Polaroid neu gedacht: Sofortbildkamera I-1 im Test

Stefan Bubeck

Das „Impossible Project“ hat erst eine Polaroid-Filmfabrik in den Niederlanden gerettet und nun die passende Sofortbildkamera herausgebracht. Die I-1 ist zwar voll und ganz retro, aber ihren Vorgängern in einigen Punkten überlegen. Wir haben sie ausprobiert.

Polaroid neu gedacht: Sofortbildkamera I-1 im Test

Ja, heutzutage braucht das eigentlich niemand mehr. Technisch ist die Sofortbildkamera längst überholt, allen voran von Smartphones. Diese schießen mittlerweile durchweg ordentliche Bilder und zeigen sie auf ihren großen Displays sofort an. Ein analoges Gerät, das die Fotos zwar sofort auf Papier bringt, aber keine Vorschau ermöglicht und dann noch mehrere Minuten zur Entwicklung des Films benötigt – diese Zeiten sind vorbei.

Aber: Zum Glück diktiert die Technik nicht alles im Leben und auch nicht auf dem Kameramarkt. Vertreter der Kreativbranche schwören seit jeher auf Sofortbilder und selbst der Premiumhersteller Leica hat sich dieses Jahr mit der „Sofort“ in dieses Terrain gewagt, setzt allerdings auf Fujis Instax-Film.

Mit der I-1 erscheint nun nach zwanzig Jahren Durststrecke das erste neue Kameramodell für das original 600er-Polaroidformat. Der Hersteller ist das Impossible Project, dessen Team eine 2008 stillgelegte Polaroidfilmfabrik in Enschede (NL) mit viel Herzblut wieder in Betriebsbereitschaft versetzt hat.

Die Geschichte des „Impossible Projects“.

Ikonisches Design im Remix

Als wir die I-1 das erste Mal auspackten, drängte sich das Produktdesign sofort in den Mittelpunkt des Geschehens. Jeder wollte die „neue Polaroid“ mal anschauen und anfassen. Das mattschwarze Gerät erinnert in seiner Formensprache unmittelbar an die alten Polaroidkameras. Die I-1 greift die Grundform auf, wirkt aber zugleich zeitgemäß. Die minimalistische Gestaltung trägt dazu bei, aber auch der clevere Einsatz von LEDs – aber dazu später mehr.

Das Gehäuse ist nicht unbedingt ergonomisch, Auswuchtungen oder Mulden zum Greifen sucht man vergeblich. Es ist aber funktional und erinnert in dieser Hinsicht an die Philosophie, der auch die allermeisten Smartphones und Tablets folgen: Lieber elegant in der Erscheinung belassen, als hässliche Griffe dran schrauben. Prägend für den Gesamteindruck sind neben der ikonischen Gehäuseform zwei runde Elemente: Der Ringblitz um die Linse vorne und das Bedienelement mit Auslöser auf der Seite.

Filmkassetten lädt man durch die vordere Klappe, dort kommen dann später durch einen Schlitz auch die fertigen Fotos heraus. Oben befindet sich ein optischer Sucher zum Ausklappen, einen Bildschirm besitzt die Kamera nicht, nicht mal ein winziges Display für Infos wie Bilderanzahl oder Akkustand sind zu finden. An einer der Ecken lässt sich eine Transportschlaufe befestigen. Alles in allem eine bemerkenswerte Mischung aus Retro-Anleihen und konsequentem Minimalismus.

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Teure Filme und Freude am Fotografieren

Unsere ersten Versuche waren sofort ein Erfolg: Film einlegen, einschalten, zielen, abdrücken. Heraus kommen Fotos mit einer fast quadratischen Bildfläche von 7,7 x 7,9 cm und dem kultigen weißen Rahmen. Der genutzte Schwarz-Weiß-Film hat einen ganz eigenen Charakter, die Bilder wirken wie aus einer anderen Zeit. Ein Schnappschuss mit Amir und Frank mitten im Büroalltag entlockte Beistehern Kommentare wie „Das waren noch Zeiten, damals in der DDR.“ In der Tat war der Retrolook so überzeugend, dass ohne Anhaltspunkte wie technische Gegenstände auf dem Tisch eigentlich nicht zu erkennen war, dass die Fotos im Jahr 2016 entstanden sind.

