Einmal Gamer, immer Gamer? Drei Zeitzeugen erzählen vom Anfang

Hy Quan Quach

„Viele können es nicht verstehen, dass man stundenlang vor einem PC sitzen kann“, sagt Torsten, das sei ja so passiv. Er entgegne dann immer, dass es noch wesentlich passivere Hobbys gebe. Filme schauen beispielsweise. Beim beliebten Binge-Watching sitze man doch auch nur stundenlang da. Ein vermeintliches Totschlag-Argument sei auch: „Aber du sitzt doch allein in deiner Bude und bewegst dich nicht“. Als Mitarbeiter beim Ordnungsamt bewege er sich täglich genug, weiß Torsten: zwölf bis 20 Kilometer am Tag.

Außerdem muss er oft erklären, dass er doch gar nicht allein vor sich hin zockt, viele Online-Titel wie Ark: Survival Evolved erfordern Teamarbeit, um im Spiel zu bestehen. Und da Torsten auf dem PC spielt, hat er sich der Natur entsprechend auch ein breites Wissen in Sachen Software und Hardware angeeignet, da er sich seine Gaming-PCs selbst zusammenbaut. „Mein Bekanntenkreis weiß bereits, dass man mich bei Hard- und Softwareproblemen zu Rate ziehen kann.“ Und auch in Sachen Gaming-Tipps: Seine 40-jährige Schwester spiele zwar selbst nicht, dafür aber ihre Kinder. Wenn sie ihnen Spiele kaufen will, fragt sie immer erst bei Torsten nach Tipps.

Auch Melanie hat schon negative Reaktionen auf ihre Leidenschaft erhalten. Dass sie in ihrem Alter und dann auch noch als Frau Gaming liebt, ist wohl für manche völlig unverständlich. „Von einigen älteren Personen wird man dann schief angesehen. Die glauben, wer mit Ende 20 noch zockt, hat sein Leben nicht im Griff, schüttelt sie den Kopf. „Viele aus meinem Umfeld finden es nicht gut. Mein Hobby ist dann immer schuld an allem, was schief läuft.“ Klar sei für sie das Spielen in ihrer Jugend auch eine Flucht vor der Realität gewesen, gibt sie zu.

Aber heute ermöglicht ihr Online-Gaming, den Kontakt zu ihrer Schwester aufrecht zu erhalten, die mittlerweile weit weg wohnt. Gemeinsam erforschen sie dann Spielewelten oder fürchten sich in Horrortiteln. Hobbys können zusammenschweißen, und interaktive Welten ermöglichen es, trotz großer Entfernung doch irgendwie und irgendwo am gleichen Fleck zu sein. Ihr Vater spielt heute dagegen nicht mehr, höchstens ab und zu Kartenspiele. Auf die Frage, ob sie es ihm einmal gleichtun werde, lacht sie: „Niemals!“

Verändertes Spielverhalten

Und doch, ihre Genre-Präferenzen haben sich geändert. Spielte sie früher gern First-Person-Shooter, bevorzuge sie heute weniger hektische Spiele. Geändert hat sich auch das Spielverhalten von Torsten: „Ich kann kein CS: GO mehr spielen, die jungen Leute zocken mich da gnadenlos ab“, lacht er. Dann merke er, dass er ja doch nicht mehr der Jüngste sei. „Man sucht sich dann einfach Spiele, die gemächlicher ablaufen. Die ganzen Survival-Spiele sind da ruhiger: Man baut erst auf und versucht sich dann erst am kompetitiven Gameplay.“ Storylastige Titel wie die Witcher- oder die Fallout-Reihe haben es ihm angetan.

Wie uns das neue Fallout 76 gefallen hast, erfährst du im folgenden Video:

Fallout 76 - Gameplay Fazit.

Als Single hat er viel Zeit, die er in sein Hobby investieren kann. In der Woche komme er so auf rund 40 Stunden. Klar habe auch er Tage, an denen ihm so gar nicht nach Gaming zumute sei, aber die seien selten. Eine Partnerin müsste das akzeptieren können – oder am besten gleich selbst mitspielen. Ein wenig bereut er es auch, seine gesamte Konsolensammlung mitsamt SNES, NES, N64, PlayStation und Game Boy vor knapp fünf Jahren verkauft zu haben. Eine PS4 habe er noch, „um all die exklusiven Sony-Titel zu spielen“. Zwar liebäugele er mit einer Nintendo Switch wegen The Legend of Zelda: Breath of the Wild, aber die muss warten, gerade hatte er sich erst eine GeForce GTX 1080 TI-Grafikkarte gegönnt.

„Mein älterer Bruder (55 Jahre) hat immer nur FIFA gezockt, mein jüngerer Bruder (32 Jahre) war früher auch ein Zocker wie ich“, erzählt Zeljko von seinen Brüdern. Heute spielen die beiden nicht mehr. Der Ältere spielt manchmal noch Spiele auf dem Smartphone, der Jüngere ist aber ganz aus dem Thema raus. Dabei war er früher richtig versessen auf seine Xbox 360.“ Trotz seiner noch immer großen Leidenschaft für das Gaming ist die Zeit auch an Zeljko nicht ohne Spuren vorbei gezogen.

