Scorn in der Vorschau: Das verstörendste Spiel des Jahres?

Marina Hänsel 2

Atmet es?, fragt der Mann ohne Haut, während er sich langsam dem unförmigen Stück Fleisch nähert. Er kickt mit dem Fuß gegen es, sinkt in etwas, das wie ein Sack voll Drüsen leise brummt und tritt dann zurück. Es atmet.

Scorn ist unangenehm. Bis in den letzten Winkel seiner bestialischen, faszinierenden Welt:

Scorn - Teaser-Trailer.

Und als er seine Knochenwaffe mit einem seiner Backenzähne nachlädt und das Ding erschießt, erfüllt ihn eine sanfte, amoralische Genugtuung. Jetzt atmet es nicht mehr. Ich indessen lege die Maus einen Moment beiseite, lehne mich zurück und starre auf den Bildschirm. Es hat sich auf gewisse Weise gut angefühlt, dieses Wesen kaputtzumachen, obwohl es nur unschuldig an einer Art Blutnetz hing und saugte. Hätte es mich bemerkt, wäre es natürlich aggressiv geworden. Ganz sicher.

Warum ich jedoch einen langen Moment dabei zuschauen musste, wie es zuckend über den Boden kriecht und eine Blutspur hinter sich zurücklässt, weiß ich nicht. Oder doch: Scorn macht mich zum Sadisten. Scorn verzichtet völlig auf Jump-Scares oder Schockmoment. Die ersten 30 Minuten vergehen ohne Angst oder Dunkelheit; alles, woran ich mich jetzt noch erinnere, ist die Welt, die mich mit ihren schleimigen Adern umgibt und überwältigt. Wie ein lebendiger, widerlicher Organismus, der mich solange verdaut, bis ich ein Teil von ihm werde.

H.R. Giger zieht dir die Haut ab

Du hast es vielleicht schon geahnt: Scorns Bilder erinnern an etwas und spätestens, wenn ich „Alienô von 1979 erwähne, wirst du langsam nicken und leise „Ahja“, sagen. H.R. Giger ist der Künstler hinter den Horror-Zeichnungen, die dem Alien unter Ridley Scotts Führung Leben eingehaucht haben. Stell dir vor, du dürftest in das Universum des ersten Alien-Teils reisen, landest aber nicht auf unserer Seite des Universums, sondern… woanders. Dort, wo die Vorfahren dessen leben, das Sigourney Weaver beinahe aufgefressen hätte.

Dann ziehst du dir gedanklich die Haut ab, denn Scorn spielst du völlig nackt. Befreit von allem, was dich vor der Dunkelheit schützen könnte.

Eine atmende, gurgelnde Welt

Während die Alpha-Demo nur einen Teil dessen zeigt, was im eigentlichen Spiel geschehen soll, liefert sie doch ein grafisch lupenreines, ekelhaftes Bild. Du startest in einem leeren, braun-dunklem Raum und öffnest die Tür vor dir mit einem Stein, auf dem seltsame Schriftzeichen leuchten. Du hast keine Map, kein Inventar. Der Gang vor dir scheint leise zu stöhnen, die Wände sind starr und doch ziehen sich Sehnen und dicke Adern an manchen Stellen in das Innere der Architektur. Eine Art Speiseröhre läuft in einer Nische nach oben; etwas verdickt sie und wandert durch sie hindurch, weiter in die Wand hinein.

Du weißt nicht, wo oder wer du bist. Kein Tutorial, kein einziges Wort über irgendetwas, das dich auf Scorn vorbereitet. Also erkundest du, öffnest Türen und findest allzu bald heraus, dass die Wesen, die an den blutigen Röhren hängen, aufwachen und dich angreifen können.

Gibt es ein Geheimrezept für Angst?

Du schießt mit einer Pistole, die aus einem Knochen mit Fischschwanz geformt ist. Ist es dein Knochen, sind es deine Zähne, die als Munition dienen? Der ekelhafteste Moment war für mich seltsamerweise das Nachladen - nicht, weil es tatsächlich blutig dargestellt ist. Gore und Schockmomente sind im Grunde nicht existent, wobei ‘Gore‘ für Scorn vielleicht neu definiert werden müsste. Nein, eine Gänsehaut bekam ich jedes Mal, wenn der Mann ohne Haut, den ich spiele, diesen einen letzten Zahn in die Öffnung setzt und ein ganz klein wenig nachdrückt. Sanft.

Über diverse Maschinen erweiterst du deinen Körper mit neuen Werkzeugen. Stecke deinen Arm in eine Öffnung und erhalte einen weiteren Knochen, den du aus deiner Hand schießen kannst. Der nächste Mechanismus schneidet deinen Unterarm auf, verbindet sich mit ihm. Der Mann ohne Haut gibt kein Geräusch von sich, ich glaube nicht, dass er Schmerzen fühlt. Vielleicht gibt es hier keinen Schmerz. Oder nichts, das im Gegensatz dazu stehen und Schmerz definieren könnte.

Sieh‘ nicht hin

Unangenehm wird es erst mit der Zeit. Wenn du noch mehr Fleischhaufen gesehen und erschossen hast. Wenn dir deine Zähne ausgehen und du in einen Raum gelangst, der von einem riesigen, leuchtenden Tentakel beherrscht wird und dich… einfach tötet. Ohne dich zu berühren. Deine Welt verschwimmt, wird weiß, dein Herz beginnt zu rasen und du fällst zu Boden. Renn weg, sieh weg, denn nur so kannst du entkommen.

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Fazit: Ich will mehr

Scorn wird vom serbischen Studio Ebb Software entwickelt und erntete Mitte Oktober knapp 200.000 Euro mit Hilfe von Kickstarter. Wann das Spiel erscheinen soll, ist noch nicht bekannt. Auf der Webseite zum Spiel wollen dich die Entwickler wöchentlich auf dem Laufenden halten, doch ihre Ziele bei Scorn sind hochgesteckt und sollen kompromisslos umgesetzt werden: Eine atmende, lebendige Welt, die der eigentliche Protagonist in Scorn ist; bizarre Wesen, die aggressiv, neutral sowie ängstlich reagieren können und jeweils auf dein Verhalten reagieren; und schließlich ein organisches Leveldesign, das dich auf der Makro- sowie auf der Mikroebene ins Geschehen zieht und nicht wieder loslässt. Falls Ebb Software das umsetzen kann, was ich in der Alpha erblühen gesehen habe, dann warte ich nur allzu gern auf das Ergebnis.

Ein so unfairer, schneller Tod sollte frustrieren, was er in gewisser Weise auch tut. Aber gleichsam funktioniert er wunderbar in dieser Welt, die so verboten und falsch wirkt. Du darfst nicht hinsehen. Du musst hinsehen.

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