Clowns, Masken, Horror-Kliniken: Wie machen uns Horrorspiele Angst?

Marina Hänsel

Wenn du wochen-, nein, monatelang durch die dunkelsten Gänge krabbelst, die unheimlichsten Ecken erforschst und immer dort hinschaust, wo es lauert, kann das auf dich abfärben. Ja, ganz ähnlich wie das wundervolle Nietzsche-Zitat, „Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ In genau jenen Abgrund wirst du heute blicken dürfen, gemeinsam mit mir: Wir wollen nicht nur über Horror reden, oder ihn nur sehen; nein, ich möchte, dass du nach dieser kleinen Reise ins Nichts der Dunkelheit in dir ein wenig nähergekommen bist. Denn Horror ensteht stets in unserer Angst vor … ja, was eigentlich?

Die geheime Zutat ist immer Liebe“, flüstert mir Kira Vesikko zu, Community Manager von Frictional Games. Das Geheimnis von Horror ist Liebe – könnte es so einfach sein?

Gemeinsam mit dem Co-Gründer des bekannten Horror-Studios Thomas Grip beantworten die beiden mir meine Fragen zu jenen Spielen, die im Genre der Albträume den Ton angeben – Amnesia: The Dark Decent, Amnesia: A Machine For Pigs und SOMA. Wenn du „Das schlimmste Horror-Spiel aller Zeiten!“ in deine Google-Suche eingibst, wirst du vermutlich recht schnell auf Amnesia treffen.

Ein acht Jahre altes Spiel über einen Mann, der sein Gedächtnis verloren hat. Hat Frictional Games das Geheimnis des Horrors geknackt? Und wie kann es eigentlich sein, dass ein Großteil von uns doch vor denselben Dingen die Augen verbirgt? In einer Welt, deren Bewohner vor denselben Monstren fliehen – sind dort alle Albträume gleich?

Neben den beiden habe ich die Entwickler hinter dem taiwanischen Polit-Horrror-Spiel Detention, und ebenso den Gründer des Studios hinter Outlast heraufbeschworen „Zuallererst erschaffen wir Spiele, die wir selbst spielen würden.Gibt es ein universelles Konzept für Horror? Reicht ein gewisses Areal an Dunkelheit angefüllt mit flüsternden Schatten aus, damit Menschen jeglicher Kulturkreise angespannt und ängstlich vor ihrem Display sitzen?

Ich weiß es nicht. Aber ich möchte dem Geheimnis auf den Grund gehen – und das mit zwei weiteren Ehrengästen in unserer dunklen Runde: Jon, dem (beinahe) alleinigen Entwickler hinter dem Dunkelsten aller Spiele Concluse und Tomek Dutkiewicz, der verrückte Kopf hinter Agony. Nun, du magst sagen, Agony war nicht wirklich das gruseligste Spiel des Jahres, wenngleich viele von uns (ich spreche von seltsamen Horror-Liebhabern, zu denen auch ich mich zähle) gerade dieses Werk der Gewalt lange erwarteten. Aber vielleicht lernen wir gerade von einem Fehler sehr viel mehr, als von den besten Albträumen auf dem Markt?

Dies ist eine lange Reise, dir wir gemeinsam antreten. Durch die Schwärze des Unbekannten, vorbei an Monstrositäten und jene blutigen Fleischberge, die sie zurücklassen. Nimm dir ruhig einen heißen Tee, lehn dich zurück und genieße die Fahrt – damit du aber den Überblick behältst, hier eine kleine Landkarte:
Inhaltsverzeichnis – Wie machen uns Horrorspiele Angst?

Bereit? Dann lass uns eine Etage tiefer steigen, in die Dunkelheit.

Bilderstrecke starten
16 Bilder
Die besten Spiele der 90er.

Wie machen uns Horrorspiele Angst? – Die Dunkelheit

Das älteste und stärkste Gefühl ist Angst, die älteste und stärkste Form der Angst, ist die Angst vor dem Unbekannten.“ H.P. Lovecraft fasste in diesem kurzen Zitat so wundervoll eine der ersten und wichtigsten Konstanten der Angst zusammen – die Dunkelheit, das Unbekannte; jene Dinge, die wir nicht sehen, aber hören, die nicht existieren, aber da sein könnten – hinter uns, unter unseren Betten und vielleicht auch nur in unserem Augenwinkel.

Und wenn wir die Augen schließen, wenn wir blinzeln, dann kriegen sie uns. Kennst du Dr. Who?

Die weinenden Engel in der britischen Science-Fiction-Serie Dr. Who sind die einsamsten Assassinen im ganzen Universum – es sind Statuen aus Stein, deren Augen unter ihren Händen verborgen bleiben. Denn sie dürfen niemanden ansehen; werden sie gesehen, sind die stumm und still; doch blinzelst du? Schaust du weg? Dann sind sie hinter dir. Dann kriegen sie dich. Nicht blinzeln, sonst erwischen sie dich.

