LGBTQI in Games: Versteckt, verschlüsselt, verbannt?

Victor Redman

Während LGBTQI-Themen in anderen Medien Stück für Stück an Präsenz gewinnen, halten die meisten Spieleentwickler sich immer noch weitestgehend zurück. Warum eigentlich?

Wonder Woman ist bisexuell, Dumbledore ist schwul, und mit Moonlight gewann 2016 das Drama um einen jungen homosexuellen Afroamerikaner den Oscar als bester Film. Während queere Rollen und Geschichten in Film, Fernsehen und Literatur immer häufiger und normaler werden, sind sie auf PC und Konsole noch immer Seltenheiten. Einer Studie der Nielsen Company aus dem Jahr 2015 zufolge fühlen 65% der befragten LGBTQ-Personen sich in durch Videospiele nicht ausreichend repräsentiert.

Warum zögern Spieleentwickler, wo Autoren und Filmschaffende inzwischen mutig vorangehen? Wie nähern sie sich LGBTQ-Themen an?

Im Video: Der Launch-Trailer zu Life is Strange – Before the Storm. Das Spiel erzählt die Vorgeschichte von Chloe und zeigt wie homosexuelle Charaktere in Spielen dargestellt werden können. 

LGBTQ-Themen bleiben eine Seltenheit

Schlagzeilen machte erst kürzlich Bill aus dem Verkaufsschlager The Last of Us – eine sehr positive Ausnahme. Der Einzelgänger ist nicht nur ein alter Bekannter von Protagonist Joel, er ist auch knallhart, kompetent – und eben rein zufällig auch schwul. Für viele Spieler war Bill die erste homosexuelle Figur, die nicht über ihre Homosexualität definiert wurde. Gamer Boon Cutter war davon so berührt und begeistert, dass er sich prompt um eine Stelle bei der verantwortlichen Entwicklerschmiede Naughty Dog bewarb – und diese auch bekam.

So bekam Bills größter Fan seinen Job bei Naughty Dog

Auch in anderen aktuellen Titeln tauchen langsam aber sicher mehr LGBTQI-Personen und –Themen auf: Blizzard zufolge befinden sich etwa im Kader des Mega-Hits Overwatch gleich mehrere LGBTQI-Charaktere – bisher wurde allerdings erst die allseits beliebte Tracer offiziell als lesbisch bestätigt. Auch diese Enthüllung fand außerhalb des eigentlichen Spielgeschehens statt: Ein Comic zum Spiel zeigte Tracer mit ihrer Partnerin.

In Baldur’s Gate: Siege of Dragonspear taucht Mizhena auf, die sich dem Protagonisten gegenüber unvermissverständlich als transgender outet – aufgewachsen als Junge lebt sie nun als Frau. Trotz Mizhenas relativ kleiner Rolle im Spiel sorgte dies bei einigen Gamern allerdings für Unmut. Mehrere Mitarbeiter des verantwortlichen Entwicklers Beamdog sahen sich gar mit Drohungen und Belästigungen aus der Fan-Gemeinde konfrontiert.

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Dumm gelaufen – Spieler, die beim Cheaten erwischt wurden.

LGBTQI: Ja, aber…

Vielleicht ist dies auch ein Grund, warum LGBTQI-Themen in vielen Spielen ausdrücklich optional bleiben: In Life is Strange und dem aktuellen Prequel Life is Strange: Before the Storm etwa spielt gleichgeschlechtliche Liebe durchaus eine Rolle – allerdings nur, wenn der Spieler sich dafür entscheidet.

Im Zentrum von Before the Storm steht die jugendliche Chloe, die mit dem Tod ihres Vaters konfrontiert wird. Zur Seite steht ihr dabei ein Mädchen namens Rachel. Wie die Beziehung der beiden Jugendlichen sich entwickelt, liegt dabei ganz in den Händen der Gamer. „Im Verlauf der Geschichte gibt es viele Momente, in denen Chloe die Gelegenheit bekommt, die Beziehung der beiden zu definieren“, erklärt Chef-Autor Zak Garris im Interview. „Sie ist nicht nur romantisch oder nur platonisch und man entscheidet das auch nicht in einem bestimmten Moment. Wir haben eine Geschichte geschrieben, die diese Komplexität erlaubt.“

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Auf ganz ähnliche Art und Weise ermöglichen inzwischen diverse Entwickler es Spielern, über die Inklusion von LGBTQI-Themen selbst mit zu entscheiden. In modernen Rollenspielen wie zum Beispiel The Technomancer lassen sich im Spielverlauf mittlerweile auch romantische Bindungen zu gleichgeschlechtlichen Charakteren gestalten. Gleichzeitig wird diese Tatsache aber in-game äußerst selten thematisiert oder gar Bestandteil der Story.

Verschlüsselt, versteckt, verbannt

Noch subtiler gingen etwa die Macher von Assassin’s Creed: Liberation und Assassin’s Creed: Black Flag ans Werk: Statt den bekannten Roben der Assassinen trägt die beinharte Protagonistin Aveline de Grandpre mit Vorliebe Hut, Hemd und Hosen – in der Spielwelt klassische Männerkleidung. In einer versteckten Audio-Datei in Black Flag spekulieren Charaktere offen über ihre sexuelle Identität und Orientierung, ohne sich aber jemals ganz festzulegen – das Gespräch ist geprägt von unfertigen Gedanken und unvollendeten Sätzen. Aveline selbst wird im Spiel das ein oder andere mal mit dieser Frage konfrontiert, beantwortet sie aber nie.

Es entsteht der Eindruck, die Entwickler wollten queere Gamer miteinbeziehen, ohne sie direkt ansprechen zu müssen. LGBTQ-Themen und -Figuren werden verschlüsselt, versteckt oder finden zumindest am Rand des Geschehens statt. Offenkundige queere Helden und Heldinnen bleiben auch 2017 die absolute Ausnahme. Warum?

Genauso gut könnte man fragen: Warum gibt es im Kino keine homosexuellen Action-Helden in der Tradition von Schwarzenegger oder Van Damme?“, meint hierzu der Kulturwissenschaftler Alexander Koenitz.

Ein Grund ist sicherlich die gewünschte Identifikation mit dem Protagonisten. In einem klassischen Action-Film sollst du mit dem Helden mitfiebern, während er sich im Alleingang durch eine Armee von Feinden schlägt und schießt. Dabei unterscheidet der sich in der Art der Gewaltanwendung meist natürlich kein Stück von den ‚Bösen‘ – umso wichtiger ist es, dass der Protagonist positiv besetzt ist. Für den Zuschauer darf es keinen Anlass geben, sich von der Figur zu distanzieren und sie zu hinterfragen. Das gilt in Videospielen natürlich umso mehr. Hier bist du als Spieler ja noch näher dran. Du schlüpfst in die Haut des Helden; du siehst durch seine Augen; du führst seine Hände. Ich glaube, dass viele Entwickler schlicht davor zurückscheuen, vom Mainstream die Identifikation mit einem queeren Protagonisten zu erwarten.“

Diese Erklärung klingt logisch. Gleichzeitig beweist aber der Erfolg von Titeln wie Life is Strange oder Assassin’s Creed: Liberation und die Beliebtheit von Figuren wie Bill und Tracer, dass auch LGBTQI-Themen durchaus bei der breiten Masse ankommen können. Zu hoffen bleibt, dass uns in den nächsten Jahren viele Games erwarten, in denen entsprechende Figuren und Themen stattfinden – offen und unverschlüsselt.

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