Massig Überstunden bei schlechter Bezahlung: Macht sich die Entwickler-Branche selbst kaputt?

Lisa Fleischer 2

So verbreitet sind Überstunden in der Entwicklerbranche, dass sie sogar einen eigenen Begriff haben: Crunch bezeichnet massive Mehrarbeit, die vor allem, aber nicht nur vor dem Release eines Spiels auf Mitarbeiter zukommt. Ist Crunch auch in der deutschen Branche verbreitet? Und was muss sich ändern, damit die noch junge Sparte daran nicht kaputt geht?

Massig Überstunden bei schlechter Bezahlung: Macht sich die Entwickler-Branche selbst kaputt?

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Entwickler nicht selten massive Überstunden, sogenannte Crunch-Times einlegen. Schon öfters berichteten vor allem englischsprachige Medien aus der Branche über Entwickler, die wegen Burnout oder massiven familiären Problemen durch diese Überstunden die Branche verließen oder gar ins Krankenhaus eingeliefert wurden, nachdem sie sich überarbeitet hatten.

Gerade an größeren Projekten wie The Witcher 3 und The Elder Scrolls: Skyrim beteiligte Entwickler sind von dem Phänomen betroffen, müssen die Teams doch innerhalb weniger Jahre eine ganze fiktive Welt von Grund auf erschaffen. Aber auch Indie-Entwickler wie Telltale Games bleiben nicht verschont. Crunches treten nicht nur vor dem Release auf, prinzipiell kann es in der Branche immer zu massiven Überstunden kommen – wofür die Mitarbeiter im schlimmsten Fall noch nicht einmal einen Ausgleich erhalten.

Skyrim gibt es jetzt auch für die Nintendo Switch – samt Link-Skin:

Skyrim für Switch - Trailer.

Ende 2017 griff sogar die New York Times das Thema auf. In ihrem Bericht ist zu lesen, dass in den Crunch-Times teilweise bis zu 20 Stunden am Tag gearbeitet wird – über mehrere Tage oder gar Wochen hinweg. In dieser Zeit schlafen die Entwickler im Büro, achten wegen des massiven Zeitdrucks nicht mehr auf ihre Körperhygiene, schränken sogar das Essen stark ein. „Das lässt die Branche weiter boomen“, schreibt die New York Times. Schließlich verzeichnete die Gamesbranche im Jahr 2016 Einnahmen von 30,4 Milliarden Dollar – alleine in den USA.

Entwickler halten die Überstunden meist selbst für ein notwendiges Übel. Bislang haben nur wenige Firmen versucht, etwas an dem Missstand zu ändern. Das fordert seinen Tribut bei den Arbeitern, schreibt die New York Times. Die Branche läuft zumindest in Amerika Gefahr, ihre besten Entwickler auf Dauer zu verlieren. Wir haben bei Entwicklern und Unternehmen nachgehakt: Ist die Situation in Deutschland dieselbe? Und was können Studios und Entwickler tun, um daran etwas zu ändern?

Die Anfänge der deutschen Entwickler-Branche: Arbeiten wie auf Drogen

Massive Überstunden bei geringer Bezahlung hat auch die deutsche Gaming-Branche erlebt. Vor allem in den Anfängen bis hin zu den frühen 2000er-Jahren arbeiteten viele Entwickler in der Branche fast rund um die Uhr. Frank Ziemlinski, Erfinder der Moorhühner und inzwischen Creative Director bei m2p Games, hat das alles damals bereitwillig mitgemacht.

Das war wie in einem Paralleluniversum, es war immer jemand in der Firma – auch in der Nacht – die haben da unter den Tischen gepennt. Das war wahrscheinlich nicht so gesund, aber wir waren wie auf Drogen und fanden das alles sogar geil.

Auch Streamer und Pro-Gamer gefährden mit ihrer Arbeit ihre Gesundheit

Natürlich gab es auch Entwickler, die diese Anfangszeit ebenfalls miterlebt haben, die den Überstunden aber eher kritisch gegenüberstanden. Meistens führte das zu Differenzen mit der Geschäftsführung – und im schlimmsten Fall zur Trennung. Wie bei dem ehemaligen Entwickler Wolfgang Walk, der unter anderem an Die Siedler 2 beteiligt war. Nach einem auslaugenden Projekt wollte er weniger Arbeiten – „ja, und das war dann mein Ende bei Blue Byte.“

Entwickeln in Deutschland heute: Eine (nahezu) professionelle Branche

Diese „Kultur der Selbstausbeutung“, wie es Wolfgang Walk nennt, gibt es heute in dieser Form zum Glück nicht mehr. Inzwischen hat sich die Branche massiv professionalisiert – und kann sich deshalb solche massiven Überstunden zumindest in Deutschland längst nicht mehr leisten. Zumindest die Firmen meiner Gesprächspartner bieten ihren Fachkräften sofort feste Verträge zu fairen Bedingungen.

Deutschland hat auch etwas zu bieten: Die größten Erfolge der deutschen Games-Branche

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Die 10 besten deutschen Gaming-Erfindungen.

Manche Firmen wie Xryality in Hamburg haben für ihre Mitarbeiter sogar ein Stempel-System eingeführt. Wenn in Ausnahmesituation doch einmal Überstunden vorkommen, werden diese gewissenhaft getrackt – der betreffende Mitarbeiter bekommt dafür einen Ausgleich. Das berichtet die ehemalige Technical Artist Mandy Jerdes, die bis Ende 2017 bei der Firma angestellt war.

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