Einmal Gamer, immer Gamer? Drei Zeitzeugen erzählen vom Anfang

Hy Quan Quach

Robotron

Während Melanies Begeisterung für Videospiele schon früh durch ihren Vater geweckt wurde, war Torsten K. ein Spätzünder, wenn man so will. Denn der heute in Wyk auf Föhr lebende Ordnungsamtsmitarbeiter wuchs in der ehemaligen DDR auf. Und in Ostdeutschland war der Zugang zu Videospielen stark beschränkt. Während die Kids aus Westdeutschland beim Begriff Robotron an den Arcade-Titel Robotron: 2084 von 1982 dachten, verband Torsten diesen mit Kombinat Robotron, dem seinerzeit größten Computerhersteller der DDR.

Ab der siebten Klasse wurde man im Rahmen des Unterrichtsfachs „Einführung in die sozialistische Produktion“, kurz ESP, alle 14 Tage für je vier Stunden in irgendeinen Betrieb in der Nähe geschickt, um dort „produktive Arbeit“ zu leisten, erinnert sich Torsten. Bei Kombinat Robotron habe er dann Kabelbäume für Festplattenspeicher zusammengestellt. Auch wenn es in der DDR durchaus eine kleine Gaming-Szene gab, die hauptsächlich auf den Heim- beziehungsweise Kleincomputern der VEB stattfand, war sie doch eher eine Randerscheinung, die nur kurze Zeit später mit dem Mauerfall bereits wieder Geschichte war.

Torstens eigene Reise in die bunte Pixelwelt nahm erst bei der Bundeswehr ihren Anfang. Zwar hatte er bereits kurz nach der Wende „ersten Kontakt“ mit einem C64, den seine Schule besorgt hatte. Aber so richtig los ging es erst mit einem Game Boy, von dem er in einer TV-Werbung das erste Mal erfuhr. Da er sich für vier Jahre als Soldat auf Zeit verpflichtet hatte und die nächste Zeit in der Nähe von Berlin dienen sollte, besorgte er sich das Handheld als Zeitvertreib. Schnell wurde daraus ein handfestes Hobby.

„Bei Probotector gab es keine Speicherfunktion, da hab ich mir ein Netzkabel besorgt, um den Game Boy einfach auf dem Bett anzulassen, wenn ich in der Mittagspause gespielt habe, um später direkt weiterzuspielen.“ Einmal habe dann ein Vorgesetzter den angelassenen Game Boy gesehen und ausgemacht – der ultimative Horror für jeden Gamer.

Ohne Google längst nicht aufgeschmissen

Schnell kamen weitere Spiele hinzu. Neben The Legend of Zelda: Links Awakening hatte es ihm vor allem Metroid 2: The Return of Samus angetan. „Das Spiel hieß ja Metroid 2, also wollte ich mehr zum ersten Teil wissen und fand heraus, dass es auf dem NES erschien.“ Heute genügt eine kurze Suche über Google, Anfang der Neunziger-Jahre war das allerdings alles noch Zukunftsmusik, von der man teils nicht einmal zu träumen wagte. Torstens Informationsquelle waren neben Magazinen ein Fachhandel für Videospiele in Berlin, einer dieser typischen Orte, betrieben von Fans für Fans, an denen sich Gleichgesinnte trafen und sich stundenlang über Videospiele unterhielten und Tipps und Tricks austauschten.

„Das NES habe ich mir dann in dem Laden geholt und besaß dafür nur Metroid“, lacht der 44-Jährige. Und das hatte einen Grund: Das Super Nintendo kam hinzu. Den Verlockungen der 16-Bit-Ära konnte beziehungsweise wollte Torsten nicht widerstehen. Vor allem nicht wegen erstklassiger Action-Adventures wie Illusion of Time und Secret of Mana. Und dann Super Mario Kartdas perfekte Partyspiel, wenn man gerade Zeit hatte. „Einmal musste mein Zug aufgrund von akuter Waldbrandgefahr in der Kompanie bleiben über ein Wochenende. Da haben wir das gesamte Wochenende über Super Nintendo gezockt auf dem Zimmer“, erinnert sich Torsten.

