Horror-Szenario Datenmissbrauch: Das Spiel Orwell zeigt, wie schnell alles eskalieren könnte

Lisa Fleischer

Zwischen der nächsten Online-Plattformen, unverzichtbaren Ortungsservices und der praktischen Datenspeicherungen ist es passiert: Wir haben längst aufgegeben, unsere Fußabdrücke, die wir im Netz hinterlassen, im Überblick zu halten. Wohin das im schlimmsten Fall führen kann, zeigt das Spiel Orwell.

Hinweis: Dieser Artikel enthält massive Spoiler zur Geschichte und dem Ende des Spiels Orwell. Du solltest ihn nur dann lesen, hast du das Spiel schon durch oder willst du Orwell sowieso nicht selbst ausprobieren.

Ich wohne nicht in der Nation. Ich bin außerhalb – und damit muss ich leider auch auf ein solch tolles Sicherheitssystem verzichten, wie es der Nation dank Orwell geboten wird. Dafür bietet mit die Regierung von der Nation einen Job an, den ich ganz einfach von zu Hause in meinem Land ausführen kann: Ich soll die virtuellen Fußabdrücke bestimmter Personen in der Nation überprüfen und Auffälligkeiten – sogenannte Datachunks – an das Sicherheitssystem Orwell weitergeben. Erst dann sehen sie auch die direkten Angestellten der Sicherheitsservices, die anschließend entsprechende Schritte einleiten.

Orwell: Keeping an Eye On You
Entwickler: Osmotic Studios
Preis: 9,99 €

Eigentlich kein spektakulärer Job, denke ich mir, wahrscheinlich werde ich kleine Diebstähle und Rangeleien untersuchen und der Regierung bei der Lösung dieser Fälle helfen. Das klingt nach einer spannenden Abwechslung zu meinem sonstigen Leben und deshalb entschließe ich mich auch, anzunehmen. Was ich damals noch nicht weiß: Gleich an meinem ersten Tag bei Orwell gibt es im Zentrum der Nation einen schrecklichen Anschlag, mehrere Personen sterben oder werden schwer verletzt.

Obwohl ich neu bin, werde ich damit beauftragt, bei der Aufklärung des Anschlags zu helfen. Mein einziger Anhaltspunkt: Cassandra Watergate, eine Frau, die kurz vorm Anschlag am Ort des Geschehens war – und der Polizei bekannt ist! Vor einiger Zeit soll sie bei einer Demonstration einen Polizisten so schwer verletzt haben, das er wohl dauerhaft Schäden davon tragen wird – jetzt vermutet die Regierung, dass sie auch mit dem Anschlag in Verbindung steht. Ich schaue mir also die über sie bekannten Informationen an – ihre Polizeiakte, ihr Online-Portfolio als Künstlerin und ihren uTell-Verlauf, eine Art WhatsApp.

Cassandra ist unschuldig – doch bringe das Mal der Regierung bei!

So finde ich heraus, dass Cassandra eigentlich die Tochter reicher Pharma-Unternehmer ist – sie selbst ist inzwischen aber Künstlerin und wirkt auf mich eigentlich so gar nicht wie eine Terroristin. In ihrem Profil finde ich Katzenbilder, sie führt eine Beziehung zu einem Anwalt und wirkt Bodenständig. Trotzdem grabe ich weiter – schließlich will ich auch der Regierung der Nation vermitteln, dass sie vermutlich unschuldig ist, dafür muss ich aber mehr und mehr Datachunks sammeln.

Cassandra hat offenbar Kontakte zu einer Gruppe von Aktivisten, die ebenfalls an der Demo teilgenommen haben, auf der Cassandra den Polizisten angegriffen haben soll. Ich nehme die Aktivisten ebenfalls als Datachunk in Orwell auf – und versuche im folgenden mehr über sie herauszufinden. Sollten sie Dreck am Stecken haben, sollten sie vielleicht sogar Schuld an der schlechten Gesundheit des Polizisten haben, kann ich Cassandra vielleicht entlasten.

