10 Gründe für den Heftig-Stil: Nummer 11 haut euch um!

Flavio Trillo 14

Die Überschrift lügt. Dieser Artikel ist weder eine Top-Liste, noch gibt es Punkt 11. Aber sie muss lügen, da sonst niemand den Artikel liest. Schließlich wollen wir alle nur noch das Beste vom Besten, fein portioniert in mundgerechten Häppchen. Oder?

Die Aufregung um die Überschriften von heftig.co und seinen unsäglichen Nachahmern (zu denen inzwischen immerhin Größen wie DRadio WissenFocus Online11Freunde oder ZDF heute gehören) ebbt nicht ab. Während es zu Beginn mehr um die fragwürdigen Quellen der Inhalte solcher Seiten oder die vermeintlich geheime Identität der Strippenzieher dahinter ging, steht inzwischen etwas anderes im Vordergrund.

Begriffe wie „Klickhuren“ oder „Traffic-Prostitution“ werden verwendet, um das Verhalten der Tränendrüsen-Presse zu Beschreiben. „Ihr werdet nicht glauben,…“, „Was dann geschah, rührt euch zu Tränen“, „… veränderte sein Leben“ und ähnliches mehr lässt Viele genervt die Social-Media-Filter aktivieren. Sogar einen eigenen tumblr-Blog gibt es, der heftige Entgleisungen anderer Publikationen sammelt. Manch einen reißt es zu wütenden Blog-Beiträgen hin.

„Jetzt muss ich einfach mal ein bisschen Dampf ablassen“, schreibt Tobias Gillen, freier Redakteur unter anderem für Stern und Spiegel. Er fordert: „Abheben von heftig.co — nicht nacheifern!“

Clickbait: Bedeutung einfach erklärt an 6 Beispielen

Warum muss es eigentlich heftig sein?

Die Frage nach dem „Warum“ scheint leicht beantwortet. Klicks. Shares, Likes, Retweets und – letztlich – Klicks, die sich über Werbung in bare Münze verwandeln lassen. So weit, so klar.

Das eigentliche Rätsel lautet also: Warum funktionieren diese Inhalte? Warum werden Inhalte mit Titeln wie „Ein Mann hat 7 Tage lang den Himmel auf Teneriffa gefilmt. Was er sah, nimmt mir den Atem“ über 13.200 Mal geteilt und ihre Autoren nicht unter lauten Rufen von „Schande!“ und „Pfui!“ in die nächstgelegene Klärgrube geworfen?

Eine Studie der Wharton School an der Universität von Pennsylvania hat das Phänomen „virale Inhalte“ untersucht. Die Forscher analysierten Artikel der New York Times über einen Zeitraum von drei Monaten. Das Ergebnis ist die Antwort auf die Frage, was Viralität eigentlich ausmacht.

Nur gute Nachrichten sind gute Nachrichten

Zunächst die wenig verwunderliche Schlussfolgerung, dass Emotionen eine große Rolle spielen. Je stärker die Emotion, die mit Titel oder Inhalt geweckt wird, desto größer die Wahrscheinlichkeit der Weitergabe bei Facebook oder Twitter. Gleichzeitig entdeckten sie etwas, das mich wirklich staunen ließ! (Entschuldigung.)

Positive Emotionen „funktionieren“ in diesem Zusammenhang besser als negative. Was in der Nachrichten-Branche sonst eigentlich genau anders herum gilt, scheint für virale Inhalte auf den Kopf gestellt. Jan Tißler erklärt sich so im Upload Magazin die „Wohlfühl-Inhalte“ von Buzzfeed, Upworthy und Co. Das ist nicht gerade offensichtlich, schließlich verdienen BILD und Konsorten viel Geld mit dem Neid und der Missgunst, die ihre Überschriften und Texte regelmäßig bei den Lesern (besser: Bildbetrachtern) erwecken sollen.

Das Rezept für einen Online-Artikel mit großer Social-Media-Reichweite fordert dagegen zunächst eine positive Emotion. Wir mögen das warme, weiche Gefühl in der Magengegend. Außerdem profilieren wir uns natürlich am allerliebsten als derjenige in unserem Umkreis, der den anderen das Video als erster zeigen durfte.

