Randlos glücklich? Warum Displayränder eine gute Sache sind [Meinung]

Simon Stich 32

Infinity Display, Edge-to-Edge, Frontkameras an merkwürdigen Stellen: Manche aktuelle Smartphones bestehen eigentlich nur noch aus einem Display. Der Rest der Hardware muss sich fügen. Diese Entwicklung ist nicht neu, spitzt sich aber gerade zu. Brauchen wir wirklich Smartphones ohne Ränder?

Randlos glücklich? Warum Displayränder eine gute Sache sind [Meinung]

Was haben wir alle gejubelt, als aus China die ersten Bilder des Xiaomi Mi Mix kamen. Ein Riesenteil, 6,4-Zoll-Display und über 91 Prozent des Smartphones besteht aus dem Screen. Da brauchen wir nicht mal den Taschenrechner zu bemühen, um auszurechnen, dass für den Rest nicht mehr viel Platz bleibt.

Natürlich ist das Mi Mix schön anzusehen – besonders auf den Renderbildern sieht das Teil einfach geil aus. Aber: Lässt sich so ein Smartphone überhaupt gut bedienen? Sollte diese Frage nicht wichtiger sein als ein Rekord beim Screen-to-Body-Verhältnis?

Xiaomi Mi Mix im Hands-On: Wo ist denn da der Rand?

Display überall

In den Reviews des Mi Mix hat das Display alle anderen Eigenschaften überstrahlt. Die wenigsten Jubler haben das Gerät aber mal selbst in der Hand gehalten. Denn genau da beginnt schon das Problem: Wie soll so ein Display – Verzeihung – so ein Smartphone gehalten werden? Eigentlich müsste es in die Handfläche gelegt werden, um dann der anderen Hand die Bedienung zu überlassen. Sieht dämlich aus, macht niemand. Stattdessen also zurück zur normalen Haltung, mit Fettflecken an Orten, an denen andere Smartphones keine Fettflecken haben – weil da eben der Rand ist.

Wir sind an einem Punkt angekommen, wo die Bedienung der Geräte vom Design beeinträchtigt wird. Bleiben wir noch einen Moment beim Mi Mix von Xiaomi. Das Display ist so beherrschend, dass nicht mal Platz für eine Frontkamera am oberen „Rand“ bleibt. Die Lösung? Die Selbstbildkamera wandert nach unten, an den einzigen echten Rand, den die chinesischen Ingenieure dem Gerät noch gelassen haben. Selfies von unten also – oder das Teil wird eben um 180 Grad gedreht. Ist ja nur ein Handgriff, oder?

Beim Essential PH-1, dem neuen Smartphone von Android-Daddy Andy Rubin, ist die Frontkamera ins Display eingelassen und „spaltet“ aufgrund der fehlenden Bezel sogar den obersten Teil des Screens. Und darf man den Gerüchten Glauben schenken, wird selbst Apple beim iPhone 8 auf diesen fragwürdigen Trend aufspringen.

Schutzlos ausgeliefert

Je weniger Rand, desto schicker. Je mehr Display, desto besser die Werbebilder. Alles absolut verständlich. Dass Ränder ein Gerät auch vor Stößen schützen und ein nahezu randloses Display schneller kaputt geht – wie beim Galaxy S8 – ist dann wohl nicht so wichtig. Dafür gibt es schließlich Hüllen. Die wiederum machen das Gerät breiter und schon sind die Ränder wieder da. Nur eben künstlich. Eine Basisfunktion muss extern erworben werden – und wir reden hier ausnahmsweise mal nicht von Apple.

Das Mi Mix und das S8 sind wunderbare Smartphones. Von außen wie von innen. Sie stehen aber auch für eine Entwicklung, die vielleicht in die falsche Richtung geht. Welches Display wird das S9 haben, welches das S10? Sollten wir nicht vielleicht aufhören, von einem immer besseren Screen-to-Body-Verhältnis zu schwärmen? Letztendlich sind Smartphones Geräte, die uns einen Nutzen bringen sollen. Es geht um die alte Frage: Form oder Funktion? Im Idealfall passt beides perfekt zusammen – was wir aber gerade erleben, ist der Beginn einer Behinderung der Funktion zugunsten der Form. Wollen wir das wirklich?

Die in diesem Artikel ausgedrückten Ansichten und Meinungen sind die des Autors und stellen nicht zwingend den Standpunkt der GIGA-Redaktion dar.

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