Episodic Games – Storytelling der Zukunft?

Michael Hoh 1

Der Trend hin zu seriellem Erzählstoff, der mit den Sopranos und The Wire zur Jahrtausendwende im TV Fahrt aufgenommen hat, ist auch aus der Welt der Games nicht mehr wegzudenken. Aber wie steht es nun um die Zukunft des Videospiels, das sich gerne mal des ein oder anderen erzählerischen Kniffs aus der Hollywood-Trickkiste bedient?

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Die Frage die im Raum steht lautet: Wirst Du weiterhin Games über 50 Stunden und mehr beackern, bis sie ausgespielt sind oder vermehrt auf Serien bauen? Im folgenden Text werde ich versuchen einige Punkte für und wider das Episodic Game zu skizzieren.

Doch, wann wird überhaupt von einem Episodic Game gesprochen? 

Als Telltale Games, die Mutter aller Episodic Games, 2004 an den Start ging, gab es von Gründerseite aus klare Regeln: Die Episoden müssen kurz sein und dürfen keine epischen Ausmaße annehmen, sie müssen unabhängig voneinander spielbar sein und in regelmäßigen Abschnitten erscheinen. Obwohl Telltale mit den fortlaufenden Handlungssträngen der Episodenspiele The Walking Dead oder The Wolf Among Us ihre Prinzipien nach einiger Zeit über den Haufen warfen, werden zumindest zwei der Regeln stets beachtet: Episodic Games sind relativ kurz, und sie erscheinen in mehr oder weniger regelmäßigen Abschnitten. Darüber hinaus sollten sie natürlich als Serie konzipiert sein, mit übergreifendem Handlungsbogen. Ein episodenhaftes Game, das all seine Kapitel auf einen Schlag veröffentlicht, zählt demnach nicht dazu.

Hier liest Du alles zum Telltale Game Guardians of the Galaxy

Wie steht es also mit Spielen wie Resident Evil 7? Schon alleine wegen des sich von den Vorgängern optisch unterscheidenden Spieldesigns ist es natürlich als Sequel anzusehen, von der Länge des Spiels gar nicht zu reden. Ganz im Gegensatz zu dem als Serie konzipierten Resident Evil: Revelations 2. Und wenn Half-Life 2 – Episode Three seit über einer Dekade auf sich warten lässt, steht es dem Episodic Game, auf Grund des vorausgehenden Konzepts, doch näher als einer bloßen Fortsetzung.

Und wie sieht es mit Open-World- und MMO-Spielen aus?

Von Beginn an veröffentlicht Star Trek Online Extension-Packs als sogenannte „Seasons“. Und genau da wird es knifflig: Manche Seasons boten lediglich Charakter-Erweiterungen, andere dagegen episodenähnliche Einzelmissionen. Diese zeigen zwar, dass auch Open-World-Games Potential zu episodenhaftem Erzählen haben und nicht ganz außen vor sind, jedoch durch die Unregelmäßigkeit der Veröffentlichung etwas im Abseits stehen.

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Zeit ist Geld

Klar, für Entwickler birgt das Episodenformat definitiv Vorteile. Diese müssen weniger Zeit und Geld investieren, um ein Pilotprojekt an den Start zu bringen. Und anstatt es als unfertiges Early-Access-Demo an Spielern zu testen, liefern sie ein fertiges Produkt, das mit den nachfolgenden Episoden trotzdem noch an Spielerwünsche angepasst werden kann (dazu später mehr). Außerdem müssen sich die Entwickler in Sachen Marketing keine großen Strategien überlegen, sondern sich nur auf den anstehenden Release der nächsten Folge konzentrieren. Der Social-Media-Buzz bleibt also im Idealfall kontinuierlich hoch (vorausgesetzt das Spiel taugt etwas) und ebbt nicht bis zum nächsten Release in drei Jahren ab.

Obwohl das Episodenformat und der damit verbundene geringere Geldaufwand besonders für Indie-Entwickler lukrativ zu sein scheint, läuft es bei einigen Spielen jedoch nicht ganz so flüssig, wie unter anderem das Hin und Her bei der Veröffentlichung von Dreamfall Chapters: The Longest Journey bewies. Das Spiel, welches sich über eine Kickstarter-Kampagne finanzierte, wurde zunächst als Episodic Game konzipiert, später als komplettes Spiel angekündigt und letztendlich doch als Episodic Game veröffentlicht. Der durch Crowdfunding finanzierte Indie-Hype Kentucky Route Zero hatte ebenfalls Probleme mit dem Zeitplan. Fans der Serie mussten nach relativ rascher Veröffentlichung der Akte I-III über zwei Jahre auf Akt IV des Spiels warten. Wann der fünfte und letzte spielbar sein wird, steht noch in den Sternen. Sicherheit, ob das Spielvergnügen seine Fortsetzung findet, sind Dir also nicht immer garantiert.

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Spielvergnügen in Raten

Aspekte, die sich in Sachen Geld und Zeit positiv auf den Spieler auswirken, liegen dagegen auf der Hand. Dir ist sicherlich auch schon passiert, dass Du aufgeregt ein 60-Euro-Spiel in die Konsole gelegt hast und nach ein paar Stunden ernüchtert feststellen musstest: Besser wird’s nicht. Die Hemmschwelle, die erste Episode eines Spiels anzutesten und dabei weniger Geld zu investieren, ist natürlich geringer. Außerdem ist man nicht auf einen Schlag 40-60 Euro los, sondern zahlt, wenn man so will, bequem in Raten. Aussteigen kannst Du natürlich zu jeder Zeit. Ein Restrisiko bleibt jedoch. Solltest Du alle Episoden einzeln gekauft haben, könntest Du am Ende vielleicht sogar drauflegen. Denn wer weiß, ob sich die Spielefirma entscheidet, die gesamte Staffel nicht billiger anzupreisen als die individuellen Folgen. Auch der oft angepriesene Season Pass ist im Nachhinein günstiger als sich einzelne Episoden zuzulegen.

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Zwischen Casual Gamern und Triple-A-Liebhabern gibt es natürlich auch noch die Gamer unter uns, die es sich zeittechnisch einfach nicht leisten können, 60 Stunden in ein Spiel zu investieren. Klar, ein Mammut-Game lässt sich auch in kleiner Dosierung durchspielen. Doch mit der Immersion ist dann erst einmal Essig, denn Du musst Dich jedes Mal aufs Neue in das Spielgeschehen hineinversetzen. Episodic Games sind da kurzweiliger, lassen sich bequem in einer Sitzung durchspielen und schlagen so eine Brücke zwischen den beiden entgegengesetzten Gamer-Polen.

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