Datensammlen beim Zocken: Das weiß Sony über dich

Bei meiner Recherche stoße ich jedoch auf einen folgenschweren Chat-Verlauf – offenbar ist Cassandra doch schuldig, was den Polizisten anbelangt! Doch der Angriff kam nicht aus dem Nichts, sie rettete damit ihrer Freundin Juliet Kerrington das Leben, die offenbar von dem Polizisten bedroht wurde und Angst um ihr Leben hatte. Für mich ist klar: Sie handelte aus Notwehr! Doch die Nation sieht das anders: Cassandra wird verhaftet, was aus ihr geworden ist, sollte ich niemals herausfinden. Denn in genau diesem Moment wird der zweite Anschlag auf die Nation verübt.

Im Dreck wühlen für die Nation

Warum mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar ist, was ich später weiß, ist mir schleierhaft. Trotz des Zwischenfalls mit Cassandra arbeite ich auch am folgenden Tag weiter für die Nation. Ich nehme mir jetzt die ganze Aktivisten-Gruppe vor, die unter dem Namen Thought bekannt ist, finde heraus, wer ein Teil ist, was ihr Ziel ist und was für Aktionen sie bereits durchgeführt haben. Anfangs verstärkt sich mein Verdacht, dass die Gruppe etwas mit dem Anschlag zu tun hat.

Doch umso mehr ich über die beteiligten Personen herausfinde, umso mehr erinnern sie mich an friedliche Aktivisten, die ich selbst persönlich kenne – idealistische Studenten und ihr Dozent, die alle von einer besseren, freien, gerechten Welt für alle träumen. Ja, vielleicht sind sie wütend, vielleicht drücken sie sich aus, ohne ihre Wortwahl zu überdenken und sicherlich gibt es unter ihnen übermotivierte Mitglieder, die auch mal über die Stränge schlagen. Aber unschuldige Menschen verletzen, unschuldige Menschen sogar umbringen – das ist nicht ihre Art.

Natürlich versuche ich auch das der Nation mitzuteilen, doch solche Dinge lässt das System offenbar nicht zu – es will nicht meine persönliche Meinung, es will nur die Daten, auf die ich Zugriff habe und sie nicht. Weil es für mich keinen anderen Weg gibt, versuche ich deshalb mit Nachdruck, den wirklichen Schuldigen zu finden – um Thought endgültig zu entlassen. Dabei stoße ich auf „concerned1“, ein spätes Mitglied von Thought, das sich besonders aggressiv artikuliert.

Plötzlich klebt Blut an meinen Händen

Später finde ich heraus, dass der Account einer Nina gehört, eine Frau, die alles verloren hat – und die die Schuld offenbar auf die Regierung schiebt. Sie hat das größte Motiv von allen, zudem ist sie eine ehemalige Soldatin, die sich mit dem Bau von Bomben auskennt und vermutlich ein Trauma durch ihre Einsätze hat – psychisch angeschlagen also. Natürlich muss ich meine Erkenntnisse mit Orwell teilen.

Ab hier geht noch mehr schief: Wegen eines Hackers, der meiner Arbeit unerwartet auf die Spur kommt und Nina warnt, versucht sie zu fliehen – mit ihrem kleinen Sohn, denn ja, sie ist Mutter, und einer Handwaffe im Gepäck. Hier wird es mir zu riskant, das habe ich alles nicht gewollt! Ich stoppe meine Reportings an Orwell. Doch offenbar ist es schon zu spät. Die Regierung weiß durch mich von Ninas Flucht und ordnet Passkontrollen an.

Durch Orwell und den durch mich offen gelegten uTell-Verlauf von Nina erfahre ich noch, dass die arme Frau in eine dieser Kontrollen gerät. Aufgrund ihrer Angsstörung, die bestimmt aus ihrem vermuteten Trauma hervorgeht, sieht sie sich in die Enge getrieben. Für sie scheint der einzige Ausweg die direkte Konfrontation zu sein. Sie zieht ihre Waffe – und hier bricht die Verbindung ab.

