18 Jahre altes MMO lebt immer noch – dank der Hingabe der Spieler

Lisa Fleischer

Während andere immer wieder neue Spiele beginnen, bleiben sie dem einen treu: Die Rede ist von Spielern, die seit Jahrzehnten in ein und demselben MMO aktiv sind – und es am Leben erhalten, nachdem es vom ursprünglichen Publisher schon aufgegeben wurde. Dazu gehört auch die deutsche Community vom MMO Die 4te Offenbarung.

MMOs, also Massive Multiplayer Online-Spiele, haben eine besondere Anziehungskraft: In anderen, oft wesentlich kurzweiligeren Spielen, tauchst du nur für eine bestimmte Zeit in eine andere Welt ein – seien es nun acht oder 120 Stunden. In MMOs hingegen erstellst du dir eine komplett neue Identität, die mehr oder weniger mit deinem eigenen Ideal übereinstimmt. Mit ihr tauchst du voll und ganz in die neue Welt ein – und begegnest wiederum den Alter Egos anderer realer Personen.

Ihr alle teilt eine gemeinsame Leidenschaft: Ihr füllt die Welt des MMOs, das ihr so innig liebt, mit Leben. Daraus kann ganz verschiedenes hervorgehen: Enge Freundschaften, Beziehungen, ja sogar reale Ehen finden ihren Ursprung in der virtuellen Kontaktaufnahme über MMOs. Nur leider sind genau solche Spieler inzwischen nicht mehr allzu profitabel für die dahinterstehenden Publisher. Immer wieder erreichen uns Meldungen wie die Serverabschaltung der knapp 20 Jahre alten MMOs RuneScape Classic und Asheron’s Call, von denen Fans vorher noch rührend Abschied nehmen.

Wenn die Community das geliebte MMO am Leben erhält

Das muss aber nicht sein: Manchmal kommt es vor, dass es sich Mitglieder in der Community oder aber ehemalige Entwickler zur Aufgabe machen, für die Erhaltung des Spiels zu kämpfen. Solch ein Spieler ist Christian Sprenger, der in Die 4te Offenbarung oder kurz D4O auch als Archon bekannt ist. Er hat das MMO-Rollenspiel D4O, das im englischsprachigen Raum als The 4th Coming bekannt ist, bereits im Jahr 2000 entdeckt – und zeigte sich von dem zu Grunde liegenden Charaktersystem angetan, das dem eines klassischen Pen-and-Papers stark ähnelt.

Anders als viele aktuelle MMO-Rollenspiele, die sich auf hochauflösende Grafik und ein an Action reiches Gameplay fokussieren, will Die 4te Ordnung vor allem eine Geschichte erzählen. Dabei spielt jede von Spielern geschaffene Figur eine elementare Rolle – der Fokus liegt auf „dem Erzählen von Geschichten und dem gemeinschaftlichen Erleben von Questen“, erklärt Christian im Interview.

Einen aktuellen Trailer gibt es leider nicht, wie Die 4te Offenbarung aber noch vor einigen Jahren aussah, kannst du dir in folgendem Video anschauen:

Eben weil er zuvor schon Erfahrungen als Gamemaster in Pen-and-Papers gesammelt hatte und ihn D4O so faszinierte, bewarb sich Christian Sprenger nach einiger Zeit bei D4O-Publisher Gamigo als Spielleiter. Im Mai 2010 dann der Schock: Das inzwischen neunjährige MMO Die 4te Offenbarung wurde von Gamigo eingestellt – und das, obwohl es immer noch einen harten Kern an aktiven Spielern gab.

Archon, der inzwischen als stellvertretender Game Director von D4O tätig war, entschied sich deshalb gemeinsam mit dem Game Director Laurenzis, D4O unabhängig von Publisher am Leben zu erhalten – als Herzensangelegenheit quasi. Gemeinsam erwarben sie die deutsche Lizenz des Spiels vom aktuellen Rechteinhaber Dialsoft, um das Spiel weiterbetreiben zu können.

Das Betreiben eines MMOs: Kein Kinderspiel

So einfach das auf den ersten Blick klingen mag, die Übergabe und auch Erhaltung des MMOs war und ist für Christian Sprenger und sein Team mit ganz schön viel Arbeit und auch einigen Kosten verbunden. Ganze sechs Monate dauerte es laut dem offiziellen D4O-Wiki, bis der finale Vertrag mit Dialsoft stand, erst im Januar 2011 – also fast ein Jahr nach der Server-Schließung von D4O durch Gamigo – wurden die neuen Server für alle Spieler zugänglich gemacht.

Neben der Entwicklung übernahm das neue Team „die Koordination, die Serveradministration, die Abstimmung mit DialSoft und natürlich die Regelung der Finanzen, denn auch ein solches Fanprojekt wie D4O kostet am Ende nicht nur Lizenz-, sondern auch Servergebühren.“ Inzwischen verfügt die D4O-AG, wie sich das Projekt nennt, über mehrere Spiele- und auch Test-Server. Außerdem musste sie einige Softwarelizenzen für Grafiken und Datenbanken erwerben – von der betriebswirtschaftlichen Seite mit Buchhaltungssoftware und Steuerberatung ganz zu schweigen.

