Einmal Gamer, immer Gamer? Drei Zeitzeugen erzählen vom Anfang

Hy Quan Quach

Gaming ist mittlerweile der größte Faktor in der Unterhaltungsindustrie. Doch wie sah das noch vor 20 oder gar 30 Jahren aus? Drei „Zeitzeugen“ berichten von ihren ersten Erfahrungen mit Spielen – und welchen Bezug sie inzwischen zum Gaming haben.

Dieser Artikel gehört zu einer ganzen Reihe an Artikeln, die wir im Rahmen unserer Themenwoche „Spiele im Alter“ veröffentlichen. Alle Artikel, die noch bis zum 10. Februar 2019 auf GIGA GAMES zum Thema erscheinen, findest du auf unserer Übersichtsseite zu „Spiele im Alter“.

Dank stark wachsender Bereiche wie dem Mobile-Sektor übertrumpfte die Gamingbranche in Sachen Umsatz mit geschätzten 115 Milliarden Dollar im Jahr 2017 sogar den Umsatz der nicht minder boomenden TV- und Streamingbranche, die Film- und Musikbranchen blieben mit weitaus weniger weit zurück. Und auch im Alltag steht Gaming den alteingesessenen Unterhaltungsformen in nichts nach: Unterwegs zur Arbeit und in der Pause eine Runde auf dem Smartphone, zu Hause an der Konsole oder am Gaming-Laptop und im Bett noch etwas auf dem Handheld: Spielen können wir heute jederzeit und überall.

Niemand schaut einen mehr schief an, wenn man sagt, dass man gerne zockt – es sei denn, man ist jenseits der 30. Dann, ja dann erntet man nicht selten denselben verständnislosen Blick wie vor fast 30 Jahren, wenn man statt draußen herumzutollen lieber drinnen vor der Mattscheibe und der Daddelkiste hing. Denn damals wie heute wird das Gaming-Hobby in der Regel mit Jugendlichen und jungen Leuten in Verbindung gebracht – nur mit dem Unterschied, dass die Jugendlichen von damals heute keine jungen Leute mehr sind.

Gaming in den Kinderschuhen

Drehen wir doch das Rad der Zeit um 20, vielleicht sogar 30 Jahre zurück. Von einer Gaming-Industrie war damals noch keine Rede, das Thema fiel für den Großteil der Bevölkerung einfach mit Spielsachen in einen Topf. Und so wurde es auch behandelt – wie Spielzeug. Dedizierte Videospielemessen gab es anno dazumal noch keine, Hersteller mussten sich entweder auf Unterhaltungselektronikmessen wie der CES oder auf Spielwarenmessen präsentieren.

Und es machte für Otto-Normalbürger keinen Unterschied, ob Konsole oder Handheld, Nintendo oder Segaalles war einfach nur „Nintendo“. Ein Kind saß mit einem Game Boy in der Ecke? „Oh, es spielt Nintendo.“ Ein anderes wünschte sich einen brandneuen Sega Mega Drive zu Weihnachten? „Nein, nicht noch ein Nintendo.“ Vor allen Dingen war „Nintendo“ aber eines: Etwas, das irgendwann genauso im Pappkarton auf dem Dachboden oder im Keller verschwinden sollte, wie all die He-Man-Actionfiguren und Legobausteine und Teddybären.

„Wenn das Kind erst einmal erwachsen ist, wird es kein ‚Nintendo‘ mehr spielen“, war die allgemeine Auffassung vieler Eltern, die nichts mit dieser Leidenschaft ihrer Sprösslinge anfangen konnten. Aber wie denn auch? Die Kinder Ende der 1970er- und der 1980er-Jahre waren – wenn man so will – die erste Generation, die bewusst mit diesem Medium aufwachsen sollte. Der Reiz des Videospiels erschloss sich mit seiner 8Bit- und späteren 16Bit-Ästhetik aber auch nicht allen. Vom Realismus heutiger Titel war man noch gefühlte Lichtjahre entfernt.

Und durchaus sind Menschen darunter, die heute mit Gaming nichts mehr am Hut haben oder nur noch gelegentlich mal etwas anspielen. Aber es gibt genauso diejenigen, die diese Leidenschaft nie mehr losgelassen hat und die auch heute noch viel und gerne zocken. Und das trotz eines geregelten Arbeitsalltags und/oder Kinder. Quasi Zeitzeugen, die den Gegenbeweis erbringen zur allgemeinen Auffassung bis in die späten Neunziger hinein, dass Gaming nur eine Phase während der Jugendjahre darstellt und mit dem Erreichen der Adoleszenz seinen Reiz verliert.

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Alles begann mit „irgendwas von Telefunken“

Für Zeljko H. aus dem beschaulichen Villingen-Schwenningen im Schwarzwald haben Videospiele nie ihren Reiz verloren. Klar, sagt der heute 44-Jährige, es habe schon mal Phasen in seinem Leben gegeben, in denen er weniger gespielt habe, aber Gaming an sich sehe er schon als eines seiner größten Hobbys an. Der buchstäbliche Funke sprang über mit irgendwas von Telefunken“. Wie das Gerät genau hieß, daran könne er sich nicht mehr erinnern. „Es muss um 1980 oder 1982 herum gewesen sein, als mein Vater eines Tages die Konsole mitbrachte. Da waren, glaube ich, zehn Spiele vorinstalliert.“

Richtig versessen war Zeljko aber auf einen waschechten Donkey-Kong-Automaten, der im ehemaligen Bilka-Kaufhaus in der Villinger Innenstadt stand. Seine Mutter arbeitete dort und nahm ihn des Öfteren dorthin mit. „Für 50 Pfennig, später musste man eine Mark zahlen, konnte man eine Runde spielen. Ich hab mein kleines Taschengeld in den Automaten versenkt, strahlen seine Augen bei dieser Erinnerung. Die Achtziger waren auch das Jahrzehnt der Heimcomputer und der berühmte „Brotkasten“, ein Commodore 64 durfte auch bei Zeljko bald für durchzockte Nächte gemeinsam mit seinen Freunden und den Klassikern „Winter Games“ und „Summer Games“ sorgen.