Später erfahre ich, dass sie von den Beamten niedergeschossen wurde. Sie ist zwar noch am Leben, wird mir von meinem Vorgesetzten mitgeteilt, doch es geht ihr sehr schlecht, sie wird es wohl nicht überleben. Natürlich ist das meine Schuld. Selbst wenn Nina die Anschläge verübt hat, wer bin ich, dass ich über sie richten darf, klebt an meinen Händen doch inzwischen mindestens genauso viel Blut.

Zwischen den Stühlen: Helfe ich Orwell oder helfe ich Thought?

Und trotzdem höre ich mit der Suche nach dem Schuldigen noch nicht auf. Ich finde, das bin ich Nina schuldig – wenn ich sie schon nicht retten konnte, will ich doch wenigstens herausfinden, wer für diesen ganzen Mist hier verantwortlich ist. Kurz verdächtige ich sogar die Regierung selbst – doch das kann nicht wirklich sein, oder? Währenddessen macht mir wieder dieser nervige Hacker zu schaffen, der sich inzwischen Thought angeschlossen hat. Und um vier Uhr Nachmittags soll auch noch ein Treffen der Gruppe stattfinden. Die Sicherheitsbehörde will zu diesem Zeitpunkt zugreifen und alle beteiligten Dingfest machen – wenn ich sie bis dahin nicht von Thoughts Unschuld überzeuge.

Ich schaffe es nicht – aber das brauche ich auch gar nicht: Punkt 4 Uhr übernimmt der Hacker nämlich Orwell und mir offenbart sich der Treffpunkt der Gruppe: Sie treffen sich online, in Orwell selbst, und ich lese alles mit, während der Hacker von meiner Anwesenheit weiß. Obwohl ich nicht in der Nation lebe, bin ich ein offenes Buch für Orwell und nun auch Thought – mein schlimmster Albtraum wird wahr!

Thought und vor allem Cassandras Freundin Juliet, die ein wichtiges Mitglied ist, fordern mich auf, Orwell zu zerschlagen, weil ich die einzige bin, die die Macht dazu hat – und jetzt stehe ich zwischen den Stühlen. Nachdem das Meeting von Thought beendet ist, habe ich wieder vollen Zugriff auf das System. Und jetzt kommt der Oberhammer: Ich finde heraus, dass Nina tatsächlich schuldig war, aber nicht eigenmächtig handelte – insofern ist ihr Ende noch viel tragischer.

Hinter allem steht stattdessen Juliet, die ich am wenigsten von allen verdächtigt habe, sie schien mir bislang völlig gefestigt und stabil. Sie war es, die Nina die Anweisungen gab, indem sie sich als jemanden ausgab, dem Nina vertraute. Doch das ist nicht alles: Fast im selben Zug finde ich heraus, dass der Anschlag den Verantwortlichen hinter Orwell wohl in die Karten spielte, sie freuten sich regelrecht, dass sie nun endlich Aktivisten eins auswischen konnten.

Mein Gesicht in Orwells Akten: Der Schock meines Lebens

Eine ganze Weile lang starre ich einfach nur stumm auf meinen Bildschirm: Ich könnte den Anschlag aufklären. Doch wäre ich damit fein raus? Nicht wirklich, ich habe inzwischen Leben auf dem Gewissen und auch wenn Juliet bei mir inzwischen ganz schön an Ansehen verloren hat, will ich nicht auch noch für ihren Tod verantwortlich sein. Doch wenn ich Orwell jetzt melde, dass die Sicherheitsbehörde mit dem Anschlag glücklich ist, ist auch das im System, es gelangt womöglich an die Medien – und das wäre das sichere Ende für Orwell!