Schaut mal her, was ich Tolles für euch gefunden habe. Wirklich gesucht habe ich danach nicht, man hat es mir quasi auf dem Silbertablett serviert, aber ich war derjenige, der euch darauf aufmerksam gemacht hat! Habt mich lieb!

Eine Überschrift macht noch keinen Star

Damit wären wir beim nächsten wichtigen Punkt — den Inhalten selbst. Eine reißerische, gefühlsduselige Überschrift allein macht nämlich noch keinen Social-Media-Star. Der Artikel oder das Video muss einen echten Mehrwert bieten. Entweder als praktischer, nützlicher Ratgeber-Inhalt oder als amüsante Abwechslung zum bleiernen Büroalltag.

Hervorragend eignen sich hierfür Top-Listen (die ihren Nutzen schon über die Form suggerieren), kurze, lustige Videos oder bemerkenswerte Fotos — am besten in Serien.

Upworthy, Buzzfeed und hierzulande vor allem heftig.co treiben diese Formel auf die Spitze, drehen alle Variablen auf 11. Die Redakteure durchforsten das Internet nach hunderten solcher Listen, Videos und Fotos. Hieraus entsteht das dicklich-süße Kondensat, an dem sich tausende und abertausende hungriger Leser laben. Nur um den Nektar noch im selben Moment an Freunde und Follower weiterzugeben.

Der Erfolg dieser Portale spricht für sie — ein typisches Fliegen-auf-Kuhmist-Argument. Doch lassen sich weit über 800.000 Facebook-Fans nicht einfach wegdiskutieren.

Alles hat ein Ende, nur der Hundebaby-Wahn nicht?

Es scheint also, als seien wir, die wir solcherlei herzzerreißenden Schund schon lange nicht mehr sehen können, in der Unterzahl. Als seien die, die uns Tag für Tag unermüdlich den übersüßen Hundebaby-Mist ins Gesicht schmieren, die tonangebende Masse. Werden wir heftig.co also nie wieder los? Müssen wir am Ende selbst zur Zucker-Keule greifen und statt „Apple stellt OS X Yosemite vor“ lieber „Wow! Tim Cook brachte Menschen zum weinen und auch Du wirst heulen, wenn Du das hier siehst“ schreiben?

Nein. Und auch wenn wir bei GIGA nicht alle immun gegen den Buzzfeed-Virus sind (süße Babys, geschundene Hunde und putzige Karnickel haben nun mal den Vorteil, Leser anzulocken, um sie dann auch für ernsthafte Themen zu begeistern) — wir glauben daran, dass wir euch mit ehrlichen, sachlichen Überschriften und Texten ebenso gut bei der Stange halten können. Und zwar für länger als die 5 Sekunden, die es dauert, bis ihr den Sharing-Button gefunden habt.

Manch einer ist sich sicher, dass irgendwann alle den Heftig-Stil über haben. So wie einem nach einer ganzen Tüte „Werthers Echte“ der süße Kram irgendwann zum Halse heraushängt. Auch wenn man Karamellbonbons sonst wirklich mag. Deswegen streben wir danach, uns tatsächlich durch schiere Qualität der Inhalte von heftig.co abzuheben, so wie Tobias Gillen und viele andere es genervt fordern.

Update: Rettung naht!

Es gibt noch Hoffnung. Mit einer genialen Strategie versuchen einige Twitterer, dem Klickreiz den Garaus zu machen. Sie verraten einfach, was hinter der verführerischen Überschrift eigentlich steckt. Accounts wie @HuffPoSpoilers oder @SavedYouAClick lösen die Rätsel hinter den kryptischen Überschriften. Und zwar in hervorragend knapper, trockener Manier. Das ist zwar dem Medium Twitter mit einer 140-Zeichen-Grenze geschuldet, liest sich aber ganz fantastisch.


Inzwischen gibt es auch eine deutsche Variante dieser „Verräter-Twitterer“: Unter @ErspartDirDenKlick lest ihr nicht minder pointierte Zusammenfassungen einiger Artikel mit Überschriften im Heftig-Stil. Wärmstens zu empfehlen!

(Bilder: Smiling baby, puppy wearing a knit hat, puppy hugging cat, surprise via shutterstock.com)

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