Programmieren als Schulfach: Warum Merkel Recht hat [Kommentar]

Rafael Thiel 11

Zur CeBIT-Eröffnung durfte Angela Merkel eine Rede halten. Darin fordert die amtierende Bundeskanzlerin „Programmieren als Grundfähigkeit neben Lesen, Schreiben und Rechnen.“ – Warum das falsch ist und trotzdem Sinn ergibt.

Programmieren als Schulfach: Warum Merkel Recht hat [Kommentar]
Bildquelle: Olaf Kosinsky/Skillshare.eu.

Das diesjährige Partnerland der CeBIT war Japan. Im Inselstaat hat die Debatte darüber, ob und wann Kinder sich schulisch mit Computern auseinandersetzen sollten, bereits ein fortgeschritteneres Stadium erreicht. Dort ist eine entsprechende Schulreform bereits in Arbeit und soll ab 2020 greifen. Diese sieht vor, dass Schülern bereits im Grundschulalter digitale Themen und die damit einhergehende Verantwortung vermittelt werden. Damit übernimmt Japan weltweit eine Vorreiterrolle.

In Deutschland hingegen, wo Frau Merkel sich zur oben genannten markigen Aussage bekannte, sieht es in puncto digitaler Bildung an Schulen doch eher düster aus. Hierzulande ist Informatikunterricht meistens optional und erst in Richtung Oberstufe belegbar. Programmieren wird schulisch erst dann ein Thema, wenn parallel Integrale auf dem Lehrplan stehen und der Abschluss in greifbare Nähe rückt. Je nach Schulsystem erhalten Schüler sogar gar nicht erst die Chance, sich für die vernetzte Welt zu wappnen.

Dass Frau Merkel das erkennt und etwas daran ändern möchte, ist schon mal ein lobenswerter Schritt. Wirklich neu ist ihre Aussage aber auch nicht – schon 2016 ließ sie sich zu ähnlichen Worten hinreißen. „Ich glaube, dass die Fähigkeit zum Programmieren eine der Basisfähigkeiten von jungen Menschen wird, neben Lesen, Schreiben, Rechnen.“, sagte die amtierende Bundeskanzlerin schon auf der Deutsch-Französischen Digitalkonferenz vergangenes Jahr.

Programmieren neben Lesen, Schreiben und Rechnen

Davon abgesehen, dass Bildung in weiten Teilen Ländersache ist und der Einfluss der Bundesregierung somit nur eingeschränkt, spinnen wir den Gedanken mal weiter: Wie sähe eine Grundschule aus, in der Programmieren zusammen mit Lesen, Schreiben und Rechnen auf der Tagesordnung steht? Eine Antwort auf diese Frage zu finden, fällt nicht leicht. Denn zunächst kollidiert diese Vision mit der Tatsache, dass zum Programmieren streng genommen jene Fähigkeiten, die Frau Merkel dem Programmieren gleichstellt, unerlässlich sind. Ein Quellcode ohne mathematische Operationen ist undenkbar. Außerdem: Wie kann von einem Kind, das gerade erst das Alphabet lernt, verlangt werden, logische Algorithmen zu Papier zu bringen?

Schule-Computer

Eine unrealistische Forderung also, zumindest so ausformuliert. Der Begriff „Programmieren“ lässt sich aber auch stellvertretend verstehen – stellvertretend für Technik- und Medienkompetenz, stellvertretend für die Einordnung digitaler Informationen, stellvertretend für den verantwortungsvollen und effizienten Umgang mit Computern. Denn auch Informatik, also jener Studiengang, der heutzutage gefragt ist wie kaum ein anderer, besteht nur peripher aus Programmieren. Die Fähigkeit, Gedanken in Code niederzuschreiben, ist nur ein Handwerk. Viel wichtiger ist es, logische Gedanken aufbauen zu können und den Computer als das wahrzunehmen, was er ist: Ein strohdummes Stück Silizium, das nur das macht, was ihm befohlen wird.

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Der Ausgang des Menschen aus seiner Unmündigkeit

Dafür bedarf es keiner fortgeschrittenen Programmierfähigkeiten, sondern eher ein paar Einblicke in die digitale Welt, die alles und jeden umgibt. Wie mache ich mir den Computer zunutze? Um diese Frage könnte sich das Schulfach drehen, das Frau Merkel unter „Programmieren“ fordert. Darauf gibt es freilich keine universelle Antwort. Vielmehr ist Verständnis für technische Abläufe sowie logisches und kritisches Denken seitens der Nutzer erforderlich; also der erwachsenen Mitbürger von morgen, die heute noch die Schule besuchen und Daten ohne nachzudenken Facebook, Google und Co. anvertrauen.

Dementsprechend könnte der obigen Frage noch das Anhängsel beigefügt werden: Wie mache ich mir den Computer zunutze, ohne mich leichtfertig der Bevormundung hinzugeben? Mit ein bisschen Pathos kann ein solches Schulfach als Aufklärung der Moderne durchgehen, die sicherlich auch Kant befürworten würde. „Sapere aude!“, sagte dieser seinerzeit. Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Die Aussage ist eigentlich allgemeingültig – also auch, oder aktuell gar insbesondere, für Computer, vernetzte Systeme und den allgegenwärtigen Datenstrom. Frühe Erfahrungen in diesem Bereich machen den Unterschied.

Wie der Schulunterricht konkret aussehen könnte, sollen klügere (lies: die dafür zuständigen) Köpfe austüfteln. Ob Programmieren als Handwerk darin eine zentrale Rolle spielt, ist im Grunde unerheblich. Einem Kind muss nicht unbedingt aufgezwungen werden, kleine Programme und Algorithmen für den Computer verständlich zu entwerfen, solange es logisch wie kritisch denken kann, in der Lage ist, Probleme im digitalen Kontext eigenständig zu lösen und die vernetzte Welt als Chance begreift, ohne ihre Gefahren auszublenden. Und das gilt es heute mehr denn je bereits in jungen Jahren zu vermitteln!

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