Das Impossible Project bietet zahlreiche Filmvarianten an: Den klassischen Farbfilm, Schwarz-Weiß, schwarze, goldene, silberne oder runde Rahmen, Schwarz-Rot-Film und so weiter. Die Sofortbildfotografie war schon immer ein exklusives Hobby und ist auch heute noch teuer. Ein 8er-Pack Farbfilm kostet rund 20 Euro, was nach Adam Riese rund 2,50 Euro pro Aufnahme macht. Wer es sich angewöhnt hat, während eines Wochenendtrips 500 Bilder auf die SD-Card zu knallen, muss sich erst mal radikal umstellen.

Jedes Foto ist ein kleines Spektakel und allein schon vom Materialwert her kostbar. Aber nicht nur das, denn es gibt auch die nur subjektiv erfassbare Freude am Fotografieren. Diese ist beim Hantieren mit der I-1 vorhanden und ein besonderer Pluspunkt. Diese Minuten, während der Entwickler auf dem Fotopapier sein Werk tut und aus dem Nichts langsam die abgelichteten Menschen erscheinen – das ist auch heute noch magisch. Wir hatten eine Menge Spaß, soviel ist sicher.

Die derzeitige Winterkälte brachte eine kleine Einschränkung mit sich. Der Film verträgt die niedrigen Temperaturen nicht, für den Außeneinsatz war die I-1 nur bedingt geeignet.

Klassische Bedienung mit zahlreichen Optionen per App

Ein bisschen digital darf’s dann schon sein, haben sich die Entwickler wohl gedacht und spendierten der I-1 einen USB-Anschluss und passende iOS- und Android-Apps zur Fernsteuerung. Die USB-Buchse gibt aber keine Bilder aus – diese werden nirgends digital gespeichert, sondern existieren nur auf dem eingelegten Fotopapier – sondern dient ausschließlich als Ladeanschluss für die eingebaute Batterie. Davon zehrt der Ringblitz, der neben seinem Hauptjob als Belichtungshelfer auch einen simplen Ersatz für fehlende Statusanzeigen darstellt. Je nach Stellung des Bedienelements zeigt er mit seinen einzelnen LEDs die Anzahl der verbleibenden Bilder oder den Akkustand an.

Die App verbindet sich per Bluetooth mit der Kamera und bietet dem Nutzer zahlreiche Einstellungsoptionen, die das Gerät selbst nicht bietet. Wer also Belichtungszeiten, Blitzstärke oder Verschlusszeit manuell einstellen möchte, muss die Fernbedienung in Form der App nutzen. Kreative Modi wie Doppelbelichtung, Geräuschauslöser oder „Licht-Zeichnen“ finden sich dort ebenso. Wir werten das als nützlich und gelungene Evolution. Trotzdem bevorzugten wir während unserer Testphase die Nutzung ohne App, das war so herrlich einfach und vermittelte das Retrofeeling, das man sich von einer Polaroid verspricht.

I-1 Camera
Entwickler:
Preis: Kostenlos
I-1 Camera
Entwickler: Impossible Project
Preis: Kostenlos

Fazit: Gelungenes Revival für Individualisten

Eine Testnote können wir beim besten Willen nicht vergeben, dazu fällt die Technik zu sehr aus der Zeit. Der praktische Nutzen einer Sofortbildkamera ist heutzutage nur schwer greifbar, es geht hier eher um einen kreativen Blickwinkel, eine philosophisch angehauchte Einstellung zur Fotografie als Kunstform. Wer den Prozess erleben will, wem jedes einzelne Foto und seine Geschichte etwas bedeuten, der sollte sich die I-1 genauer anschauen. Dieses Gadget hat das Potential, ein neues Hobby zu werden, eine Leidenschaft fürs Leben. Aber eben nur, wenn die Voraussetzungen stimmen. Die I-1 schränkt ein und bremst aus – das muss man wollen.

Wer sich darauf einlässt, wird mit Foto-Unikaten belohnt, die jedes für sich ein kleines Erinnerungsstück darstellen. Diese Bilder bringen eine Qualität mit sich, die der Smartphone-Massenware abhanden gekommen ist: Man bewahrt sie alle auf, für immer.

Die I-1 ist für 299 Euro erhältlich.

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