BOMB THIS SH*T GAME – Review Bombing ist Krieg, aber dieser Krieg ist anders

Marina Hänsel

Sie sagten, Krieg bleibt immer gleich. Sie sagten, ihre Spiele bleiben immer gleich. Sie haben nicht gelogen, aber sie haben sich geirrt – Review-Bombing ist die gefährlichste Waffe der Fans und sie ist anders als alles, was wir bisher kennen.

Dicker Rauch wabert über Steam. Ein Schlachtfeld zieht sich über die einstige Spielbibliothek, Regale sind umgefallen, digitale Kopien von Klassikern liegen zerbrochen in tausend Pixel auf den rußigen Böden. Hast du das leise Kratzen gehört? Es könnten die Ratten sein, die an den Kadavern nagen; es könnten auch die übrigen Steam-Bibliothekare sein, die auf dreckigem Papier Diagramme zeichnen, welche einst der Ausweg sein sollten.

Es herrscht Krieg.

Nicht überall, nicht in jedem Raum jener endlosen Hallen von Steam; aber hier und dort hörst du die Explosionen der Review-Bomben oder siehst die weißen Tücher der Spieleentwickler, die aufgeben. Sie sagten, Krieg bleibe immer gleich. Aber dieser Krieg ist anders, denn es sind Spiele, die fallen und Fans, die angreifen. Mit der einzigen und letzten Instanz, die sie mobilisieren können: ihrer Stimme.

Die Stimme der Masse

Gib der Masse eine Stimme und sie entscheidet sich für Brexit. Gib der Masse eine Stimme und sie redet in der Sprache YouTube und tut, was Meinungsbildner wie TV und Zeitschriften vorgeben. Doch gibst du ihr eine Stimme, ist sie es, die auf Glücksspiel im Sinne von Lootboxen und Mikrotransaktionen hinweist. Ist sie es, die sich für die Rechte der Menschen, für Gleichberechtigung und gegen Rassismus ausspricht. Nicht nur in Spielen, aber auch.

Jeder einzelne von uns hat eine Stimme, und muss sie auch haben. Es gibt keine Ausnahmen. Wie weit diese Stimme gehört werden kann, hat ins insbesondere das Internet gezeigt. Wie gefährlich aber auch effektiv sie ist, beweist uns Review-Bombing: Ein Phänomen, das seit einigen Jahren auf Steam, Metacritic, Amazon und anderen Review-Plattformen einschlägt; verwüstet werden jedoch nur einzelne Ziele: Mass Effect 3, The Elder Scrolls 5: Skyrim, Mass Effect: Andromeda, Fallout 4, Firewatch, Star Wars Battlefront 2, Nier: Automata, um nur wenige zu nennen.

Und die Attacken nehmen zu. In den letzten Wochen wurden etliche Spiele mit extremen Reviews bombardiert, darunter Shadow of Tomb Raider, Total WarRainbow Six SiegeFallout 76, Pokemon Let’s Go und jetzt Dota. Was ist Review-Bombing? Es ist die Stimme einer kleineren oder größeren Masse, die User-Reviews als Waffe gegen Spiele nutzt – Gruppen von Spielern bombardieren einen Titel mit 0-Bewertungen, bis sein Score in den negativen Bewertungsbereich sinkt. Steam, Metacritic und Amazon sehen rot, und die Verkäufe können sinken – nicht immer, aber allzu oft.

Es gibt Gegenmaßnahmen. Steam hat Diagramme eingeführt, damit der zeitliche Verlauf von Bewertungen angezeigt werden kann: War der Titel schon immer mit Größtenteils negativ bewertet oder passiert hier Review-Bombing? Metacritic trennt User- und Kritiker-Reviews; Amazon schaltet Nutzer-Bewertung ganz aus, wie es auf dem japanischen Amazon gerade erst im Falle von Pokémon Let’s Go passiert ist.

amazon.jp schaltet die Bewertungen aus, nachdem Pokemon Let's Go bombardiert wurde.

