Nennt es, wie ihr wollt: Mikrotransaktionen bleiben Mikrotransaktionen [Kolumne]

Marcel-André Wuttig 5

Ein umstrittenes Thema bewegt seit einigen Wochen die Videospiel-Welt: Mikrotransaktionen. Sobald das Wort auftaucht, reagieren Spieler mit Frustration. Publisher wissen das mittlerweile, weswegen sie sich immer kreativere Wege ausdenken, um das Wort zu umschreiben. Aber lasst euch eines gesagt sein, liebe Publisher: Mikrotransaktionen nerven uns, egal wie ihr sie nennt.

Nennt es, wie ihr wollt: Mikrotransaktionen bleiben Mikrotransaktionen [Kolumne]

Take-Two verkündete, dass der Publisher mittlerweile zwei Drittel seines Umsatzes mit Mikrotransaktionen einnimmt. In Zukunft sollen daher alle Spiele des Herstellers auf dieses Modell zurückgreifen. Auch Ubisoft macht mittlerweile mehr Umsatz durch In-Game Items, DLCs, Season Passes und Abonnements als durch digitale Spielverkäufe. Selbst Sony kündigte an, dass aktive Spieler in Zukunft wichtiger für das Unternehmen werden sollen als der Verkauf von Hardware, weswegen sich der Hersteller verstärkt mit In-Game-Käufen auseinandersetzen werde. Electronic Arts glaubt sowieso nicht mehr an Singleplayer-Spiele und schließt daher ein ganzes Entwicklerstudio.

Gerade Assassin’s Creed Origins stand aufgrund seiner Lootboxen in den Schlagzeilen. Im Video kannst du dir die ersten 12 Minuten anschauen. 

Assassin's Creed Origins – Die ersten 12 Minuten.

Das sind lediglich die Meldungen der letzten zwei Wochen. Die Videospielbranche ändert sich und die Änderungen bekommen früher oder später auch die Verbraucher zu spüren. Es besteht die Gefahr, dass du in Zukunft immer seltener fertige Produkte angeboten bekommst. Spiele sollen dich wochenlang beschäftigen. Publisher wollen nicht, dass du für ein Produkt nur einmal Geld ausgibst, sondern immer wieder. Für den Kauf eines Spiels bekommst du dann wohl nur noch den Zugang zu einer digitalen Welt, in der es andauernd neue Inhalte gibt, die du dir kaufen sollst.

Aus kapitalistischer Sicht ist das nicht doof: Die Entwicklung eines neuen Spiels ist teuer. Die Vermarktung auch. Die 60 Euro für ein neues Game decken womöglich gerade einmal die Grundkosten für die Herstellung. Selbst Destiny 2, das bisher erfolgreichste Spiel des Jahres, ist hinter den Verkaufserwartungen des Publishers zurückgeblieben. Der eigentliche Gewinn wird erst durch Mikrotransaktionen gemacht. Denn diese sind günstig in der Herstellung und können mit großer Gewinnmarge verkauft werden. Aus Sicht des Publishers ergibt es also Sinn, warum du erst ein wirklich wertvoller Kunde bist, wenn du an die Spielwelt gebunden wirst und weitere Inhalte kaufst.

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Ich gehe zwar davon aus, dass wir auch in Zukunft noch gute Spiele bekommen werden, die ohne zusätzliche Inhalte Spaß machen und (einigermaßen) abgerundet wirken. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass sich die eigentliche Intention bei der Entwicklung eines Games immer mehr verändert. Warum sollen Hersteller denn ein perfekt abgerundetes Spiel für den Vollpreis anbieten, wenn sie erst Gewinne durch die Zusatzinhalte machen? Ich befürchte daher, dass diese Einstellung auch die künstlerische Intention der Entwickler immer weiter beeinflussen könnte. Wer interessiert sich schon für die künstlerische Vision hinter einem Singleplayer-Spiel, wenn ein generisches Online-Spiel mehr Gewinn bringt?

