Was ist objektiver Spielejournalismus? Ein entnervter Kommentar

Leo Schmidt 19

Erinnert ihr euch, wie ich vor kurzem in einem Artikel von GamerGate bzw. der ganzen Skandalgeschichte um Zoë Quinn berichtet habe? Falls nicht, würde ich euch ans Herz legen, diesen Artikel zu lesen. Die Kurzfassung ist: Skandal im Videospieljournalismus, alle brüllen durcheinander und ich will die ganze Sache nicht mit einem Drei-Meter-Stab anfassen.

Was ist objektiver Spielejournalismus? Ein entnervter Kommentar

Der Grund für letzteres ist aber nicht, dass ich die einzelnen Themen nicht wichtig fände, wie ich in dem anderen Text gesagt habe. Ich denke nur, dass man sie in einem aufgeheizten Klima schlechter angehen kann, und vor allem sollte man sie nicht alle gleichzeitig und durcheinander besprechen. Insofern bleibe ich meinem Vorsatz treu, mit dem unappetitlichen Cocktail aus Brustgetrommel und Schuldzuweisung namens GamerGate nichts zu tun haben zu wollen.

Aber: Im Fahrtwasser dieser ganzen Schlammschlacht lösen sich einzelne Themen wieder heraus und werden gerade etwas zivilisierter an anderen Orten besprochen. Eine der größten Säulen des Kotgeschleuders war die Gretchenfrage „Wie hältst du’s mit dem Spielejournalismus?“, besonders mit Fragen wie Interessenkonflikten und Integrität. Es wurden Stimmen laut, wie man sie öfter einmal hört, dass Objektivität ohnehin eine Illusion sei und deshalb die Kritiker mal eine Stufe zurückdrehen sollten.

Das veranlasste einen ehemaligen Games-Journalisten namens Oliver Campbell dazu, auf Twitter (von allen Plattformen des Internets nun ausgerechnet auf der) ein kleines Traktat (mit vielen anscheinend zufällig per Capslock gebrüllten Wörtern) zu dem Thema zu verfassen und in über zwei Dutzend Nachrichten zu veröffentlichen. Es ist dieses Statement von ihm, auf das ich heute eingehen will. Wenn ihr es selbst lesen möchtet, findet ihr es in Screenshot-Form hier. Für alle anderen fasse ich kurz zusammen.

Campbell sagt, dass Journalisten, die sagen, dass sie nicht objektiv sind bzw. sein werden, ein Problem darstellen. Jeder Interessenkonflikt, selbst, wenn er nur scheinbar ist, muss adressiert werden. Das sei der Grund dafür, warum man jetzt selbst die Test-Exemplare von Spielen in den USA angeben müsse. Und wenn das schon Grund zur Sorge sei, wie müsse dann erst eine persönliche Bindung unter beteiligten Personen aussehen?

Er habe von seiner Mentorin, die ihn dermaleinst in die Industrie gebracht hat, gelernt, wie man mit Interessenkonflikten umzugehen habe. Keine Spiele testen, wenn man schon Im Vorfeld ein gutes oder schlechtes Verhältnis hat – zu viele Vorurteile. Der Job als Spielerezensent sei nicht, den Lesern zu sagen, wie sie zu fühlen oder zu denken haben, sondern ihnen als Konsumenten dabei zu helfen, mit ihrem Geld die beste Kaufentscheidung zu treffen. Dazu sei es nötig, den Lesern nur die Fakten mitzuteilen, nicht, wie man sich fühlt.

Das Problem mit aktuellen Spielejournalisten sei, dass sie selbst die Story sein wollen, während es nur ihre Aufgabe sei, über die eigentlichen Stories zu berichten. Früher sei das besser gewesen, in den Printmedien sei kein oder sehr begrenzter Platz für Meinung gewesen, und wenn, dann sei es eben in einer extra eingerichteten Ecke gewesen. Seine abschließende und entrüstete Frage ist: Was ist mit diesem Standard passiert?

Die Tirade erntete nicht wenig Beachtung und Applaus, und Campbells Ärger ist, im Gegensatz zu seiner willkürlichen Großschreibung von Worten, sehr verständlich. Auch ich musste mir schon einmal zu oft „Objektivität gibt es eh nicht, also was soll das Ganze?“ anhören. Lasst mich also kurz darauf eingehen.

Es gab einen Tag, an dem ein Teil meiner Jugend starb – der Teil nämlich, der früher die Zeitschrift PC Games gelesen hat. Vor einigen Jahren hat das altehrwürdige Magazin, das ich früher wie besessen verschlungen habe, eine kontroverse Wertung oder etwas ähnliches veröffentlicht. Ich muss leider so schwammig sein, weil ich nicht mehr weiß, worum es wirklich ging. Was ich aber noch weiß ist, dass als Antwort in einem offenen Brief von der PC Games genau das kam: Wir präsentieren nur Meinung, Objektivität gibt es nicht usf.

Daraus, dass man als fehlbarer Mensch niemals komplett objektiv sein kann, abzuleiten, dass einen die ganze Sache dann nicht zu scheren habe, ist eine der barbarischsten und hartnäckigsten Dummheiten, die man finden kann. Sie ist überall verbreitet und überall gleichermaßen falsch geschlussfolgert. Wenn sie von jemandem kommt, der sich Journalist schimpft, ist sie besonders bitter. Ich rede nicht von den Kollegen, die ganz bewusst nicht nach Objektivität streben. Ich rede von denjenigen, die diese faule und dumme Ausrede bemühen, um es sich leicht zu machen.

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Neue Artikel von GIGA GAMES

* gesponsorter Link