Nein, euer Leben war ohne Smartphone nicht viel geiler [Kommentar]

Tuan Le

Dass früher alles besser war, ist hinlänglich bekannt*. Doch seit dem Beginn der Smartphone-Ära gibt es auch anscheinend einen eindeutigen Wendepunkt für alle ambitionierten Hobby-Kulturpessimisten, ab dem es im Grunde genommen für einen Großteil der Menschheit nur noch bergab ging. Dass das Leben ohne Smartphone tatsächlich gar nicht so toll gewesen wird, wie allenthalben behauptet wird, zeigt ein Blick ohne die rosarote Nostalgie-Brille.

Nein, euer Leben war ohne Smartphone nicht viel geiler [Kommentar]

Jeder kennt wahrscheinlich diesen einen Typen im Bekanntenkreis, der sich seit Jahren dagegen weigert, sich ein Smartphone zuzulegen (wenn ihr diesen Typen nicht kennt, dann seid ihr vermutlich genau dieser Typ). Daran ist erstmal nichts verwerflich; lange Zeit waren die Kosten ein legitimes Argument dafür, sich dem Smartphone-Trend nicht anzuschließen und wer ausschließlich telefoniert und SMS schreibt braucht ja an und für sich auch kein Smartphone.

Mehr noch: Auch die Stabilität und die lange Akkulaufzeit ist ein absolut guter Grund dafür, weshalb man weiterhin bevorzugt auf ein Nokia 3310 o. ä. setzt, anstatt sich ein sensibles Smartphone mit Touchscreen zuzulegen. Sicher hat sich auch schon der leidenschaftlichste Verteidiger der modernen Geräte ein robustes altmodisches Barrenhandy gewünscht als sein hochmodernes Gerät mitten im Tag den Geist aufgegeben hat.

Aber war ohne Smartphone wirklich ALLES besser?

Wer also an einem altmodischen Handy festhalten möchte – fair enough, leben und leben lassen. Mitunter scheint es bei dem Gedanken an T9-Handys aber eine geradezu entrückende Romantisierung zu geben, die die Vergangenheit ohne Smartphone als einen paradiesischen Zustand wie zu Zeiten Adam und Evas beschreiben. Das liest sich dann etwa so: Man musste beim romantischen Abendessen nicht ständig um die Aufmerksamkeit des Gegenübers kämpfen, weil dieser durch eingehende WhatsApp-Benachrichtigungen gekämpft hat. Das Familienleben gestaltete sich als ein harmonisches, nie endendes Fest, weil die Kinder nicht ständig vor ihren Smartphones hingen und Angry Birds (oder, Gott bewahre, irgendeinen Pay-2-Win-Mist) spielten. In Fahrzügen und öffentlichen Verkehrsmitteln traf man ausschließlich attraktive, wohlriechende Menschen, mit denen man sich spontan unterhielt, weil ja das Smartphone nicht im Wege stand.

Und die Jugendlichen erst! Vor dem Beginn der Smartphone-Ära bildeten sie in der Gesellschaft die intellektuelle Elite, waren politisch engagiert und (so sagt man) schlangen ihr Essen nicht so schnell herunter. Heutzutage dagegen scheint die Kommunikation unter den Halbstarken nur noch über Smileys und Emojis stattzufinden, Respekt und Anerkennung wird nur noch in Form von Likes verteilt, von der nie enden wollenden Selbstinszenierung bei Snapchat und Instagram ganz zu schweigen. Schuld daran: Die Smartphones und das Internet, die die Nutzer zu „Smombies“ (eine Wortschöpfung aus Smartphones und Zombies, für die man allein schon dazu geneigt ist, einen Hass auf jeglicheTechnologie zu entwickeln) gemacht haben – willenlose Konsumenten ohne eigene Meinung. Und obendrein schlecht gekleidet.

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Nein, Smartphones und das Internet sind nicht an allem Schuld

Ja, es gibt einige unerträgliche Individuen, die in Kombination mit Smartphone und Internet sogar zu noch unangenehmeren Menschen werden. Daran sind aber eben nicht die neuen Technologien selbst Schuld; sie tragen höchstens dazu bei, dass man dank einer größeren Bandbreite an Informationen, zu denen man (mehr oder minder freiwillig – der Facebook-Feed lässt grüßen) Zugriff hat, eher dem ausgesetzt ist, was andere Menschen von sich geben. Und, Newsflash: Das Verhalten der „Jugend von heute“ war schon immer unerträglich, zumindest aus Sicht der Erwachsenen (und umgekehrt ja sowieso).

Auch, dass Smartphones innerhalb bestehender sozialer Strukturen wie in der Familie, dem Freundes- und Bekanntenkreis oder auch in der Schule der Quell allen Übels sind, kann bestritten werden. Eltern neigen ja tendenziell immer dazu, die Schuld für das Fehlverhalten wirklich überall zu suchen – nur nicht bei den Kindern und schon gar nicht bei sich selbst. Vor dem Smartphone waren es Killerspiele, das Fernsehen, Rock & Roll oder gar Bücher, die die Kinder zu unsozialen leblosen Schatten ihrer selbst gemacht haben sollen – dass es schon in der Erziehung Probleme gegeben haben könnte, wird zumeist gar nicht zur Sprache gebracht und das, obwohl die Selbstisolierung – mit Smartphones oder welchem Mittel auch immer – häufiger ein Symptom als die Ursache tiefliegender sozialer Probleme ist.