Und dann kam die 3D-Ära mit der PlayStation und dem N64. Das waren aufregende Zeiten, dieser Wechsel von 2D und Pixel zu 3D und Polygone. Als Eishockey-Fan war er oft bei den Eisbären Berlin im Stadion. Und da stand sie eines Tages: die PlayStation, auf einer Anspielstation. „Die war aber so umlagert von Kindern, da kamen wir gar nicht heran“, schmunzelt der Gaming-Fan. Doch für Torsten stand fest, dass er die erste Konsole von Sony haben musste. Gleich als sie veröffentlicht wurde, holte er sie sich für damals 500 D-Mark.

Der Reiz des Verbotenen

Besonders angetan hatten es ihm zu der Zeit vor allen Dingen indizierte Titel. Die übten denselben Reiz auf ihn aus wie die Erwachsenenabteilung in Videotheken auf Jugendliche, die immer versuchten, einen Blick auf die Actionfilme und Horrorstreifen nur für Erwachsene zu erheischen. Einschränkungen gab es für Torsten keine, immerhin begann seine Gaming-Zeit erst nachdem er bereits volljährig war.

Einschränkungen gab es auch bei Zeljko keine. Klar habe sein Vater nach einer längeren Gaming-Session schon mal mit dem Finger gewedelt, mehr aber nicht. Im Gegenteil: „Ein Spiel ab 18, mein Gott, das haben wir trotzdem gespielt. Der grafische und spielerische Grad an Realismus ist heute aber ein komplett anderer, rechtfertigt er sich. Aktuelle Videospiele ohne Jugendfreigabe würde er unter 18-Jährige nicht spielen lassen. Seine Sichtweise sei mittlerweile aber auch beeinflusst durch seine Arbeit als Filialleiter bei einer großen Videospielkette. Nur allzu häufig sehe er ahnungslose Eltern mit ihren Kindern reinkommen und mit Spielen wie GTA 5 an die Kasse gehen.

Bilderstrecke starten(12 Bilder)
Die dümmsten Wege in GTA 5 zu sterben

„Ich frage dann wirklich jeden, ‚Kennen Sie den Inhalt dieses Spiels? Wissen Sie, worum es darin geht?‘“ Rund 80 Prozent der konfrontierten Eltern zeigten sich tatsächlich überrascht, manch einer hielt das Spiel offenbar sogar für einen Renntitel. Leider gibt es auch welche, die offen sagen, dass es ihnen egal ist, was das Kind spielt. Einmal habe ich den Verkauf verweigert, weil es ganz eindeutig für den fünfjährigen Sohn gekauft werden so llte. Vielleicht hat der Vater es später doch noch woanders gekauft, das weiß ich nicht, aber da hab ich keine Handhabe mehr. Ich habe ja auch keinen Erziehungsauftrag, aber in meinem eigenen Umfeld achte ich sehr darauf, was sie spielen dürfen.“ Freilich muss er das heute nicht mehr. Sein Sohn ist 25, seine Stieftöchter 24 und 25 Jahre alt.

„Aber du bist doch schon über 40“

„Meine Töchter haben sich unheimlich gefreut, als ich vor zehn Jahren bei der Videospielkette anfing“, lacht Zeljko. Doch nicht immer werde es positiv aufgenommen, wenn er von seinem Hobby erzählt. „Ich habe schon auch Leute getroffen, die dann meinten, ‚Aber du bist doch schon über 40!‘ Na und? Ich war schon immer passionierter Zocker und werde es auch immer bleiben. Auch wenn es Phasen gibt, in denen ich mal etwas weniger spiele.“ Auch seine Ex-Freundin, mit der er zwölf Jahre zusammen war, habe zu Beginn nicht gespielt.

„Irgendwann hat sie mir dann in World of Warcraft dabei zugesehen, wie ich gerade einen Charakter erstellt habe, mich dann beiseite geschoben und tatsächlich einen Gnom mit pinken Zöpfen erstellt. Am nächsten Tag habe ich ihr erst einen eigenen Account erstellt und später kauften wir ihr einen eigenen PC, damit wir zu zweit spielen können. Von 2004 bis 2010 haben wir dann regelmäßig zusammen WoW gezockt. Das war eine tolle Zeit“, so Zeljko.

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

* Werbung