Hatred: Amoklauf als Spiel - Ein Kommentar

Leo Schmidt 134

Nun ist es also soweit: Jemand macht ein Spiel über einen Amokläufer, und es ist kein in einer dunklen Kammer produziertes Indie-Game eines schmerzerfüllten Teenagers, der Dampf ablassen muss, sondern aufwändig produziert, mit einem ganzen Studio dahinter. Kein tieferer Sinn scheint hinter „Hatred“ zu stecken – es geht nur um einen Kerl, der die Schnauze voll hat, seinem Leben ein Ende setzen und dabei möglichst viele Leute mitnehmen will.

Hatred - Reveal Gameplay Trailer.

(Trailer ansehen auf eigene Gefahr!)

Das ist selbst angesichts solcher Spiele wie einem Columbine-Simulator oder dem flachsig-platten Postal ein neuer Schritt, und zwar einer, der erwartungsgemäß große Wellen schlägt. Kein Augenzwinkern, keine Sozialsatire, wie es dem ersten Trailer nach zu urteilen aussieht. Es geht auch nicht um das Hinterfragen der Gründe oder das Motiv. Momentan sieht es aus nach: Du spielst einen Mann voller Hass. Töte sie alle.

Es lassen sich auf eine solche Art Trailer mehrere Reaktionen denken. Es ist sicherlich denkbar, dass dieser in schwarz-weiß (und rot, für Blut natürlich) gehaltene Titel, in dem man unschuldigen wegrennenden Leuten in den Rücken ballert, sie mit mehreren Messerstichen filetiert oder ihnen Pistolen in den Mund steckt, jemandem gefällt. Wenn man ein Spiel auf seine rein interaktive Ebene herunterbricht, den Kern dessen, was ein Spiel ist, gibt es hier vielleicht ein gutes Spiel. Es ist möglich.

Doch wir haben als Gamer immer wieder vor allem den Feinden dieses Mediums klarmachen wollen, dass es uns um mehr geht. Darum diskutieren wir auch untereinander so viel, über Skandalspiele. Wie Manhunt, oder Postal, oder die Mission „No Russian“ aus Call of Duty. Es ist glasklar: Wer sich mit dem Protagonisten von „Hatred“ identifizieren kann, wer hier seine ganz persönliche Fantasie ausgelebt sieht, sollte einen Therapeuten aufsuchen. Das ist kein Witz, nicht eine Spur. Sucht Hilfe, bitte.

Und die meisten Leute, die das bislang gezeigte Material von „Hatred“ reflektieren, haben eine von zwei Reaktionen: Entrüstung oder Apathie. Es lässt sich nicht leugnen, dass das hier Gezeigte Ekel erzeugt. Nicht so sehr wegen dem, was gezeigt wird (mittelmäßig aussehende Charaktermodelle verteilen unrealistische Mengen Blut und Köpfe platzen – der Horror!), sondern wegen der Intention dahinter, der Botschaft, der Fantasie und eben der Vorstellung, dass ein Studio dieses Spiel gemacht hat und es sicherlich mehr als einen Spieler geben wird, der es erwartet und spielen will.

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Die Krankheit und das Symptom

Aber das ist genau der Punkt: Wir ekeln uns nicht vor dem Spiel. Wir haben nicht vor ihm Angst. Wir haben Angst und ekeln uns vor der Welt und Zeit, in der wir leben. Ich habe es kürzlich, es ging um das Thema „Minderheiten in Games“ und Bioware, schon einmal gesagt: Spiele, wie alle Kultur, sind nur ein Abbild der Gesellschaft, die sie hervorbringt. Wir leben in einem System, in einer Gesellschaft und in einer Kultur, in dem Leute tatsächlich Amok laufen und Selbstmord begehen.

Dasselbe System, in dem ein Studio darauf kam, „Hatred“ zu machen, und in dem manche es spielen werden. Einige von ihnen, weil sie ihre eigene Verzweiflung darin dargestellt sehen. Andere aus Dekadenz und Langeweile. Und wieder andere als Statement, weil sie denken, dass es Spiele wie „Hatred“ geben sollte und muss. Es gibt im Pluralismus keine Position, die es nicht gibt, und ich bin mir sicher, dass einige postmoderne Kulturanhänger das Spiel aus ästhetischen oder soziologischen Gründen verteidigen werden.

„Hatred“ ist ein Teil unserer Realität, und es ist diese Realität, die krank ist. Deshalb ist es „Hatred“ auch. Ich gehöre, wie bestimmt auch einige andere, zu der Fraktion der Apathischen. „Hatred“ langweilt mich, weil „Hatred“ keine Neuigkeit ist. Ich will und muss nicht jede Facette unserer abartigen Gesellschaft in Spielform erleben, und es schockt mich auch nicht, dass dieses Spiel gemacht wird.

Morbide Faszination, das Überschreiten von Grenzen, das Setzen auf Shock Value durch Tabubruch – das ist doch alles nicht neu.

„Hatred“ ist „Körperwelten“, es ist „Human Centipede“, es ist Marina Abramović.

Uns ist alles recht, um uns für eine Weile aus unserer dekadenten Lethargie zu holen, etwas, das uns zwingt, für zwei Sekunden vom Smartphone hochzugucken. Das reale Elend, das unser Lebensstil im Rest der Welt anrichtet, reicht dazu ja offenbar nicht aus.

„Hatred“ liefert genau das. Wenn wir es angucken und „Du bist ekelhaft und falsch!“ kreischen, dann zielt das an der Sache vorbei. „Hatred“ ist nicht die Krankheit, sondern das Symptom. Eines von vielen und bei weitem nicht das schlimmste, aber nunmal zufällig das, was im Medium Videospiele passiert. „Hatred“ sagt uns etwas. Wer es nicht wahrhaben will, wird Entrüstung und Abscheu entweder empfinden oder zumindest vorgeben zu empfinden. Wem diese Dinge schon klar waren, der wird entweder resigniert den Kopf schütteln oder gähnen. Es ist, wie es ist.

Vielleicht erreicht es ja aber jemanden. Auch das hab ich geschrieben: Gesellschaft und Kultur stehen ja in Wechselwirkung. Und vielleicht, nur vielleicht, hilft „Hatred“ ja jemandem. Zum Beispiel dabei, die Frage „Warum?“ zu stellen und die richtige Antwort darauf zu finden. Oder es dient jemandem als Ventil, der ganz dringend eins braucht. Keine Sorge, es wird uns nicht weiter desensibilisieren. Das geht gar nicht.

Niemand, der hässlich ist, mag den Blick in den Spiegel, aber dafür kann der Spiegel herzlich wenig. Wenn ihr „Hatred“ abscheulich findet, lebt euer Leben so, dass euch Spiele wie „Hatred“ nicht berühren. Wenn ihr eine Welt ohne „Hatred“ wollt, ist nicht „Hatred“ der Ansatzpunkt, sondern die Welt.

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