"Du machst WAS?!", oder: Ist mir mein Job peinlich? (Kolumne)

Leo Schmidt 33

Ich arbeite seit 2009 als Redakteur für Gamesportale. In den meisten Branchen wäre ein solcher Zeitraum nicht gerade gewaltig, aber tatsächlich gilt man in diesem Berufsfeld schon als sowas wie ein „alter Hase“, wenn man über vier Jahre auf dem Buckel hat. Und natürlich trifft man in einem solchen Zeitraum auch außerhalb des Jobs so einige Leute, die dann irgendwann die verhängnisvolle Frage stellen „Und, was machst Du so beruflich?“

Es ist ja kein Drama, zu sagen, dass man professionell über Games schreibt. Etwas mehr Hemmungen hätte ich schon, wenn ich Robbenklopper wäre oder tschechische Pornos produzieren würde. Es gibt aber dennoch eine gewisse Hemmung, eine Sozialphobie davor, nicht ernstgenommen zu werden oder gleich in einer unglücklichen Schublade zu landen. Früher habe ich sogar vor den Videospielen Filme als mein Hauptbeschäftigungsfeld durchgemogelt, obwohl man die Filmrezensionen, die ich geschrieben habe, an zwei Händen abzählen kann.

Woran liegt das? Ein Teil davon ist natürlich einfach persönliche Schwäche und Unsicherheit, denn ich bin eine Mimose und selbst Leute, die mir gar nichts Böses wollen, treten mir manchmal ein wenig auf den Schlips. Freunde und Kollegen sind es mittlerweile gewohnt, dass ich hin und wieder ein wenig zicke, weil meine Kritikfähigkeit sich zwar im Laufe der Zeit gebessert hat, aber wenn man mich auf dem falschen Fuß erwischt, fange ich an zu keifen wie eine Dreijährige mit Zöpfen.

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Doch ein Teil davon ist natürlich auch die Reaktion der Leute. Sagen wir, ein Spielredakteur geht auf eine Party und lernt dort jemanden kennen. Hört auf zu lachen, sowas kommt tatsächlich vor!

Also, hypothetischer Fall: Party, kennenlernen, Gespräch, Bäm. Man unterhält sich nett, schlürft höflich an seinem Drink, ignoriert die Kotzgeräusche aus dem Bad und irgendwann kommt die eingangs erwähnte Gretchenfrage „Wie hältst Du’s mit dem Geldverdienen?“. Da man ja ein ehrlicher Mensch ist, verdrängt man den initialen Impuls, zu behaupten, man sei Kloakentaucher, Brillenputzer oder Entenkastrator. Die nun folgenden Reaktionen lassen sich allermeistens in drei Kategorien einteilen.

1. Mehr oder weniger euphorische Anerkennung, in die Richtung „Wow, das ist ja cool.“ Ohne Klischees bedienen zu wollen, aber es sind meistens jüngere Personen, die so reagieren, bis hinauf ins mittlere Alter, wo viele Leute dem Gaming als Hobby noch ein wenig nachtrauern. Wird gerne gefolgt von der Frage „Damit kann man Geld verdienen?“, die dann natürlich wahrheitsgemäß eher verneint wird.

2. Ungläubigkeit. Tatsächlich kommt es gar nicht mal so selten vor, dass Leute den Job gar nicht kennen oder sich nicht vorstellen können, dass jemand diese Tätigkeit als Broterwerb ausübt. Mehrfaches Nachfragen und gegluckstes Lachen sind oft die Folge. Die anschließende Frage ist meistens „Wie landet man denn bei sowas?“, was so einen Touch hat von „Was genau ist denn in deinem Leben schiefgelaufen?“

3. Schlagartiger Verlust sämtlichen Respekts und verhältnismäßig offene Abscheu. Sobald sich die Nase leicht hebt, der Blick selbst bei kurzgewachsenen Leuten plötzlich von oben herab scheint und eine eisige Stille die ansonsten lebhafte Soiree erfüllt, weiß man, dass man einen solchen Moment hat. Die oftmals unausgesprochene aber stets implizierte Frage hier natürlich „Aha, und, wann machst Du was Richtiges?“

Nur ein Job - aber ein schöner

Das schlaucht natürlich etwas. Viele Leute, die in unserer Branche arbeiten, sind etwas jünger und haben, wie man das so schön und abgedroschen sagt, ihr Hobby zum Beruf gemacht. Sicherlich hatten auch viele von ihnen diesen ersten Moment, in dem Freunde und Verwandte das Ganze als fixe Idee und Kleinkinder-Fantasie abgetan haben. Und dann gelangten sie in ein Feld, das, doch das ist ein umfangreiches Thema für einen anderen Tag, auch nur ein Job ist, ein anstrengender zudem, mit Höhen und Tiefen, kleinen Ärgernissen und Zweifeln.

Und das ist okay. Man muss sich eben durchbeißen, am Ball bleiben und etwas in den Job investieren, wenn man ihn wirklich machen will. Aber wenn man dann die Realität vor der Nase hat, ist einem kaum noch danach zumute, den Spielejournalismus als cooles Alternativdasein zu zelebrieren, also ist es manchmal schwer, mit Schwung und Verve den doch recht normalen Arbeitsalltag mit Leuten zu besprechen, die ihn von außen als die coolste Sache seit der Erfindung der Kettensäge wahrnehmen. Und genauso wenig möchte man natürlich, dass die Leute einen nicht ernstnehmen oder die Arbeit als banalen und anspruchslosen Quatsch abtun.

Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte. Keiner von uns gibt sich der Illusion hin, dass wir große Literatur produzieren würden oder dass die Sonne einfriert, wenn wir diesen Job nicht mehr machen. Und wir wissen auch, dass es ein schönes und unterhaltsames Feld ist, in dem wir arbeiten. Wir lieben das Medium, sonst würden wir hier nicht arbeiten, und viele von uns beschäftigen und unterhalten sich auch privat oft, viel und lange mit und über Games.

Kurzum: Unsere Branche ist nicht das Schlaraffenland und sie ist auch nicht sinnlos. Sie ist aber ein schönes Feld und, ja, im Vergleich zu anderen Berufen nicht so handfest oder gar wichtig. Es gibt Tage, an denen ist man es leid, von Zocker-Bekannten begrüßt zu werden mit „Hey, hast Du x und y schon gezockt, omg es ist so awesome, was macht eigentlich die Beta zu Spiel z usf.“, bevor man sich überhaupt die Jacke ausgezogen hat. Und natürlich ist es auch jedes Mal ein Schlag in die Magengrube, wenn Leute, unter Anderem auch welche, die man schon lange kennt, bei der bloßen Erwähnung unserer Arbeit die Nase rümpfen oder Witze machen.

Aber ich liebe meinen Job, und ich bin stolz darauf, gute Arbeit zu leisten. Ich weiß nicht, ob ich ihn mein ganzes Leben machen kann oder will, aber momentan gibt es nichts, was ich lieber täte. Er ist mir also nicht peinlich, nein. Man muss sich nur, wie in jedem Job, ab und zu vor Augen führen, was man macht, warum, wozu. Und daran denken, dass Außenstehende nun mal das Privileg haben, gewisse Dinge nicht zu wissen, nicht zu verstehen oder anders zu sehen.

Zurück an die Arbeit.

Weißt du, wofür diese alltäglichen Dinge gedacht sind?

Die Funktionen von Alltagsgegenständen sind uns inzwischen allen wohlbekannt, oder? Doch wofür ist die blaue Seite eines Readiergummis gedacht? Testet euer Wissen!

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