Seine erste große Videospielliebe war aber ein auf den ersten Blick unscheinbares Spiel in Monochrom: Tetris. Das von Alexei Paschitnow entwickelte Puzzlespiel sicherte sich Nintendo – und das Unternehmen zeigte sein so oft zitiertes Gespür, indem es Tetris dem seinerzeit neu erschienenen Game Boy kostenlos beilegte. So entstand eines der bekanntesten Videospiele-Phänomene, das selbst eigentliche Nichtspieler anzog, die den Game Boy nur für Tetris besaßen.

Inzwischen wurde Tetris neu für die PlayStation 4 aufgelegt – und überzeugt dank einer nie zuvor dagewesenen Immersion. Wie das aussieht, zeigt dir der folgende Trailer – gibt es Tetris Effect gerade vergleichsweise günstig.

Tetris Effect - Launch Trailer | PS4.

Zeljko hatte sich das Geld für den Game Boy von seinem kargen Gehalt als Einzelhandelskaufmann zusammengespart. Und jede Mark hatte sich gelohnt: „Ich habe echt tage- und nächtelang gespielt und habe sogar schon nachts von Blöcken geträumt, lacht er. „Mit dem Game Boy war es dann endgültig um mich geschehen. Tetris ist noch heute mein absolutes Lieblingsspiel.“

Es folgten Sega Mega Drive, Super Nintendo, die PlayStation von Sony und erst Ende der Neunziger der erste PC. Zum Zocken hatte er schließlich seine Konsolen und seinen Game Boy. Man mag es heute kaum glauben, aber damals stand nicht in jedem Haushalt ein PC, man brauchte schlicht nicht wirklich einen, um durch den Alltag zu kommen. Um sich über die neuesten Spiele zu informieren, hatte Zeljko ein Abo der Power Play, die Hefte wurden natürlich gehortet. „Da hat mein Vater immer gesagt, ‚Hey, schmeiß die doch endlich weg‘. Und ich meinte dann stets, ‚Nein, die brauche ich zum Nachgucken‘.“

Wie der Papa, so die Tochter

Der Vater war auch bei Melanie W. aus Teterow ausschlaggebend für ihre Begeisterung für Videospiele, die mit sechs Jahren begann. Mein Vater hat früher sehr viel gespielt, die ganzen Sega-Spiele wie Sonic the Hedgehog und Alex Kidd“, erzählt die heute 29-Jährige. Schnell waren auch sie und ihre Zwillingsschwester Feuer und Flamme. Xbox 360, PS3, PS4, Nintendo Wii und Nintendo DS nennt sie heute ihr Eigen. Eine „bescheidene Sammlung“, wie sie anmerkt.

Ihr gefiel an Videospielen schon immer, dass man direkt in das Geschehen eingreifen, das Tempo und die Herangehensweise größtenteils selbst bestimmen kann, im Gegensatz zu Filmen. Und dann war da noch etwas, das viele mit Sicherheit nachvollziehen können – der Reiz des Verbotenen: Spiele zu spielen, für die sie eigentlich noch zu jung war. Ihre Eltern waren da aber ziemlich locker drauf und ließen sie walten, so Melanie. Vorschriften wie eine bestimmte Spieldauer pro Tag oder dergleichen gab es bei ihr nicht.

„Bei einigen Spielen hätten sie ruhig etwas mehr aufpassen dürfen“, zeigt sich die Mutter eines achtjährigen Sohnes heute jedoch überzeugt. „Aber es hat mir jetzt auch nicht geschadet.“ Bei ihrem eigenen Kind ist sie dagegen aufmerksamer – wohl auch aufgrund ihrer eigenen Erfahrung. Er dürfe zwar wenige Stunden am Tag spielen, dann aber auch nur Spiele, die für ihn geeignet sind. Oder sie spielt gleich mit ihm gemeinsam Lego-Titel und Minecraft. Sie selbst ist ein riesiger Fallout-Fan und erkundet aktuell die Welt von West Virgina, ungeachtet der negativen Kritiken zum Spiel.

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Über das Thema Jugendschutz und altersgerechte Spiele hat sie ebenfalls schon mit ihrem Sohn gesprochen. Trotzdem spielt er am liebsten gemeinsam mit seinen Freunden online. Und bei den Kids heutzutage ist vor allem ein Spiel ganz beliebt: Fortnite. Das ist aber erst ab zwölf Jahren freigegeben. Ein paar Mal habe sie das Spiel bereits von der PS4 gelöscht, „aber jedes Mal installiert er es einfach nochmal, wenn ich nicht da bin“. Da musste sie einsehen, dass es nichts bringt, ihm etwas zu verbieten, wohl aber mit ihm darüber zu sprechen.

Auf der nächsten Seite liest du, wie ein DDR-Bürger trotz mangelnder Videospiele zum leidenschaftlichen Zocker wurde und warum brutale Spiele heute ein ganz anderes Kaliber sind als in den 80er-Jahren.

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