„Früher war es mir egal, ich konnte elf Stunden am Stück WoW spielen. Dann war eben der ganze Sonntag hin. Mittlerweile ist mir der Sonntag aber zu schade, um nur zu zocken. Auch Red Dead Redemption 2. So ein tolles Spiel. Ich würde es am liebsten drei Stunden am Stück spielen. Aber nach einer halben Stunde hab ich dann ein schlechtes Gewissen, dass ich meine Katze vernachlässigt haben könnte oder das schöne Wetter nicht ausgenutzt habe. Dann gehe ich doch lieber raus, als nur vor der Konsole zu sitzen. Die Prioritäten haben sich eben etwas verlagert. (…) Früher hab ich querbeet alles durcheinander gespielt, immer ein Spiel kurz angespielt, und wenn es mir gefiel, habe ich es weitergezockt. Mittlerweile informiere ich mich im Vorfeld ganz genau. Ich suche mir dann aus, was ich spielen möchte. Denn ich möchte die Zeit, wenn ich schon spiele, dann auch sinnvoll nutzen.“

Und womit er seine Zeit definitiv nicht verbringt, sind die ganzen Retro-Konsolen wie das C64 Mini, obwohl man doch meinen möchte, dass das Gerät genauso Leute wie ihn, die das Original noch kannten, ansprechen sollte. „Ich hab mir das C64 Mini jetzt im reiferen Alter mal angesehen. Mir persönlich macht das einfach keinen Spaß mehr, auch wenn es Erinnerungen weckt. Damals war es ja cool, jetzt ist es aber einfach nichts mehr für mich.“ Zeljko hält offenbar generell nichts davon, an alten Dingen festzuhalten oder an Features, nur der Nostalgie wegen. Seine alten Konsolen hat er stets alle verkauft, wenn neue kamen und auch die Entwicklung hin zum digitalen Verkauf sieht er pragmatisch.

Er legt viel mehr Wert auf eine gute Erinnerung an den Spaß, den er früher hatte, statt diese nochmals zu erleben. „Den Moment, als die Hunde in ‚Resident Evil‘ durch die Fenster in den Korridor springen, habe ich damals allein und mitten in der Nacht erlebt. Ich habe mich so erschrocken, dass ich danach nicht schlafen konnte, so aufgeregt war ich“, lacht der 44-Jährige. Eine Erinnerung, die er nicht missen will, aber auch nicht mehr wieder erleben muss. Die PlayStation Classic ist dann wohl nichts für ihn.

Anders als Zeljko stehst du auf Retro-Spiele? Diese Titel lassen sich auch noch heute sehr gut spielen:

Bilderstrecke starten(12 Bilder)
Diese 11 Spiele sind unglaublich gut gealtert

Streaming mit zumeist erwachsenem Publikum

Weniger aufgeregt, dafür ganz entspannt zeigt sich Zeljko als Gekoles auf Twitch mit aktuell knapp 7700 Followern. 2014 entdeckte er das Streaming für sich. Anfangs beschränkte er sich dabei auf die PS4, erweiterte es dann aber auch um Gamingsessions auf dem PC. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass es gut ankommt und ich immer mehr Abonnenten bekam“, erzählt er. Streaming gebe ihm die Möglichkeit, seine Gaming-Leidenschaft mit seiner Quasselfreude zu kombinieren.Die Leute, die mir zugucken, sind meistens in meinem Alter. Dadurch habe ich auch einige Zockerfreunde kennengelernt, mit denen ich dann immer wieder spiele.“

Zu Beginn habe er auch Ambitionen gehabt, das Streaming stärker zu forcieren. Nach der Trennung von seiner Ex sei das Ganze aber auf Eis gelegt worden, bis er sich nach einiger Zeit wieder dazu aufraffen konnte. Aber mittlerweile nur noch zum Spaß. „Es ist mir einfach nicht möglich, acht Stunden zu arbeiten und dann wieder acht Stunden zu streamen. Das macht ich zwei Wochen und bin dann völlig fertig.“

Torsten streamt selbst nicht, er schaut gern mal welche an, um sich über das Gameplay eines Titels zu informieren; insofern haben sie für ihn die Fachmagazine ersetzt. Den Kontakt zu anderen Gamern sucht er entweder in den Spielen oder direkt in der Realität. Seinen besten Freund hat er so kennengelernt. „Ich habe früher mal gerne online Skat gespielt. Da hatten wir dann 2003 oder 2004 ein User-Treffen in Stuttgart“, erinnert er sich. Rund 60 Leute kamen da an einem Wochenende zusammen, spielten Skat und lernten die Personen hinter den Nicknames kennen.

„Der Jüngste war 20 Jahre alt, der Älteste so circa 60.“ Einen der Skatspieler besuchte er dann auf der Insel Wyk auf Föhr in Nordfriesland. Da hat es ihm so gut gefallen, dass er schließlich 2007 ganz hinzog. Ganz klar, Spaß haben Zeljko, Melanie und Torsten trotz Beruf und teilweise Kinder noch immer am Gaming und beweisen: Aus einer vermeintlichen „Phase“ ist eine Leidenschaft fürs Leben geworden.

Welches Spiel soll ich 2020 spielen? (Quiz)

2020 warten eine ganze Reihe hochwertiger Releases auf euch, um die aktuelle Konsolengeneration würdig zu verabschieden. Unser Quiz verrät euch, welches Spiel in diesem Jahr am besten für euch geeignet ist.

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

* Werbung