tolle Gone Home, tun das ständig, schaffen es aber im Optimalfall auch, Dir eine gewisse Freiheit zu geben.

Deputy Hill at the Fairfax place

Nun ist Virginia ein Spiel, das Dir absolut keine Möglichkeit gibt, etwas anderes als das zu tun, was der Entwickler will. Es präsentiert immer exakt, wo denn jetzt der nächste Ort ist, um die Geschichte voranzutreiben und es offenbart sich auch nie ein Grund, nicht direkt zu diesem Punkt zu laufen, sondern stattdessen lieber die restliche Umgebung zu erkunden. Du kannst einfach fast nichts tun.

Virgina zwingt mich zuzusehen, wie ich nur mit den richtigen Gegenständen interagieren darf. Das nervt aber extrem, da ich als FBI-Agentin in einem Fall ermittle und ich somit auch gerne ermitteln würde. Es gibt da noch so viele andere Objekte, welche ich interessant finde, mit denen ich aber nicht interagieren darf. Hier verteufle ich übrigens nicht das Genre der Walking-Simulatoren, denn bei anderen Spielen mögen viele Interaktionsmöglichkeiten vielleicht gar nicht wichtig sein.

All diese negativen Punkte geschehen, da Virginia ein „immersives Drama“, ein spielbarer Film, sein will. Man darf also nicht mit der Erwartungen eines richtigen Adventures an das Spiel herangehen, sondern muss es vielmehr als eine spielbare Episode Twin Peaks sehen. Überall scheint schließlich der Geist von David Lynch herumzuschwirren: unzählige Details, eine sehr verwirrende Geschichte und immer hat man das Gefühl, dass da doch noch was sein muss. In solchen Augenblicken glänzt Virginia dann auch, das geschieht allerdings viel zu selten. Man sollte das Spiel aber definitiv mehrmals beenden, um wirklich alle Einzelheiten der Welt gesehen zu haben.

Meadow

Mein Test-Fazit zu Virginia

Es geht gar nicht darum, dass Virginia ein schlechtes Videospiel ist, denn ein klassisches Spiel ist es ohnehin zu keiner Zeit. Das Hauptproblem des interaktiven Erlebnisses ist, dass es einfach kein guter Film ist: Der sogenannte Jump Cut wird zu exzessiv verwendet und hat bereits nach wenigen Einsätzen an seiner eigentlich Funktion, die Kontinuität zu unterbrechen, verloren. Den Spieler in die Rolle des Kameramanns zu versetzten funktioniert nicht, da man dadurch gerne mit allem interagieren würde, was ja nicht funktioniert. Und dann kommt noch hinzu, dass kein einziges Wort gesprochen wird und das für die ohnehin schon stockende Geschichte nicht gerade förderlich ist.

Die einzigen Höhepunkte in Virginia sind der wunderschöne Soundtrack und der tolle Grafikstil. Ansonsten kann das Spiel zu keiner Zeit seine Stärken als vermeintlicher Film ausspielen. Leider funktioniert die Idee hinter Virginia schlicht und einfach nicht.

Virginia ist für Windows PC, Mac, PlayStation 4, Xbox One und NVIDIA GeForce Now erhältlich.

Entwickler: Variable State
Preis: 9,99 €

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Wertung

4.5/10
“Das Konzept hinter Virginia ist toll, die Umsetzung aber mangelhaft. Zu keiner Zeit fühlte ich mich als Teil der Aufklärungen rund um die Mysterien der Stadt. Zwar muss ich als großer Lynch-Fan über die vielen Anspielungen schmunzeln, aber das genügt dann auch nicht, damit mich das Spiel in seinen Sog zieht.”
Lukas Flad
Lukas Flad, GIGA-Experte.

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