Und: Nicht zuletzt gibt es auch nicht wenige Menschen, die schlichtweg etwas introvertierter sind und sich lieber mit anderen Dingen als den Menschen beschäftigen, die sie gerade zufällig umgeben.

Nein, das Leben ohne Smartphone war auch nicht so geil, wie immer gesagt wird

Es wird aber in dieser Debatte – und das soll hier der springende Punkt sein – immer unterschlagen, welche Vorteile das Smartphone eigentlich auch mit sich bringt. Das Smartphone ist ja viel mehr als nur ein Handy: Es dient auch als Kamera, um wichtige Momente festzuhalten und in Erinnerung zu behalten. Obendrein können die Fotos direkt in der Cloud abgespeichert werden, um sie wirklich (quasi) für die Ewigkeit aufbewahren zu können, selbst wenn das Gerät bei der nächsten Party aus unerfindlichen Gründen abhanden kommt oder es zum Direktkontakt mit dem Asphalt kommt. Auch als Musik-Player – dank Spotify, Deezer und Co. mit einer geradezu unerschöpflichen Mediathek – ist das Handy im Alltag ein Begleiter, den man nicht missen möchte.

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Ebenfalls relevant: als Navigationsgerät und Fremdenführer hat sich das Smartphone bewährt. Wer zu Fuß in einer Fremden Stadt unterwegs ist, wird Google Maps kennen und lieben lernen: Nicht nur die Navigation zu Fuß erleichtert das Smartphone ungemein, auch Informationen über die öffentlichen Verkehrsmittel liefert der elektronische Begleiter und führt einen zuverlässig ans Ziel. Sofern stundenlanges Verlaufen nicht zu euren favorisierten Tätigkeiten beim Erkunden einer Stadt gehört, haben Smartphones das Leben in dieser Hinsicht enorm vereinfacht.

Vom Zugang zum Internet ganz zu schweigen: Egal, ob man bei Amazon etwas bestellen (und im Grunde genommen kann man bei Amazon so ziemlich alles bestellen), sich ein leckeres Mittagessen organisieren, für einen Hochschulkurs anmelden oder den nächsten Urlaub buchen möchte, alles geht im Prinzip unterwegs und mit dem Smartphone. Was man nicht augenblicklich erledigen möchte, kann man durch die Aufnahme einer Erinnerung – Google Now und Siri sei Dank – auf später verlegen.

Das Smartphone ist, was ihr draus macht

Für viele Menschen ist es außerdem das zentrale Kommunikationsgerät und macht es den Nutzern leichter als je zuvor, mit anderen in Kontakt zu bleiben. Die Art der Kommunikation liegt dabei ganz und gar in den Händen der User selbst: Ob man eben eine Nachricht bei Facebook oder WhatsApp verschickt, ein Foto bei Instagram, Snapchat und Co. hochlädt oder doch lieber formal eine E-Mail verfasst, alles lässt sich im Prinzip mit dem Smartphone erledigen.

Zugegeben, zu Beginn kann sich dadurch eine gewisse Überforderung einstellen: Man sollte aber bedenken, dass man nicht ständig erreichbar sein muss, nur weil es theoretisch möglich ist. Irgendwo scheint bei den meisten Menschen der unwiderstehliche Drang verankert zu sein, auf eingehende Nachrichten direkt zu antworten – irgendwie scheint es ja unhöflich zu sein, wenn man den anderen warten lässt. Diese Paranoia geht sogar so weit, dass es für WhatsApp, Facebook und Co. verschiedenste Optionen und sogar dedizierte Tools gibt, mit denen man den Gegenüber daran hindert festzustellen, ob man seine Nachrichten schon gelesen hat oder nicht.

Wenn ihr allerdings mit jemandem schreibt, der ausfallend reagiert, nur weil ihr euch (aus welchen Gründen auch immer) Zeit mit dem Antworten lasst, liegt das Problem allerdings weniger an eurem Smartphone sondern eher dem Aufmerksamkeitsdefizit der anderen Person. Push-Benachrichtigungen sollten außerhalb der Arbeitszeiten ohnehin deaktiviert werden, nicht umsonst gibt es gerade unter Android das Ruhige Stunden-Feature, dass man nicht nur zum Feierabend, sondern auch bei Treffen mit Freunden oder beim romantischen Dinner durchaus anschmeißen darf.

Schlussendlich ist und bleibt das Smartphone Mittel zum Zweck – wie sehr man sich davon beeinflussen lässt, ist schließlich von Mensch zu Mensch unterschiedlich, daher sollte man nicht von sich selbst auf andere schließen und andere dafür verurteilen, dass sie ein (oder kein) Smartphone verwenden.

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Weißt du, wofür diese alltäglichen Dinge gedacht sind?

Die Funktionen von Alltagsgegenständen sind uns inzwischen allen wohlbekannt, oder? Doch wofür ist die blaue Seite eines Readiergummis gedacht? Testet euer Wissen!

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