Kostenloses WLAN in der U-Bahn-Station: Berlin zeigt, wie's geht [Meinung]

Stefan Bubeck 3

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) vermelden: An 170 U-Bahn-Stationen der Stadt gibt’s mittlerweile kostenloses WLAN („BVG Wi-Fi“). Mitte 2016 startete der Ausbau, heute sind sie fast damit fertig. Ein persönlicher Jubel- und Erfahrungsbericht.

Kostenloses WLAN in der U-Bahn-Station: Berlin zeigt, wie's geht [Meinung]
Bildquelle: Sebastian Trepesch.

Wenn ein größeres Projekt in der Hauptstadt angekündigt ist, es dann tatsächlich so umgesetzt wird und letzten Endes auch noch funktioniert – dann fühlt sich das schon seltsam an. Berlin ist nämlich bundesweit eher für das Gegenteil bekannt: Man denke an Berichte über überlastete Ämter oder diesen tollen Flughafen, der aus irgendwelchen Gründen nie fertig wird. Wer hier lebt, rechnet sozusagen aus Erfahrung besser gar nicht erst damit, dass ein Techniktraum wie „kostenloses WLAN an jedem U-Bahnhof“ jemals Realität werden könnte.

Umso schöner, dass die BVG nun zeigt, wie es auch anders geht.

Um zu verdeutlichen, was für eine Bereicherung das neue BVG Wi-Fi ist, fange ich erstmal mit der „Alternative“ an. Mein Provider bietet das beste Netz Deutschlands: LTE fast überall, zum Teil sogar in abgelegenen Provinzen – es gibt keinen Grund zu klagen. Nur im Alltag – und der spielt sich leider zu einem gewissen Teil in den Tiefen des Berliner U-Bahn-Netzes ab – da zeigt der Empfang seine Lücken. Telefonieren geht, aber das vom Smartphone gezeigte „E“ für EDGE verspricht nur ein paar Kilobit pro Sekunde für Daten. Da darf man zuweilen froh sein, wenn man die neueste E-Mail oder eine Nachrichtenmeldung lesen kann. Für YouTube oder Spotify reicht das leider nicht.

Bilderstrecke starten
12 Bilder
Top-10-Pedelecs: Die aktuell beliebtesten E-Bikes in Deutschland.

BVG Wi-Fi: Beim Warten auf die Bahn kurz ein Album ziehen

Irgendwann im letzten Winter habe ich dann das kostenlose WLAN der BVG „entdeckt“. So geht’s: Auf dem Bahnsteig WLAN aktivieren und das Netz „BVG Wi-Fi“ auswählen. Dann den Browser öffnen und auf der Login-Seite die Nutzungsbedingungen bestätigen – das war’s. Seitdem erkennt mein Smartphone sehr zuverlässig, dass ich mich in einem U-Bahnhof befinde und ich surfe mit Breitbandgeschwindigkeit. Ich messe an der Station Rosa-Luxemburg-Platz an einem Dienstagnachmittag stattliche 34 Mbit/s – das ist absolut multimedia-tauglich.

Aber: Wozu ist das BVG Wi-Fi eigentlich zu gebrauchen? Schließlich wartet man in Berlin selten länger als fünf Minuten auf seine U-Bahn. Auf der Fahrt bricht der Empfang dann meist in der Mitte zwischen zwei Stationen ab und so hat man eigentlich nur auf dem Bahnsteig einen echten Vorteil vom neuen Service. Die anfängliche Begeisterung war schnell verflogen – aber sie kam dann einige Tage später wieder zurück. Denn ich habe mich angepasst und meine Pendelstrecke zur Arbeit mit neuen digitalen Routinen versehen, die zum punktuellen WLAN passen.

Vorher habe ich beispielsweise nie darüber nachgedacht, den Offline-Modus von Diensten wie Netflix oder Deezer in Anspruch zu nehmen, etwa um mir schnell ein Album aufs Handy zu laden. Zum einen wegen der erbämlichen mobilen Datenrate, zum anderen um das begrenzte monatliche Datenvolumen zu schonen. Aber das geht ja jetzt alles per WLAN und innerhalb kürzester Zeit habe ich mir das auch angewöhnt. So laufe ich mit Musik im Ohr zur U-Bahnstation und mache mir nebenbei schon Gedanken, welches neue Album ich mir eigentlich noch anhören wollte.

Unten am Bahnsteig ziehe ich es aufs iPhone – die paar Minuten Wartezeit auf die Bahn reichen meist dafür aus – und auf der Fahrt höre ich dann rein. Natürlich hätte ich das auch auf der Arbeit oder zu Hause machen können, aber dieser kleine Zugewinn an Komfort ist trotzdem etwas wert. Am Bahnsteig stehen heißt für mich nun: Die Rubrik „Für dich“ bei Apple Music nach neuen Songs durchstöbern.

Also noch ein Smombie mehr in der U-Bahn-Station – aber wenigstens keiner, der verzweifelt wartet, bis Instagram endlich drei neue Bilder lädt.

BVG Wi-Fi: Erfolgsstory mit Vorbildcharakter

Von den insgesamt 173 Stationen im Berliner Netz sind mittlerweile 170 mit freiem WLAN ausgestattet, da kann man schon von einer Vollversorgung sprechen. Technisch ist das Projekt mit Cisco-Hardware und einem zentralen ITDZ-Berlin-Zugang über das Netz von 1&1 Versatel realisiert. Pro Bahnsteig können 800 Nutzer versorgt werden. Aktuell lassen sich keine schwerwiegenden Engpässe bezüglich der Verbindungsgeschwindigkeit feststellen – bisher ist das, was bei mir ankommt stets um Welten besser als eine EDGE-Verbindung und somit eine coole Sache.

set-giga20170530-021

Klar könnte man jetzt anfangen zu nörgeln: Während der Fahrt hat man nicht viel vom freien Wi-Fi, es ist nicht so schnell wie zu Hause, es werden weder Mindestbandbreite noch Störungsfreiheit garantiert und so weiter und so fort. Aber hey – es ist absolut kostenlos und bis vor einem Jahr gab es das einfach gar nicht. So überwiegt der allgemeine Nutzen auf jeden Fall die – zweifellos vorhandenen – kleinen Schwächen. Es ist ein kleines, aber entscheidendes Plus an digitalem Komfort für Berufspendler, Studenten, Touristen und alle anderen, die in der Stadt leben oder sie besuchen.

Ein so umfangreiches U-Bahn-Netz wie das der Hauptstadt innerhalb nur eines Jahres mit flächendeckendem, kostenlosem und wirklich gut funktionierendem Wi-Fi-Service auszustatten, das hat Vorbildcharakter und ist ein Signal für andere Städte und Gemeinden: „Leute, es ist machbar – in Berlin hat es schließlich auch geklappt!“

Klingt erst mal seltsam, ist aber so.

Die in diesem Artikel ausgedrückten Ansichten und Meinungen sind die des Autors und stellen nicht zwingend den Standpunkt der GIGA-Redaktion dar.

Zu den Kommentaren

Kommentare zu dieser News

Weitere Themen

* Werbung