Will ich das? Ich bin mir lange nicht sicher, doch dann denke ich mir: Ein System, das für so viel staatliche Gewalt verantwortlich ist, dass keinen Kontext gibt, zu Missverständnissen führen kann und im schlimmsten Fall zu gravierenden Fehlern führt, ist kein gutes System. Und so lasse ich Juliet ungeschoren davon kommen und melde die Verantwortlichen hinter Orwell. Später sollte das Programm von der Regierung eingestellt werden – ich bin erst einmal erleichtert, dass ich jetzt eine Pause machen kann.

Am nächsten Tag mache ich meinen PC wieder an, wie immer startet Orwell automatisch – und auf einmal höre ich meinen eigenen Herzschlag: Ich – bin – im – System.

Die Regierung hat Nachforschungen zu meiner Person angeordnet, die Medien haben mich in einem Artikel erwähnt, mit einem Foto von mir. Jeder, der an Orwell teilnimmt – und ich bin mir sicher, ich bin nicht allein – kann nun gegen mich ermitteln, meine Timeline einsehen, vielleicht sogar mein Telefon abhören. Das sollte doch gar nicht möglich sein, ich bin nicht in der Nation – und trotzdem sehe ich es hier vor mir, auf meinem Bildschirm. Ich bin geliefert – aber eigentlich habe ich doch gar nichts getan, oder?

Alles nur ein Spiel

Orwell haben wir dir bereits 2016 in einem kurzen Artikel vorgestellt. Willst du mehr über das Spiel wissen, empfehlen wir dir den ersten Trailer zum Spiel, der schon eindrucksvoll zusammenfasst, was dich erwartet.

Orwell: Keeping an eye on you – Ankündigungs-Trailer.

Doch bevor ich schreien kann, bevor mir das ganze Ausmaß bewusst wird, bevor ich daran denke, was ich sicherlich schon mal von mir gegeben habe, in einem unbedachten Moment, kommt der Abspann. Ich glaube, ich war noch nie so froh, dass alles nur ein Spiel war – Orwell ist ein Spiel, das rufe ich mir immer wieder ins Gedächtnis, während mich mein Gewissen quält, dass ich hier gerade zum Spitzel werde.

Du willst deine Daten ab sofort besser schützen? Wir geben dir Tipps, wie das gelingen kann.

Bilderstrecke starten
16 Bilder
Datenschutz-Thementag bei GIGA: Das sind die Tipps der Redaktion.

Ich hoffe natürlich, dass unsere Daten sicher sind. Dass sie zu Werbezwecken anonymisiert weiterbverarbeitet werden, aber niemals so genau angeschaut werden, wie ich mir die Daten der In-Game-Charaktere in Orwell angeschaut haben. Wäre dem nicht so, wäre das nämlich mehr als erschreckend – es wäre der Horror, wie Orwell eindrucksvoll beweist.

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Weitere Themen

Neue Artikel von GIGA GAMES

  • Unsere Geheimtipps von der gamescom 2019

    Unsere Geheimtipps von der gamescom 2019

    Zur gamescom gehen jedes Jahr zahlreiche Spieler, um verschiedenste Titel auszuprobieren. Viele große Publisher sind auch 2019 auf der Messe in Köln vertreten und stellen neue Spiele vor. Zwischen den Blockbustern finden sich immer wieder Titel von kleinen Studios, die relativ unbekannt sind. Ein paar Geheimtipps dieser gamescom stellen wir dir hier vor.
    Steffen Marks
  • Need for Speed Heat: Alle Tuning-Optionen im neuen Ableger

    Need for Speed Heat: Alle Tuning-Optionen im neuen Ableger

    Tuning spielt natürlich auch in Need for Speed Heat eine immense Rolle und im Vergleich zum Vorgänger Need for Speed Payback hat sich wieder einiges geändert. Wir stellen euch die Features und Infos rund ums Tuning genauer vor.
    Christopher Bahner
* Werbung