Ist Review-Bombing nichts weiter als eine extreme Reaktion von diversen Wut-Spielern? Ist es nur der Ausdruck einer ungerechtfertigten Hasswelle; ist es Cyber-Mobbing an Entwicklern und Videospielen? Nicht immer. Jede Attacke hat einen Grund, mag er noch so klein, übertrieben oder gar völlig gerechtfertigt sein. Was was ist, vermag ich nicht für dich entscheiden – war es rechtens, Mass Effect: Andromda für mittelmäßige Animationen zu bestrafen? Vielleicht – vielleicht nicht. War es rechtens, Star Wars Battlefront 2 dem Internet-Henker wegen Mikrotransaktionen vorzuwerfen? Vielleicht – vielleicht nicht.

Aber das ist auch nicht der Punkt. Waffen bewirken etwas, ob es nun gut oder schlecht ist, sei einmal dahingestellt. In diesem Fall töten sie nicht – ebenso wenig, wie dieser Krieg bis auf’s Blut geht. Die Fans erheben ihre Stimme und seit Reddit, Resetera, den freien Medien im Web und Review-Bombing ist das sehr viel mehr, als vor den 2000ern möglich gewesen ist. Das ist es auch, was wir hierbei im Kopf behalten müssen: Unsere Stimme zählt. Unsere Stimme bewirkt etwas und schmiedet die Zukunft des Gaming ebenso, wie es die großen Entwickler in ihrem Kämmerlein tun. Jetzt sind sie nur nicht mehr allein.

Ist Review-Bombing ethisch vertretbar?

Oder, um es ganz einfach auszudrücken: Ist Review-Bombing gut? Ich habe schon darüber gesprochen, dass die Gründe hinter den Attacken mehr oder weniger nachvollziehbar sein können; womit Review-Bombing auch von Fall zu Fall gut oder schlecht im Sinne von moralisch- und ethisch-gut sein kann. Aber sollte es vielleicht eine andere Form der Stimme geben, sollten wir uns, als Spieler, anders bemerkbar machen?

Ich frage mich, wie.

Kauf das Spiel nicht, anstatt dich darüber zu beschweren! Nun ist das jedoch ein Argument, das ich nicht immer nachvollziehen kann. Natürlich hilft es, das Spiel nicht zu kaufen – natürlich ist es gerade die eine Schnittstelle zwischen Entwickler und Spieler, die etwas bewirken kann. Insbesondere wenn sich größere Gruppen von Spielern dazu entscheiden. Aber was ist mit Aufklärung? Du kannst einen Reddit-Post darüber schreiben, wie wütend dich die Arbeitsbedingungen bei einem großen Spielekonzern machen, du kannst ein YouTube-Video produzieren und du kannst dich direkt an die Entwickler wenden. Die Chance, dass du gehört wirst, ist gering.

Du kannst dich an ein großes Online-Magazin wenden und das Thema an jene weitertragen, die höhere Reichweiten erzielen. Aber was, wenn du selbst dich bemerkbar machen kannst? Review-Bombing ist in meinen Augen nicht nur die lauteste Stimme, die du verwenden kannst, sie ist auch die effektivste. Denn mehr als einmal haben jene negativen Review-Wellen Entwickler dazu gezwungen, Verhalten und Entscheidungen zu ändern.

Im Falle von The Elder Scrolls 5: Skyrim führte Review-Bombing 2015 dazu, dass Mods kostenlos blieben – Valve wollte für die von Nutzern generierten Inhalte Geld einnehmen, zog die Entscheidung nach der Fan-Attacke jedoch zurück. Das Fallout 4-Review-Bombing zwei Jahre später konzentrierte sich auf den Creation Club; Bethesdas Versuch, Mods und Mikrotransaktionen zu verbinden.

Nier: Automata dagegen wurde 2017 von chinesischen Fans bombardiert, da es keine chinesische Übersetzung des Spiels gab und es in China zum doppelten Preis verkauft wurde. PC Gamer nannte die involvierten Fans eine „kraftvolle neue Stimme“.

Star Wars Battlefront 2 ist eines der extremsten Beispiele. Die Debatte um Mikrotransaktionen und Lootboxen führte nicht nur zu Review-Bombing und dem meistgehassten Reddit-Kommentar, sondern brachte auch die Politik auf den Plan: Erwerbbare Lootboxen wurden in Belgien offiziell als Glückspiel deklariert und werden noch heute entsprechend behandelt. Das Review-Bombing hörte hier aber nicht auf: Nach und nach wurden auch andere Spiele von EA bombardiert, aus dem einfachen Grund, dass EA sie entwickelt oder produziert hat.

