Kolumne: Bin ich ein Hipster?

Leo Schmidt 31

Ich habe unter Freunden, Kollegen, engeren Bekannten, flüchtigen Bekannten, vollkommen Unbekannten und Leuten, an denen ich auf der Straße vorbeigehe, einen bestimmten Ruf weg, nämlich den, ein gottverdammter Hipster zu sein. Das hat viele mögliche Ursachen, zum Beispiel mein großes Brillengestell, mein Tweed-Jacket oder vielleicht auch einfach den Umstand, dass ich wirklich ein Hipster bin.

Kolumne: Bin ich ein Hipster?

Zumindest befürchte ich das. Es ist so eine nagende Vermutung in meinem Hinterkopf, gespeist von immer wieder auftretenden Phänomenen: exzessives Nörgeln über gehypte Spiele, Filme und Serien, Vorliebe für bescheuerte Subkulturen (Bronies, anyone?) und natürlich auch eine Neigung zu Spielen, die eigentlich recht furchtbar sind, die ich aber wenn nötig bis aufs Messer verteidige. Also, bis aufs Buttermesser. Ich bin nicht sehr gewalttätig.

Die Frage ist aber: Steht es um mich wirklich so schlimm? Ist es nicht vielleicht einfach so, dass diese Beispiele halt besonders auffallen, vielleicht auch, weil ich ganz besonders drauf achte? Wenn es auch nur eine kleine Chance gibt, meinen Ruf zu retten, dann muss ich sie wahrnehmen! Zu diesem Zweck möchte ich heute also mal mit euch einen kleinen Spaziergang durch meine Games-Historie machen und mal links und rechts gucken, ob wir einen Trend feststellen.

Zu diesem Zweck werde ich in meinen Spielekatalog gucken. Im Fall von Steam werde ich Spielzeiten angeben, ansonsten werde ich ein paar alte Wertungen und dergleichen rauskramen. Alles ziemlich ungeordnet, aber vielleicht kommen wir ja zu einem Ergebnis. Insofern: Allons-y!

Fangen wir an mit den längsten Spielzeiten. Auf meinen Konsolen muss ich dafür kaum nachgucken, wenn ich mich so richtig festspiele, dann eher am Rechner. Ich bin sehr dankbar für Steam, das mir genau sagt, wie viele Stunden für welchen Pixelbrei aus dem Fenster meiner Kellerkind-Hütte geflogen sind.

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Längste Spielzeit: Borderlands 2 – 188 Stunden

Das geht doch gar nicht so schlecht los. Borderlands 2 ist zwar kein Call of Duty, aber ein doch deutlich im Mainstream verankertes Schlachtschiff von einem Hirnfurz, das von vielen Leuten genossen wird. Tatsächlich spiele ich es zur Zeit wieder aktiv, weil ich damals die DLCs nicht gezockt habe. Und was soll ich sagen: Es ist macht so viel Fun wie eh und je!

Runner Up: Company of Heroes 2 – 164 Stunden

Auch nicht übel. Vom ersten Teil war ich damals richtiggehend besessen und der zweite gefällt mir trotz gewisser Schwächen auch sehr ordentlich. Brachiale Schlachten, popcornwürdige Explosionen – Teufel, ich brauch nur nen Bierhelm und bin der Krawallidiot vom Dienst! Score!

Das lief schonmal gut. Erwähnt werden sollte auch, dass sich auf Platz 3 Skyrim befindet – mainstreamiger wird’s nicht! Und es gibt Spiele außerhalb von Steam, die ich mehr gezockt habe, aber gar nicht mal so viele. Zwei heiße Kandidaten sind Command & Conquer: Generals und Jagged Alliance 2. Heutzutage keine Größen mehr, aber damals echte Hausnummern.

Es bietet sich natürlich an, mal zu gucken, wo denn das erste Indiespiel landet. Ich scrolle gaaaaanz weit runter und finde…

Mount & Blade – 49 Stunden

Uh, das ist natürlich ein Schlag in die Hipster-Kerbe. Um diese türkische Mittelalter-Simulation überhaupt EINE Stunde zu spielen muss man schon ziemlich leidensfähig sein. Um aber über zwei Tage seines leise dahintröppelnden Nerdlebens in den Orkus zu jagen, muss man schon richtig daran festhängen. Dennoch, auch hier geht es zumindest actionreich und brusthaarbewehrt zu. Vielleicht ist noch nicht alles verloren…

Verlassen wir die Spielzeiten (obwohl es hier noch ein paar interessante Dinge gäbe) und widmen uns den Wertungen. Ich arbeite seit 2009 in diesem Job und habe im Laufe der Zeit eine ganz solide Menge an Titeln getestet, sowohl Kracher von großen Publishern als auch nischige Indie-Titel. Schauen wir doch mal, was die niedrigsten und höchsten Wertungen sind, die ich so vergeben habe.

