„Killerspiele“: Warum wir den Diskurs nicht richtig führen und welche Konsequenzen das hat

Sebastian Moitzheim 25

Nach dem Amoklauf in München wird zur Zeit, mal wieder, die „Killerspiel“-Debatte geführt. Als Resultat hat nun ProSieben Maxx eigentlich geplante E-Sport-Übertragungen aus dem Programm genommen. In meiner Kolumne sage ich euch, warum das ein Fehler war – und warum wir trotzdem über „Killerspiele“ reden müssen.

Die meisten von euch haben es sicher mitgekriegt: Unser Innenminister Thomas de Maizière hat nach den Geschehnissen in München eine Debatte losgetreten, die eigentlich schon eingeschlummert war. Das Wort „Killerspiele“ taucht plötzlich wieder in Medien auf, die sich sonst nie für Videospiele interessieren.

Und offensichtlich haben de Mazières Worte auch greifbare Konsequenzen: Wie heute bekannt wurde, hat ProSieben Maxx sich entschieden, vorerst keine Spiele der ELEAGUE mehr zu übertragen – da Gewalt enthaltende Spiele derzeit in der Kritik stehen.

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Die Reaktionen vieler Videospiel-Fans auf die Debatte und die Entscheidung von ProSieben fallen, sagen wir, eher negativ aus: „Müssen wir wirklich schon über dieses Thema reden? Hatten wir nicht längst geklärt, dass Killerspiele niemanden zum Amokläufer machen?“ Nun, mehr oder weniger. Es gibt Studien, die „beweisen“, dass brutale Spiele keinen nennenswerten Effekt auf uns haben. Und andere „beweisen“ wiederum das Gegenteil.

Dennoch – die Vernunft sagt: Die direkte 1:1-Korrelation zwischen brutalen Spielen und Verbrechen, die de Mazière impliziert, gibt es nicht, und anderes zu behaupten ist dumm.

Aber ist es nicht genauso dumm, sich – wie es viele Gamer tun – komplett vor einer Debatte über Gewalt in Spielen zu verschließen? Zwischen „Killerspiele machen uns zu Amokläufern“ und „Gewalt in Spielen hat keinen Einfluss auf uns“ ist jede Menge Platz für entscheidende Zwischentöne. Wir müssen über dieses Thema reden. Wir selbst, von selbst, nicht nur angeleitet von Politikern, die noch nie ein Videospiel gespielt haben.

Die Schäden der Entscheidung von ProSieben Maxx

Dass die Härte und Form von de Maizières Worten nicht der richtige Auftakt für eine sinnvolle Debatte ist, dürfte klar sein. Auch die Entscheidung von ProSieben Maxx, die geplanten E-Sport-Übertragungen aus dem Programm zu nehmen, war ein Fehler, der Schaden anrichten wird.

Die Debatte über Gewalt in Videospielen sollte genau das sein: eine Debatte. Eine sachlich geführte Diskussion, ein Austausch der verschiedenen Ansichten zu diesem Thema. Eine genau solche Debatte zu diesem Thema zu führen, war schon immer schwierig. Beide Seiten sind emotional aufgeladen: Gamer haben Angst um ihr liebstes Hobby, Kritiker sehen nur, wie Gamer Gewalt nicht nur hinnehmen, sondern sie offenbar genießen – und sind schockiert darüber.

Die Entscheidung des TV-Senders macht die Debatte nicht leichter. Spiele-Fans haben ohnehin schon Angst, dass ihre Lieblingstitel verboten werden. Wenn nun nach einer halb-überlegten Äußerung eines einzigen Politikers Videospiele nicht verboten, aber weniger sichtbar werden, bevor überhaupt ein Diskurs begonnen hat, versperren sich Gamer natürlich und nachvollziehbar vor dem nötigen Gespräch. Es wirkt schließlich, als würde das Ergebnis schon feststehen.

Auch kann man diskutieren, ob es für einen TV-Sender nicht heuchlerisch ist, nach einem Amoklauf ein Videospiel-Turnier, nicht aber, sagen wir, Guy-Ritchie-Filme aus dem Programm zu nehmen. Die Unterschiede zwischen Spielen, in denen wir die Gewalt oft selbst ausüben, und anderen kulturellen Medien sind in der „Killerspiel“-Debatte von Bedeutung. Doch dass die Unterschiede zwischen einer Spiel-Übertragung und einer Film-Ausstrahlung ähnlich groß seien, wage ich zu bezweifeln.

Natürlich ist es beleidigend, eine ganze Kunstform und ihre Fans auf Gewaltdarstellungen zu reduzieren. Wir wollen ernstgenommen werden und wie erwachsene, mündige Menschen behandelt werden, die selbst entscheiden können, wie viel Gewalt sie sich zumuten können.

Die Frage ist nur: Können wir das wirklich?

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