Vergesst die Grafik-Lappalie: Hier findet das echte Downgrade statt

Richard Benzler 2

The Witcher 3: Wild Hunt ist ein Meilenstein, der dutzende - noch nicht gesetzte - Meilensteine salopp überspringt. Und wenn ich an ein „Downgrade“ im Zusammenhang mit Geralts letztem Abenteuer denke, dann schiele ich aus dem Augenwinkel rüber zur deutschen Vertonung: Die unglaubliche Vielfalt an interessanten Dialekten, die die englische Sprachenwelt zu bieten hat, wird beim Prozess der Übersetzung brachial eingestampft und zu klinischem Hochdeutsch verarbeitet.

Dabei machen individuelle Stimmen und ihre distinktive Mundart einen Großteil der Glaubwürdigkeit einer realen oder fiktionalen Welt aus; ein jeder darf ruhig davon ausgehen, dass Entwickler sich Gedanken dazu machen, warum Charakter X mit Stimme Y und Dialekt Z ausgestattet wird: So können uns Akzente und Dialekte unter anderem etwas über die Herkunft oder Vergangenheit eines Charakters verraten.

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Die ruppigen Zwerge haben in der Witcher-Serie seit jeher einen schottischen Touch. Geralts Ziehtochter Ciri hingegen kommt in den Büchern ursprünglich aus hohem Hause und hat dementsprechend einen glasklaren, britischen Akzent. Und der Hexer selbst hat einen gestandenen, amerikanischen Einschlag der Sorte „Revolverheld“. Stimmen sind somit (als Erweiterung des Gesamtbildes einer Figur) Teil der künstlerischen Vision, und eine Änderung daran ist nichts weiter als Vandalismus. Als würde man das Gesicht der Mona Lisa mit einem Smiley übermalen, nur um die Emotion des ambivalenten Lächelns auf eine verständlichere Ebene zu heben. Rockstar Games haben das verstanden und lassen für ihre Spiele daher nur Übersetzungen in Form von Untertiteln zu.

Ach, und zur Causa Geralt: Natürlich wäre in diesem Falle das Polnische per definitionem die Original-Fassung, aber da die englische Version das internationale Aushängeschild der Serie ist und CD Projekt nicht weniger Zeit und Liebe in die englische Vertonung investiert haben, ist das Herumreiten auf diesem Fakt blanke Haarspalterei.

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Exkurs: Für The Last of Us arbeiteten die Sprecher von Ellie und Joel (Ashley Johnson und Troy Baker) mit Performance Capturing; durch die körperliche Nachstellung einer Szene fällt es Darstellern selbstredend leichter, sich in die Situation reinzufühlen und angemessen emotional zu reagieren. Die hier zu hörenden Zeilen wurden im Anschluss nochmal im Studio eingesprochen und drübergelegt.

Vom unheimlichen Tal, das da heißt: Deutsche Sprachausgabe

Da sich übersetzte Zeilen nie perfekt auf die ursprünglichen Mundbewegungen legen lassen, wirkt die deutsche Tonspur wie ein Fremdorgan, das vom Original dezent abgestoßen wird. Synchros sind im Grunde nichts weiter als das akustische Äquivalent des Uncanny-Valley-Effekts (zu Deutsch: Unheimliches Tal). Dieser Ausdruck beschreibt die - ab einem bestimmten Grad der Menschenähnlichkeit - schlagartig abfallende Akzeptanz seitens des Betrachters: Ein moderner Androide kann einem echten Menschen noch so ähnlich sehen; beim Betrachter wird er unweigerlich einen unheimlichen Eindruck hinterlassen, da dieser nicht das beißende Gefühl los wird, dass irgendwas nicht in Ordnung ist.

Um es an einem praktischen und aktuellen Beispiel zu erläutern: Der Charakter Tarkin in „Rogue One: A Star Wars Story“ sieht so aus, als wäre er mit dem Kopf voran ins Uncanny Valley gestürzt, da er lediglich eine computergenerierte Nachbildung des echten Darstellers ist. Und das ist vermutlich auch die beste Analogie, die ich im Zusammenhang mit Eindeutschungen verwenden kann: Jene eifern zwar der Vorlage nach, können dem Original aber niemals das Wasser reichen und wirken im Endeffekt wie eine synthetische Kopie. Und wenn ich »niemals« sage, dann klammere ich bewusst all jene Ausnahmen aus, die die Regel in der Vergangenheit bestätigt haben: Das legendäre Bud-Spencer-Terence-Hill-Schnodderdeutsch sowie weitere gelungene Synchros sind zwar großartig, widerlegen aber nicht meine vorangegangen Äußerungen, da sie eine Anomalie im System und das Relikt einer vergangenen Zeit sind.

Witcher 3: Geralts Stimme über die Vertonung von Sex-Szenen

Epilog: So, und nu?

Wie dieser - in den meisten Fällen - unbestreitbare Qualitätsverlust wahrgenommen wird, steht jedoch auf einem völlig anderen Blatt. Hier lässt sich ganz reizend der Vergleich mit Tonformaten anwenden: Audiophile schwören auf WAV und würden ihre Ohren niemals mit MP3 beschallen. Andere hingegen bemerken den Unterschied nicht einmal. Und wieder andere downloaden sich Musik in furchtbarer Qualität von YouTube und haben trotzdem ihren Spaß daran. Was ich damit sagen will: Wenn ihr euch selbst des rundum besseren audiovisuellen Erlebnisses „berauben“ wollt, ist das euer gutes Recht, denn solange ihr euer Unterhaltungsmedium in vollen Zügen genießt, ist es irrelevant, auf welchem Wege ihr es genießt… aber legal kaufen solltet ihr es trotzdem, ihr Nulpen!

PS: Mir ist durchaus bewusst, dass es auch Leute gibt, die kein oder kaum Englisch verstehen, und ich bin der Letzte, der ihnen diese Alternative madig machen will. Besser auf Deutsch konsumieren als gar nicht, gell?

PPS: Untertitel sind aber auch eine Option.

PPPS: Gegenbeispiel - Könnt ihr euch ein Gothic in Englisch vorstellen? Ich hab’s versucht. Der ganze Ruhrpott-Charme ging flöten.

Deutsche Synchronisation: Qualität oder Qual? – Hier geht's zum PRO-Artikel

Kleines Schmankerl zum Schluss: Während einer Präsentation von The Witcher 3 (2014 auf der Comic-Con in San Diego) fiel der Ton aus und Doug Cockle (Geralts Stimme) sprang kurzerhand ein, um seine Zeilen auf der Bühne zu „freestylen“.

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Richard Benzler
Richard Benzler, GIGA-Experte.

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