Aussterbende Videospielläden: Was vom Verkaufstag übrig blieb

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„Früher, da sind die Leute reingekommen und haben gefragt, ‚Wie ist denn das Spiel?‘“, erzählt Kreso Valter. „Heute kommen sie rein und fragen,‘Was kostet das Spiel?‘“

Das ist beileibe nicht das einzige, was sich in 25 Jahren für Kreso als Inhaber eines Videospielefachgeschäfts in der Branche veränderte, aber daran lässt sich am besten erkennen, welchen fundamentalen Wandel sie vollzogen hat – nicht nur in Bezug auf die Publisher, die Entwickler und nicht zuletzt den Endnutzer.

Im vergangenen Jahr soll die Videospieleindustrie einen Umsatz von über 137 Milliarden Dollar weltweit generiert haben. Und doch, während Kreso einen gestiegenen Umsatz gerade durch die ganzen Guthabenkarten auch bei sich verbuchen kann, ist sein reiner Gewinn so niedrig wie nie. Denn den Großteil des Umsatzes macht der digitale Bereich aus; und da bleibt er als Retail-Fachhändler außen vor.

Ob er noch einmal in das Geschäft einsteigen würde mit dem Wissen von heute, will ich wissen. „Ich bereue es nicht“, sagt der 50-Jährige sofort. „Es ist gut so, wie es gekommen ist. Ich meine, ein Vierteljahrhundert ist schon eine Leistung. Es ist für mich sogar mehr Freizeit als Beruf, wenn ich darüber nachdenke.“ Dennoch würde er gerade seinen beiden Töchtern davon abraten, sein Geschäft zu übernehmen. Denn er sei davon überzeugt, dass es dem Videospielefachhandel genauso ergehen werde wie der Videothek: Er verschwindet.

Das war vor über 25 Jahren noch nicht abzusehen, in welche Richtung sich die Videospielebranche entwickeln würde; damals steckte sie noch nicht einmal in den Kinderschuhen. Vor seiner Selbstständigkeit als Videospielefachhändler verkaufte Kreso in erster Linie Kindermode in Schwenningen und war auch als Flohmarkthändler unterwegs. Anfang der 1990er-Jahre sah er einen Game Boy mit einigen Spielen an einem Flohmarktstand in Berlin.

Kreso interessierte sich schon länger für Nintendos damals neuen Handheld. Also kaufte er ihn und nahm ihn mit zu seinem eigenen Stand. „Da kam dann auf einmal schon der erste an und fragte, was ich für den Game Boy haben möchte“, lacht er. Immer wieder wurde er an dem Tag nach dem Preis für den Game Boy gefragt. „Da habe ich bereits gespürt, dass sich mit Videospielen und der dazugehörigen Hardware ein Geschäft machen lässt.

Ein gewagter Schritt

Man muss sich hier vor Augen führen, dass der Schritt in das Videospielegeschäft anno 1993 doch als recht gewagt galt. Videospiele wurden damals noch mit Spielzeug gleichgesetzt und waren dementsprechend nicht selbstverständlich im Elektronikfachhandel zu finden. Die kleine Ecke für gebrauchte Videospiele im 30 Quadratmeter großen Kindermodengeschäft wurde alsbald zu knapp, denn das Interesse war erstaunlich groß. Die Valters zogen ein paar Straßen weiter in neue Geschäftsräume mit 120 Quadratmetern. Anfangs konzentrierte er sich nur auf den An- und Verkauf gebrauchter Produkte.

Den Wandel brachte die PlayStation von Sony, die hierzulande am 29. September 1995 auf den Markt kam. „Da haben wir zum Test mal 20 Konsolen vom Großhändler besorgt. Einfach, um mal zu sehen, wie das Geschäft mit Neuware läuft“, erinnert sich der 50-Jährige. Der Tag war noch nicht einmal zu Ende, da waren alle 20 Exemplare verkauft. „Das konnte ich kaum fassen“, so Kreso. Ab da wurde ihm klar, dass sie ihr Geschäft ganz auf Videospiele umstellen mussten.

Das zu Beginn noch Flohhaus genannte Geschäft war einer der ersten Videospielefachhandel der Region Villingen-Schwenningen überhaupt. Und das Geschäft brummte: „Wir hatten Mitte der Neunziger teilweise einen Umsatz von 100.000 D-Mark im Monat.“ Und schon bald vergrößerte sich der Kundenstamm noch weiter: Um sich über die neuen Produkte zu informieren und sich auf dem Laufenden zu halten, kaufte sich Kreso Videospielmagazine.