Gerechtfertigt?

Lass uns über Total War: Rome 2 reden. Vor zwei Monaten wurde das Spiel auf Steam mit extrem negativen Reviews bombardiert und das wegen eines kleines Updates. Was es bewirkt hat? Die Anzahl der weiblichen Generäle im Spiel wurde erhöht, woraufhin die Spieler das Argument der historischen Korrektheit hervorkramten und zuweilen mit einem einzigen Wort ihre Review-Bomben warfen: „Women.“ Inzwischen haben die Entwickler geantwortet, was bis in den November hinein zu weiterem unregelmäßigeren Review-Bombing führte.

Gerechtfertigt? Sag du es mir.

Review-Bombing bewegt sich weiter auf schmalem Grat und wird zuweilen auch ausgenutzt, um kleinere Wünsche durchzusetzen. Oder jene Belange, die nur eine kleine Gruppe von Fans vertreten und erzwingen wollen. Wie sie das tun? Unter Review-Bombing wird zuweilen auch eine organisierte Attacke verstanden und die zielt nicht immer nur auf Entwickler ab.

Von Fans, gegen Fans: Organisierte Attacken & Rettungseinsätze

Konsens bei den Fans ist nicht stets gegeben, wenn ein Spiel bombardiert wird. Ich habe nicht herausgefunden, wo genau sich Fans versammeln, um eine Attacke zu planen – aber viele von ihnen sind organisiert. Wahrscheinlich über unterschiedliche Plattformen hinweg. Um sich auf einen derartigen Angriff vorzubereiten, schärfen Fans manchmal schon im Vorfeld auf Steam ihre Waffen und rufen zu einem Rettungseinsatz auf, wie es etwa bei Valkyria Chronicles 4 der Fall gewesen ist:

Eine bestimmte Webseite, die dafür berüchtigt ist, Review-Bomben und Hass-Kampagnen zu organisieren, ist auf dieses Spiel aufmerksam geworden“, warnte A.I. im Steam-Forum zu Valkyria Chronicles 4 und spielt dabei auf die Seite Resetera an; bei meiner Recherche habe ich in den offenen Resetera-Threads jedoch keine Aufrufe zu Review-Bombing gefunden. A.I. rief im Zuge dessen dazu auf, die Augen offen für jene ‚Trolls‘ zu halten, die negative Reviews spammen. Die Reaktion der Fans wäre in dem Falle sehr wahrscheinlich ein Gegenangriff gewesen – mit positiven Reviews.

Du merkst vielleicht, dass wir hier bereits etwas tiefer im Review-Bombing-Sumpf einsinken; wo sich so manche Schlange selbst in den Schwanz beißt. Meinungen zu gewissen Aspekten eines Spiels werden zum Anlass für ein Bombing genommen, das mit schon wenigen Mitkämpfern erfolgreich sein kann. Ein solches Bombing wurde vor einiger Zeit auch in einer Facebook-Gruppe organisiert – gegen den Marvel-Ableger Black Panther, der auf Rotten Tomatoes bombardiert wurde.

Fans für Games, Fans gegen Games – einige Spiele sind beinahe unangreifbar aufgrund ihrer Community:

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11 Videospiele, die unter keinen Umständen kritisiert werden dürfen.

Review-Bombing ist nicht immer organisiert, aber oft. Review-Bombing passiert nicht immer auf Grundlage von relevanten Problemen, aber oft. Review-Bombing ist nicht immer fair – aber es ist und bleibt die bis jetzt effektivste Waffe der Fans. Und alleine aus diesem Grund kann Review-Bombing nicht immer als Hass-Tirade abgetan werden; als Überreaktion ärgerlicher Gamer, die „nichts besseres zutun haben“. Nicht immer, nicht einmal in den meisten Fällen. Die Stimme der Masse hat vielleicht nicht immer Recht, aber sie spricht Probleme an und kann Dinge verändern, etwas, das in unserer Gesellschaft ebenso wichtig ist wie im kleinen Kreis derer, die Videospiele lieben.

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