Niedrigste Wertung: Kehrmaschinensimulator 2011 – 28%

A-ha! Ich habe also einem Spiel, das höchstens in der bundesdeutschen Sauerkrautlandschaft selbst so eine Art kultigen Hipster-Status erlangen könnte, mit Breitseite eine Abfuhr gegeben! Das Teil hatte es aber auch wirklich verdient, obwohl ich dankbar dafür bin, im damaligen Test so viele Wortspiele im Stil von „I kehr for you“ wie nur irgend möglich unterzubringen. Doch es zeichnet sich ab: Diese ganze Behauptung, ich sei ein Hipster, ist durch nichts gestützt! Nischige Titel und Indietitel haben bei mir nicht per se eine bessere Chance oder einen Stein im Brett!

Höchste Wertung ever: From Dust – 92%

Fuck.

Okay, wisst ihr was? Das gilt nicht. Es ist eine Ausnahme, ein Versehen, ein Ausrutscher. Es hat damals einfach einen bestimmten Punkt in meiner Seele getroffen, der es für mich zu einem zauberhaften Spiel machte. Außerdem ist es von Ubisoft, also gar nicht mal so klein! Ignorieren wir diesen Patzer und nehmen das nächst höhere.

(zweit) HÖCHSTE WERTUNG EVUR: Braid – 91%

Aw COME ON!

Hier ist der Witz: Ich mag Braid persönlich nicht mal so besonders. Es kommt in unserem Job eben mal vor, dass man zu einem Spiel keine persönliche Bindung aufbaut, aber trotzdem erkennt, dass es saugut ist und das dann in der Wertung ausdrückt. Braid ist so ein Fall, ich hab es seit meinem Test nie wieder angerührt und…

… wisst ihr was, neuer Versuch. Ich greife einfach random einen der unzähligen Spielestapel, die zwischen nicht entleerten Rattenfallen und konversationsfähigen Tellern mit Speiseresten zuhauf in meinem Zimmer stehen und erzähle nacheinander, welche Spiele sich auf ihm befinden.

Da hätten wir Marvel Ultimate Alliance 2. Nun gut, kein hohes Profil, aber es geht… gefolgt von Persona 4 Arena. Immerhin das Hauptspiel kennen doch die meisten, oder?! Es folgt Dragon’s Dogma, immerhin, und dann… oh je, Alpha Protocol. Ein RPG mit 60er-Wertungen, das ich eine geradezu peinliche Anzahl von Malen durchgespielt habe. Wenigstens wird es jetzt nicht mehr schli… Way of the Samurai 4. Klotziger geht nicht. Oh wartet! Geht doch, denn direkt darunter liegt Way of the Samurai 3, das ich aus irgendeinem Grund parallel gespielt habe!

Alle Systematik geht flöten, alle Hoffnung ist verloren. Es lässt sich nicht leugnen: Wenn es um Gaming geht, habe ich definitiv etwas von einem Hipster an mir. Ich schlage mich gerne auf die Seite von Underdogs, ich spiele gerne obskures Zeug, von dem noch keiner gehört hat, und ist es dann in aller Munde, dann knirsche ich ein bisschen mit den Zähnen und lasse leise das alte Mantra pfeifen: „Ich kannte das schon, bevor es cool war.“

Und die Kehrseite ist Zynismus und Ablehnung großer Titel, einfach nur, weil sie groß sind. Ich gebe zu, dass dieser Job mich im Laufe der Zeit etwas verbittert hat. Cinematic Trailer können mich gar nicht mehr begeistern, weil ich ihnen nicht vertraue. Hinter jedem schönen Spiel vermute ich Blendwerk, und Hype will sich nicht mehr recht einstellen. Ein Teil davon ist Erfahrungswert – ich bin einfach einmal zu oft auf meine süße Stupsnase gefallen – aber meine Kollegen schaffen es dennoch besser als ich, keine fiesen alten Griesgräme zu werden.

Aber: Erkenntnis ist der erste Schritt auf dem Weg zur Besserung. Jetzt, da ich meine eigene Kurzsichtigkeit besser überblicke, kann ich vielleicht unbefangener rangehen. Mit neuem Elan und einem offenen Geist nehme ich mir jetzt kommende Spiele vor, die bei mir vorher Naserümpfen erzeugt haben, und gelobe, mich unkritischer auf sie zu freuen. Vielleicht, anlässlich meiner Steam-Statistik, das Borderlands Pre-Sequel. Oder die nächsten Teile von Assassin’s Creed. Mal sehen.

Jedenfalls danke ich euch, dass ihr mit mir auf Seelensuche gegangen seid. Freut euch auf meine Kolumne nächste Woche, in der ich über Spin-Offs großer Reihen motze, darunter Borderlands: The Pre-Sequel und Assassin’s Creed Rogue! Bis dann!

Weißt du, wofür diese alltäglichen Dinge gedacht sind?

Die Funktionen von Alltagsgegenständen sind uns inzwischen allen wohlbekannt, oder? Doch wofür ist die blaue Seite eines Readiergummis gedacht? Testet euer Wissen!

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