In denen sah er dann die Inserate anderer Händler und dachte sich, dass er doch auch in das Versandgeschäft mit einsteigen könnte. Internet gab es zu dem Zeitpunkt ja noch nicht, TV-Werbung war undenkbar, also waren Inserate die beste Möglichkeit, auch deutschlandweit Kunden zu erreichen. „Wir haben pro Monat mehrere Tausend D-Mark allein für Anzeigen ausgegeben in den Zeitschriften. Da haben dann die Leute angerufen und per Nachnahme oder sogar per Geld im Kuvert bestellt.“ Am Tag erhielt er so in der Hochphase bis zu 300 Anrufe. „Ich konnte keine Kunden mehr bedienen, weil ständig das Telefon geklingelt hat. Meine Frau Margarete war im Vertrieb tätig und wir hatten dann noch einen Festangestellten.

Der Namenswechsel seines Geschäftes erfolgte im Jahr 2.000. Da zogen die Valters mit dem Laden in das damals neu eröffnete und mittlerweile wieder geschlossene Einkaufszentrum Rössle um. Flohhaus heißt heute sein zweites Geschäft, das seine Frau leitet, und in dem wie zu seinen Anfangstagen allerhand Trödel verkauft wird. Das Angebot beider Läden findet sich im Internet auf einer gemeinsamen Seite.

Geschichten aus dem Videospielladen

In 25 Jahren hat Kreso einige Momente zum Schmunzeln erlebt. Etwa, als Tomb Raider 2 im Herbst 1997 veröffentlicht wurde. Lara Croft als sexy Heldin war damals gefragt wie nie. Vorsichtshalber hatte er daher gleich 300 Exemplare vorbestellt. „Am Erscheinungstag war vor meinem Laden eine ganze Schlange voller Leute. Ich habe es gar nicht geschafft, die Spiele in das Regal zu packen, sondern habe sie direkt aus dem Karton verkauft. Manche haben sogar zwei, drei Exemplare geholt. Viele darunter auch gleich mit dem Lösungsbuch zusammen.

Lara Croft hat sich mit den Jahren aber auch stark verändert.

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Tomb Raider: Die Evolution der Lara Croft.

Zu der Zeit hatte das Game Center auch einige Anspielstationen, an denen man etwa die PlayStation und das Nintendo 64 anspielen konnten. Für fünf D-Mark konnte man sich ein gebrauchtes Spiel aus dem Sortiment aussuchen und es eine Stunde lang ungestört zocken. Eine Art Mini-Spielhalle, wenn man so will. „Wir waren an jedem Werktag komplett ausgebucht“, erinnert sich Kreso. „Man muss sich ja vorstellen, dass damals viele Jugendliche keine eigene Konsole zuhause hatten. So eine PlayStation hat zu Beginn ja auch 699 D-Mark gekostet. Das war kein Zuckerschlecken für Eltern, die mit dem Gaming ihrer Kinder so überhaupt nichts zu tun hatten.

Die Konkurrenz in Form einer großen internationalen Videospielkette, die sich Mitte der 2000er-Jahre im wenige Kilometer entfernten Schwarzwald-Baar-Center niedergelassen hatte, spürte der Händler aus Leidenschaft zu Beginn gar nicht, aber schließlich hat er auch die zeitweise große Konkurrenz von bis zu acht Videospielefachgeschäften in der knapp 85.000 Einwohner fassenden Doppelstadt überlebt.

Was sein Geheimnis ist, will ich wissen. „Wir sind ehrlich zu den Kunden“, sagt Kreso und erklärt weiter: „Man darf dem Kunden im Ankauf nicht weniger zahlen als woanders. Wenn man als Chef selbst hinter der Ladentheke steht, hat man hier einen größeren Handlungsspielraum im Verhandeln als etwa ein Angestellter. Der Kunde braucht eine Bezugsperson im Handel für einen persönlichen Kontakt und Vertrauen.

Teste dein Wissen.

Und nicht zuletzt seien seine Kunden seine beste Informationsquelle: Wer ein Ohr für seine Kunden habe, der wisse, was er besorgen muss und wie viel davon. Und dennoch kann man sich mal irren. So habe er den Erfolg des NES Mini Classic völlig unterschätzt. „Da bin ich herumgerannt wie blöde, um noch Exemplare aufzutreiben.“ Das SNES Mini Classic war dagegen bereits ein Ladenhüter, die PlayStation Classic gar „eine Katastrophe“.

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