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Bei Verbrauchern scheint es bezüglich dieser Thematik gerade eine gewisse Spaltung zu geben. Denn es scheint genügend Spieler zu geben, die Geld für Mikrotransaktionen ausgeben, wie Ubisoft, Take-Two und Electronic Arts mit ihren Aussagen beweisen. Und gleichzeitig gibt es eine starke Abneigung gegenüber Lootboxen und ähnlichen Mikrotransaktionen. Das wissen auch Publisher, weswegen sie immer seltener das Wort selbst benutzen. Stattdessen finden sie kreativere Umschreibungen, um das Prinzip dieser Zusatzinhalte zu vermitteln.  „Games as a service“ (Spiele als Service), „recurrent consumer spending opportunities“ (wiederholende Verbraucherausgaben), „player recurring investment“ (wiederholende Investitionen der Spieler). Nennt es, wie ihr wollt, liebe Publisher: Das Prinzip bleibt gleich.

So teuer sind übrigens die Collector’s Editionen von 5 neuen Top-Games:

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So teuer sind die Collector's Editionen von 5 neuen Top-Spielen.

Mir ist klar, dass die Entwicklung von Spielen so teuer ist wie noch nie zuvor. Gleichzeitig stagniert der Preis von Games seit Jahren schon, da Verbraucher nicht bereit sind, noch mehr Geld für ein neues Spiel auszugeben. Mich stört weniger, dass Entwickler mehr Geld von uns brauchen, um neue Spiele zu finanzieren. Mich stört vielmehr, wie sie uns dazu bringen wollen. Es wirkt hinterhältig und nahezu unehrlich. Dass sie Mikrotransaktionen nicht einmal beim Namen nennen, verstärkt dieses Gefühl. Gibt es keinen anderen Mittelweg? Spiele wie Hellblade: Senua’s Sacrifice haben doch gezeigt, dass selbst mit dem Budget eines Indie-Entwicklers ein hochwertiges Produkt entstehen kann, das dem Niveau eines AAA-Titels entspricht und große Erfolge feiert.

Im Video erfährst du, wie wir Hellblade: Senua’s Sacrifice fanden. 

Hellblade: Senua's Sacrifice im Test.

Bevor AAA-Publisher diesen Schritt wagen, müssen wir als Verbraucher unsere Erwartungen anpassen. Vielleicht sollten wir nicht von jedem Spiel erwarten, dass es uns hunderte Stunden beschäftigt, super-realistisch aussieht und natürlich keine Mikrotransaktionen hat. Wir spielen doch auch Indie-Games im Retro-Look, kaufen uns das SNES Mini und wollen WoW in der alten Classic-Version spielen. Warum können wir uns dann nicht mit AAA-Spielen mit einem grafischen Stil, statt perfektem Realismus zufrieden geben? Warum reicht nicht abgerundetes Gameplay und eine packende Geschichte statt endloser Beschäftigung? Warum können Singleplayer nicht abgeschlossene Meisterwerke bleiben und Online-Games langanhaltende Services sein?

Solange gute Singleplayer-Spiele floppen, weil sie „nur“ 20 Stunden unterhalten, und Spieler immer mehr Geld für Mikrotransaktionen ausgeben, wird diese Entwicklung nicht mehr zu stoppen sein. Dann müssen wir auf Spiele wie Hellblade bauen, die eine Brücke zwischen Indie- und AAA-Titeln schlagen und unsere Sehnsucht nach abgeschlossenen Singleplayer-Spielen befriedigen.

 

 

Errätst du diese Spiele anhand unserer MS Paint-Zeichnungen?

In Videospielen gibt es immer wieder Momente, an die du dich selbst Jahre später gerne zurückerinnerst. Wir haben in der Redaktion einige unserer Lieblingsmomente festgehalten — in Microsoft Paint. Welche davon kannst du erraten?

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