Punktgewinn für China? Bevölkerung lässt sich gerne überwachen

Sven Kaulfuss 1

Was kommt dabei heraus, wenn wir Facebook, die Schufa, nebst der Staatssicherheit in einen Topf schmeißen? Am Ende wohl ein feines Überwachungsgericht nach chinesischer Art. Der leicht süß-saure Nachgeschmack stößt den Gourmets im Reich der Mitte dabei nicht auf, denn die befürworten das neue Punktesystem sogar noch. Sind die verrückt oder haben sie nur Angst?

Punktgewinn für China? Bevölkerung lässt sich gerne überwachen
Bildquelle: Pixabay.com.

Wie denken eigentlich die Bewohner eines Landes darüber, wenn der Staat die Bevölkerung in gute und schlechte Bürger einteilt? Der Einordnung liegt ein Punktesystem zugrunde. Wohlwollendes Verhalten wird belohnt, Kritik und anderes „schändliches“ Tun wird abgestraft. Was dabei gut, gewollt und was als böse angesehen ist, legt freilich die Partei in ihrer gefestigten Weisheit fest. Würde die Öffentlichkeit ein solches System nicht mit Argwohn betrachten, immerhin wird die persönliche Freiheit doch bis in den Kern der tiefsten Privatsphäre verletzt?

Mehrheit der Chinesen befürwortet Sozialpunktesystem

Offenbar ist dies nicht der Fall, denn laut einer aktuellen Studie der Freien Universität Berlin(FU) heißen 80 Prozent der Umfrage-Teilnehmer ein solches Sozialpunktesystem gut. Bei den Befragten handelt es sich um 2.209 chinesischen Bürgerinnen und Bürgern. Diese konnten sich aktiv für eine Teilnahme entscheiden, insgesamt 350.000 Menschen wurde die Umfrage angeboten. Laut der FU Berlin ist das Ergebnis repräsentativ für die chinesischen Internetnutzerinnen und -nutzer zwischen 14 und 65 Jahren.

Meine Gedanken zum Wochenende: Die Kolumne möchte Denkanstöße liefern, zur Diskussion aufrufen und den „News-Schwall“ der Woche zum Ende hin reflektieren. Eine kleine Auswahl der bisherigen Artikel der Kolumne:

Als Demokratie-verwöhnter Mitbürger eines westlich orientierten Landes schreckt man da auf: Wie kann man nur so naiv sein? Da steckt doch mehr dahinter, oder? Immerhin dürfte jedem klar sein, dass ein solches Sozialpunktesystem, wie es China 2020 flächendeckend einführen möchte, doch der feuchte Traum eines jeden Überwachungsspezialisten ist. Schon heute gibt’s derartige Systeme unter 40 lokalen Regierungen in China. Auch die Privatwirtschaft macht mit – beispielsweise entscheiden mit Alibaba und Tencent längst zwei kommerzielle Anbieter über etwaige Kreditvergaben. Grundlage hierfür das Konsumverhalten der Bittsteller.

Allein dies mag uns noch nicht verwundern, denn wir kennen doch hierzulande auch die Schufa. Ihr Auftrag ist es, ihre Kunden mit Informationen zur Kreditwürdigkeit Dritter zu versorgen. Dafür hält sie umfassende Daten von fast 70 Millionen Bürgern bereit. Der Leitspruch der Schufa: Wir schaffen Vertrauen.

Bei der Gelegenheit bietet es sich doch an, mal über die eigene Sicherheit bei der Benutzung von Facebook nachzudenken. Im Video helfen wir dabei:

Facebook sicherer machen.

Schlechter Deal: Sie wollen die Schufa und nehmen die Stasi dabei in Kauf

Um dieses Vertrauen geht’s auch den befragten Chinesen. Die haben solches bisher nicht in die eigene Gesellschaft. Konkret gibt die Politologin Genia Kostka vom Institut für Chinastudien an der FU zu bedenken: „In einem Land, in dem die Verbraucher über giftige Babymilch oder kontaminierte Erdbeeren besorgt sein müssen oder Internetbetrüger Hunderttausende von Menschen schikanieren, wird das Sozialkreditsystem als Plattform für verlässliche Information wahrgenommen. Die in westlichen Ländern geübte Kritik an der Sammlung persönlicher Daten rückt damit in China in den Hintergrund.“ Weiterer Punkt: Die Bevölkerung geht wohl davon aus, dass die chinesische Regierung sowieso schon alles über sie wisse. Ergo: Eine absolute Bankrotterklärung an die eigene Privatsphäre.

Die geben wir hierzulande jedoch oftmals auch bereitwillig auf, posten auf Facebook und Instagram privateste Informationen und scheren uns einen Dreck, wer diese Daten für welche Zwecke nutzt. Der Unterschied zu China: Wir müssen dies nicht tun, sind mündig. Nur wird’s Zeit uns selbst daran mal wieder zu erinnern und dieses Wissen, um die eigene Selbstbestimmung auch der jungen Generation weiterzugeben.

Anmerkung: Die in diesem Artikel ausgedrückten Ansichten und Meinungen sind die des Autors und stellen nicht zwingend den Standpunkt der GIGA-Redaktion dar.

Quelle: FU Berlin via heise online

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