Was für ein Geniestreich – eines der ikonischsten Ungeheuer der Serie (und darüber hinaus) ist ein Wesen, das im Unbekannten operiert. Doch eigentlich, und um Dr. Who abzuschließen, existieren all jene schlimmsten Monster in der Serie im Unbekannten: Die Stille, Wesen, die du in der Sekunde vergisst, in welcher du die Augen von ihnen abwendest. Oder jene namenlose Geschöpfe, die den Mittelpunkt einer der unheimlichsten Folgen der ganzen Show standen:

Die Dunkelheit ist nichts weiter als das Unbekannte. Hast du Angst vor Schwärze? Nein, du hast Angst vor dem, was sich darin verbergen könnte, denn du siehst es nicht – denn du kennst es nicht. Du kannst nicht einschätzen, ob es dich umbringen will oder nicht. Da wir alle tagaktive Fluchttiere sind, ist es kein Wunder, dass unser Angst oftmals hier operiert. Ganz besonders, als wir noch klein und schutzlos waren:

Wir haben versucht, eine Erfahrung zu gestalten, in der sich die Menschen wie ein Kind fühlen, das mit dem Unbekannten konfrontiert wird. Sie haben Angst vor der Dunkelheit und sind wehrlos“, erzählt mir Outlast-Vater Philippe MorinDoch reicht das bereits aus? Gestalte das Szenario so dunkel, dass du kaum noch etwas siehst … und es ist gruselig? Das erinnert mich an etwas: Concluse.

Concluse Final Trailer.

Wir reden über Dunkelheit? Dann lass uns den Schöpfer des wohl dunkelsten Spiels im Horror-Genre fragen, was es damit auf sich hat. Concluse ist ein kostenloses Steam-Spiel, über das wir bereits mehrmals berichtet haben, denn wir konnten nicht anders. Es war beinahe, als hätte uns eine unsichtbare Macht dazu gezwungen …

Ich versuche, eine Atmosphäre zu erschaffen, in der sich der Spieler isoliert und versteckt vor dem Rest der Welt fühlt. Der Sound kann darin eine große Rolle spielen.

Concluse basiert auf einer Creepypasta, in der ein seltsames PS2-Spiel auf dem Dachboden eines Verwandten des Entwicklers gefunden wurde: Ein Spiel, das mit dem Namen Concluse startet; in Shops lag es allerdings nie, ebenso wie es nirgendwo im Internet auch nur erwähnt wurde. Im Spiel beginnst du deine Reise auf dem Weg in die Hölle, was keine Metapher ist: Seit 3 Jahren ist deine Frau verschwunden, als du einen Anruf erhältst. Sie weilt in einer Stadt namens Hell, und du bist es, der sie retten darf.

Unscharfe Polygon-Grafik umgibt dich in Grautönen und Schwärze, begleitet von Akte X-Mystery-Musik, die natürlich auch eine große Rolle spielt – aber zurück in die Dunkelheit. Der Horror dieses Spiels basiert teils auf dem Konzept, dass du nicht siehst oder erkennst, was genau um dich herum geschieht.

Dunkelheit ist eine der bekanntesten und wichtigsten Tropen im Genre des Horrors. Nicht nur in Videospielen, sondern schlussendlich überall – wenngleich Dunkelheit sich in Büchern auf das Unbekannte beschränkt, auf Andeutungen und Fore-Shadowing; auf Dinge, die du nicht siehst. Aber Das Unbekannte funktioniert nur, wenn du glaubst, dort lauere etwas:

Die Imagination des Spielers ist ebenso sehr wichtig. Sie spielen nicht nur ein Spiel, sondern einen Geisteszustand, den ihre Fantasie erschafft. Das heißt, das Gehirn kann sich sehr viel unheimlichere Monster und Konsequenzen ausdenken, als tatsächlich im Spiel sind. Wir wissen das – und wir versuchen, ihre Vorstellungen gegen sie auszuspielen“, verrät mir Frictional Games, die es mit Amnesia: The Dark Descent wohl geschafft haben, eine Geistermär zu erzählen, die bleibt. In Gedanken, wie auch in Erinnerung.

Ist es das Monster in Amnesia, vor dem wir Angst haben? Oder ist es die Vorstellung, das Monster könnte da sein – gleich hinter der nächsten Ecke? Womöglich ist beides zusammen wahrer, als nur ein Aspekt für sich. Eine der ikonischsten Horror-Szenen in Mullholland’s Drive von Traum-Genie David Lynch fasst zu zusammen, was unsere Fantasie mit uns machen kann:

Outlast-Kopf Philippe Morin findet hierzu wunderbare Worte: „Wenn du glaubst, alles im Spiel könne passieren, dann hast du den perfekten Zustand erreicht, um dich zu fürchten.

Da ist ein Wesen, das mich stets beobachtet, wenn ich zu Hause bin; wenn ich am Rechner sitze, esse, Zähne putze und zu Bett gehe. Ich sehe es nicht, aber es ist da. Wie könntest du mir je beweisen, dass es nicht da ist?

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Neue Artikel von GIGA GAMES

* gesponsorter Link