Technoviking: Videokunst meets Persönlichkeitsrechte - Doku 2015

Kristina Kielblock

Fuckparade im Jahr 2000: wummernde Bässe und schwingende Körper auf offener Strasse - der Videokünstler Matthias Fritsch ist mit seiner Kamera unterwegs. 2006 veröffentlicht er auf YouTube einen der Clips unter dem Namen Kneecam No. 1. Die Internet-Gemeinde hat ein neues Viralvideo und ein Star wider Willen ist geboren: Der Technoviking. Dieser lässt 2009 den Künstler abmahnen - das Meme soll aus dem Netz. Fritsch macht über die Geschichte einen Dokumentarfilm, der seit 2015 zu sehen ist: The Story of Technoviking.      

Er ist ein blonder Hüne in traditioneller Haartracht mit imposantem Tanzstil. Er gehört nicht zu den Männern, denen man ohne fundierte Kampfsport-Ausbildung zu nahe treten möchte. Er ist definitiv eine extrovertierte Persönlichkeit, wie sie in Deutschland leider selten zu finden ist, wahrscheinlich deshalb konnte er auch international begeistern.

Technoviking: Ein kurzer historischer Abriss

  1. Fuckparade 2000, Matthias Fritsch ist mit einer Kamera unterwegs. Zufällig filmt er, wie ein Mann eine tanzende Frau zur Seite schubst. Daraufhin eilt ihr ein großer, blonder Mann mit traditioneller Haar- und Bartgestaltung zu Hilfe und  weist den Rüpel ordnungsgemäß, ruhig und kraftvoll in seine Schranken. Die Party bzw. die Demonstration geht weiter. Der Mann tanzt - Fritsch hält drauf. Der Tänzer sieht es, man kann das daran erkennen, dass er einige Male in die Kamera schaut.
  2. Fritsch stellt die Filme des Tages auf seine Homepage.
  3. 2006 stellt er den Clip auf Youtube. Titel: Kneecam No. 1. Kommentar: Echt oder gestellt?
  4. Bereits über Nacht wird der Film millionenfach aufgerufen und verteilt sich anschließend in enormer Geschwindigkeit in der Netz-Gemeinde.
  5. Der unbekannte Tänzer bekommt einen Namen: Technoviking
  6. Fritsche übernimmt diesen Namen quasi als Marke und nutzt den Rummel um den unbekannten Tänzer monetär aus, indem er Werbung auf seinem YouTube-Kanal schaltet und Merchandising-Produkte wie T-Shirts und Tassen verkauft. Nach eigenen Angaben konnte er so seine Miete decken und hat damit alles in allem ca. 10.000 € eingenommen.
  7. Ende 2009 / Anfang 2010 bekommt Fritsch Post von des wilden Tänzers Anwalt - das Meme soll aus dem Netz, die Verbreitung des Videos gestoppt werden.
  8. Fritsch ist an einem Kompromiss interessiert - er stoppt den Vertrieb des Merchandisings und bietet auch an, den Clip aus dem Netz zu nehmen (soweit ihm das möglich ist), möchte aber erwirken, dass er den Film weiterhin im nichtkommerziellen Kunst- und Bildungsbereich zeigen darf. Er bietet an, die bislang mit dem Technoviking generierten Umsätze zu teilen. Die Gegenseite will sich darauf nicht einlassen.
  9. 2013 kommt es zum Prozess vor dem Berliner Landgericht. Die Entscheidung: Der betreffende Tänzer hat ein Recht auf Unterlassung der Verbreitung des Videos und der inzwischen entstandenen Merchandising-Produkte. Die Richter untersagen die zukünftige Veröffentlichung des Videos und belegen Zuwiderhandlungen mit 250.000 € Strafe und bis zu sechs Monaten Gefängnis. Fritsch muss 12.000 € an den Tänzer weiterreichen und die Anwalts- sowie Prozesskosten übernehmen.
Technoviking t-shirt von amazon - kopf verborgen
Auf dem Original-Shirt ist natürlich der Kopf zu sehen. Wir gehen an dieser Stelle lieber kein Risiko ein, ihr könnt dem Link zu Amazon folgen, um das T-Shirt ganz zu sehen.

 Vortänzer der Remix- und Kopier-Kultur im Internet

Fritsch war zu Beginn der Affäre unbesorgt und eher glücklich, dass ihm so ein prima Zufalls-Video gelungen ist. Er war der Ansicht, der unbekannte Mann mit der martialischen Gebärdensprache hätte sich bei ihm gemeldet, wenn er mit der Veröffentlichung nicht einverstanden gewesen wäre - er war ja über seinen YouTube Channel jederzeit erreichbar.

Außerdem hatte er das Gefühl, dass der Technoviking durchweg positiv rezipiert wird und tatsächlich hätte der Unbekannte, der angibt mehrere Jobs durch seinen unfreiwilligen Internet-Auftritt verloren zu haben, auch monetär von seinem Ruhm partizipieren können: Party-Veranstalter der ganzen Welt fragten nach einem Auftritt des Tänzers, die Band Weezer wollte ihn für ein Musikvideo.
Fritsch hat alles gesammelt, was bislang zum Technoviking von Usern produziert wurde: Blogartikel, Mails, Photoshop- und Videoparodien, 3D-Skulpturen und Techno-Wikinger-Adaptionen in Videogames wie Minecraft und GTA - insgesamt sind schon 20 GB Datenmaterial zusammengekommen. Es ist ein einzigartiges Archiv für User- Kunst und -Reaktionen.

How Animals Eat Their Food - Virale Videos im Netz

Technoviking 2015: Der Dokumentarfilm

Der Filmemacher Matthias Fritsch hat aus dieser Geschichte ein Lehrstück gemacht und über Crowdfunding einen Dokumentarfilm produziert, der unter anderem am 08.08. und am 09.08.2015 in Berlin im Rahmen des Events A Game of You: Into the Social Media Vortex öffentlich gezeigt wurde. Der Videokünstler stellt in diesem Film die grundsätzliche Frage, wie wir mit digitalen, unendlich reproduzierbaren Inhalten umgehen - wie lässt sich die Remix-Kultur im Netz mit den Gesetzen zum Urheberrecht und Persönlichkeitsrecht vereinbaren? Mit diesen Fragen mussten sich auch die Berliner Richter auseinandersetzen - deren Ansichten lassen sich dezidiert in der sieben Seiten umfassenden Urteilsbegründung nachlesen.

Interessant sind diese grundsätzlichen Fragestellungen für uns alle, denn potenziell kann jeder betroffen sein, der sich witzig oder auffällig verhält und dabei abgefilmt wird.

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