Geld verdienen kann Christian Sprenger mit Die 4te Offenbarung nicht. Immerhin scheint sich das Projekt aber selbst zu tragen. Dafür reichen die Spenden aus, die von Fans und Spielern getätigt werden, außerdem gibt es einen kleinen Ingame-Shop, „in dem rollenspielgerechte Items verkauft werden.“ Auf Pay-to-Win-Mechaniken verzichten die Hobby-Entwickler ganz bewusst, das würde „das Flair von D4O zerstören“.

Umso schwerer treffen das Free-to-Play-Spiel Angriffe von Piratenservern, die sich nach einem großen Hack gebildet haben. Nicht nur, dass sie das geistige Eigentum der D4O-AG klauen und an anderer Stelle anbieten, eine strafrechtliche Verfolgung ist oft nicht möglich ist, da die Piratenserver im Ausland sitzen, wo eine andere Rechtslage herrscht. Inzwischen gibt es sogar immer wieder DDoS-Angriffe aus dem Umfeld der Piratenserver, die Die 4te Offenbarung treffen, erzählt Christian Sprenger. „Mit erstaunlich krimineller Energie mieten die Bot-Netze und machen es sich zu Aufgabe, uns aus dem Internet zu schießen“.

Freundschaften fürs Leben

Zum Glück scheint man sich zumindest mit dem Team von Dialsoft gut zu verstehen: Inzwischen bilden sie ein „gemeinsames, internationales Entwicklerteam“, das in enger Zusammenarbeit an der kompletten Aufarbeitung des Spiels programmiert. Seit drei Jahren arbeiten sie an diesem Projekt, bislang ist noch kein Release der finalen Version in Sicht – trotzdem lässt sich D4O natürlich auch weiterhin spielen. Immer wieder veröffentlichen die Entwickler in unregelmäßigen Abständen neue Story-Erweiterungen, Items, Questen und Monster, um die Spieler bei Laune zu halten.

Das scheint aufzugehen: Zwar hat Die 4te Offenbarung heutzutage längst nicht mehr so viele Spieler wie noch vor einigen Jahren, trotzdem verwaltet die D4O-AG immerhin über 1.000 Accounts – circa 15 Prozent davon sind wechselnd aktiv. Neben den Dauerspielern gibt es dann auch noch solche Nutzer, die immer wieder Pausen einlegen, aber auch für zwei bis drei Monate in die Spielwelt zurückkehren.

Und was haben sie in den letzten Jahren alles erlebt: Es gab und gibt Spielertreffen sowie Stammtische, für die die Spieler durch die ganze Republik reisen. Es gibt Beziehungen, die im Spiel entstanden sind und sich letztlich auch auf die Realität übertragen haben. Spieler haben geheiratet – sowohl In-Game als auch in Echt, inzwischen gibt es sogar Kinder, die aus D4O-Beziehungen entstanden und inzwischen selbst im MMO aktiv sind, erzähl Nutzerin Seska.

Spielerin Tiana hat sogar ein Gedicht über ihre Erfahrungen mit D4O geschrieben. Ganz stolz erzählt sie mir im Forum, dass sie dafür eine Tasse und ein Mauspad gewonnen hat – „manchmal grinse ich, wenn ich daran vorbei laufe … und frage mich, wo die Jahre hin sind.“ Inzwischen spielen beide wesentlich seltener als früher – trotzdem sind sie D4O bis heute treu.

Du hast jetzt Lust auf Die 4te Offenbarung bekommen und willst MMO-Luft schnuppern? Das Spiel kannst du dir entweder auf der offiziellen Webseite der D4O-AG oder aber auf Steam herunterladen.

Zuversichtlich in eine ungewisse Zukunft

Genau für diesen Zusammenhalt in der Community, die persönlichen Geschichten und Erlebnisse, die Leidenschaft betreibt Christian Sprenger alias Archon gemeinsam mit seinem Team D4O – ein Ende ist bislang nicht in Sicht: „Solange die Community weiter existiert und seitens der Spielergemeinschaft Interesse an D4O besteht, werden wir es auch weiterentwickeln.“ Die Idee, D4O irgendwann aufzugeben, ist ihm tatsächlich noch gar nicht in den Sinn gekommen. Auch seine Kinder sind inzwischen in D4O aktiv – sie helfen ihm sogar beim Programmieren.

Eines der wenigen MMOs, die nach wie vor profitabel sind, ist World of Warcraft von Publisher Blizzard Entertainment. Wir haben die Entstehungsgeschichte des Klassikers zusammengefasst:

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Die Entstehungsgeschichte von World of Warcraft.

„Ich glaube, D4O besetzt im Spielemarkt eine kleine Nische. Es ist von der Struktur so interessant aufgebaut, dass es uns immer wieder mit der einen oder anderen Überraschung begeistern kann. Ich bin also zuversichtlich“, schließt er unser Interview ab. Ich wünsche dem Team alles Gute – und hoffe auf noch viele weitere persönliche Geschichten, mit denen D4O die Spielerschaft auch weiterhin zu begeistern weiß.

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