Games 2017: Das Spiel mit der Psyche

Alexander Gehlsdorf

Sind wir eine verkorkste Gesellschaft? Ein wiederkehrendes Element in diesem Spielejahr war die vielseitige Auseinandersetzung mit der menschlichen Psyche und deren düstere Abgründe? Woher stammt diese morbide Faszination? Wir haben nachgefragt.

Seit dieser Woche wagt sich mit Finding Paradise erneut ein Spiel in die Tiefen der menschlichen Seele:

Forbidden Paradise - Trailer.

Singleplayer-Spiele sind tot. Das zumindest behauptet Electronic Arts und konzentriert sich lieber auf Open World und Multiplayer, Games as Service und Mikrotransaktionen. Aus wirtschaftlicher Sicht sind Multiplayer-Titel vermutlich wirklich lohnenswerter, aus qualitativer Sicht sind Singleplayer-Spiele in diesem Jahr jedoch zur Höchstform aufgelaufen.

Ob Persona 5, Hellblade: Senua’s Sacrifice, NieR: Automata, What Remains of Edith Finch oder Get Even, um nur einige zu nennen, waren exzellente Spiele und allen voran reine Einzelspieler-Erfahrungen. Was die genannten Titel jedoch zusätzlich Verbindet, ist die Auseinandersetzung mit der menschlichen Psyche und das auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen.

Während Hellblade konkret die Symptome einer psychischen Erkrankung visualisiert, setzt sich Persona 5 mit Depression und Suizid auseinander. Während NieR: Automata die Frage nach dem Leben stellt, wird in What Remains of Edith Finch die Vergänglichkeit unseres Erdenbesuchs in den Mittelpunkt gerückt.

Auch bei den Game Awards 2017 konnte Hellblade: Senua’s Sacrifice überzeugen:

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The Game Awards 2017: Das sind die Gewinner.

Sind wir eine verkorkste Gesellschaft?

Keine leichten Themen, schon gar keine, die auf ein massenkompatibles Unterhaltungsprodukt schließen lassen und dennoch scheinen sie ausgerechnet in diesem Jahr genau den richtigen Nerv zu treffen. Sind wir eine verkorkste Gesellschaft? Prof. Dr. Jochen Koubek ist Professor für Digitale Medien an der Universität Bayreuth und konnte uns bei der Suche nach Antworten unter die Arme greifen. Sind wir wirklich eine verkorkste Gesellschaft oder ist tatsächlich genau das Gegenteil der Fall?

„Eher eine selbstreflexive Gesellschaft, die von ihren eigenen Rändern fasziniert ist. Die Beschäftigung mit Grenzen, Grenzüberschreitungen und Ausgegrenzungen ist zwar spannender als die Normalität, sie hat aber auch die Funktion, sich dessen zu vergewissern, was als normal gilt. Insofern überrascht es nicht, dass zusammen mit der medialen Darstellung psychischer Abgründe die gelebten Wertvorstellungen gleichzeitig konservativer und bewahrender werden. Der mediale Ausflug zu den Grenzen kann daher auch als Ausgleich zu der angestrebten Normalität verstanden werden.“

Allerdings steht natürlich auch zur Debatte, ob die Spieler ihre Games konkret nach inhaltlichen Sujets aussuchen oder ob aktuelle und erfolgreiche Spiele ohnehin solche Themen behandeln, da diese aktuell an Aufmerksamkeit gewinnen, die Medienkompetenz der Spieler und Entwickler steigt wodurch auch Stigmata und Berührungsängste mit Tabu-Themen wie psychischen Erkrankungen nach und nach abgebaut werden.

Glaubwürdigere Charaktere und wachsende Medienkompetenz

Auch Pr. Dr. Koubek sieht die Auseinandersetzung mit der menschlichen Psyche nicht zwingend als entscheidendes Erfolgsmerkmal, sondern vielmehr als Symptom einer reifenden Industrie. „Ich würde es eher als Zeichen für eine gewisse Klischee-Müdigkeit sehen und für den Wunsch, medial glaubwürdige Figuren zu erleben. Psychische Normalität bietet halt deutlich weniger Stoff für interessante Konflikte als eine gestörte Innenwelt. Der zunehmende Erfolg von Spielen im Allgemeinen hängt sicherlich mit einer wachsenden gesellschaftlichen Medienkompetenz in Bezug auf Spiele zusammen. Die Faszination für psychologische Abgründe zeigt sich aber auch in anderen Medien, insbesondere TV-Serien, die seit Jahren das Rezept der Anti-Helden durchdekliniert, die gesellschaftlich und psychisch am Rand stehen.“

Dafür spricht auch, dass die Tatsache, ob sich ein Spiel mit menschlicher Psyche auseinandersetzt oder nicht, vor dem Kauf des Spiels nicht zwingend ersichtlich ist. So war ein wichtiger Faktor für den Erfolg von NieR: Automata in erster Linie sicher nicht die Richtung, die die Handlung im späteren Verlauf einschlägt, sondern das überzeugende Gameplay aus motivierenden Kämpfen und spektakulären Bossen. Auch Get Even offenbart seine wahre Tiefe erst nach vielen Stunden und mutet im ersten Moment als spannender Mystery-Thriller an.

Persona 5 - Hier geht’s zum Test

HieR: Automata - Hier geht’s zum Test

Hellblade: Senua’s Sacrifice - Hier geht’s zum Test

Get Even - Hier geht’s zum Test

What Remains of Edith Finch - Hier geh’ts zum Test

Finding Paradise - Hier geht’s zum Test

Also alles nur Zufall, Trend, Kalkulation oder doch eine morbide Faszination der Spieler, die sich in virtuellen Welten auf der Suche nach der menschlichen Seele verlieren? Dieser und anderen Fragen haben wir uns auch gemeinsam mit detektor.fm in unserem Podcast Rush gewidmet. Die aktuelle Episode kannst du dir hier anhören.

Videospiele vorbestellen: Eure Meinung ist gefragt

Oftmals fühlt sich die Zeit von der ersten Ankündigung bis zur finalen Veröffentlichung eines Spiels wie eine Ewigkeit an. Das machen sich die Publisher natürlich längst zunutze und locken mit attraktiven Vorbestellungen. Daher fragen wir euch: Wie steht ihr zu dem Thema?

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