Ohne meine Oma würde ich heute keine Videospiele zocken

Victoria Scholz 1

Wiz ’n‘ Liz ist ein Spiel von 1993 für den Sega Mega Drive. Du spielst einen Zauberer, musst Hasen einsammeln und begegnest gruseligen Bossen. Dieser Platformer klingt zwar nicht nach einem krassen Verkaufsschlager – für mich ist Wiz ’n‘ Liz aber etwas ganz Besonderes. Denn es war mein erstes Spiel. Und ich habe es durch meine Oma kennengelernt.

Ohne meine Oma würde ich heute keine Videospiele zocken
Bildquelle: Gettyimages / Halfpoint (Symbolbild).

Wäre ich 15 Jahre jünger, würde ich dem Artikel den Hashtag „Realtalk“ anführen. Denn ich will dir erzählen, wie es dazu kam, dass ich Videospiele lieben gelernt habe. Die Kurzfassung ist, dass ich nur deshalb Videospiele liebe, weil meine zockende Oma mir alle Vorzüge von Spielen gezeigt hat. Die lange Fassung liest du jetzt.

Mein Onkel ist ein großer Fan von Videospielen. Er sammelt jede Konsole, jedes Videospiel. Meine Oma, also seine Mutter, betreibt eine Gaststätte und da es in der Gastronomie meist hektisch zugeht, brauchte sie etwas, das sie ablenkt. Also schenkte mein Onkel ihr ein SNES, ein NES, ein Sega Master System und einen Sega Mega Drive.

Dieser Artikel gehört zu einer ganzen Reihe an Artikeln, die wir im Rahmen unserer Themenwoche „Spiele im Alter“ veröffentlichen. Alle Artikel dazu findest du auf unserer Übersichtsseite zu „Spiele im Alter“.

Etwa zur gleichen Zeit, als ich sechs Jahre alt war, arbeiteten meine Eltern viel. Also besuchte ich meine Oma regelmäßig. Und anstatt mich auf lange Mittagsschläfchen oder haufenweise Süßigkeiten zu freuen, wusste ich, dass ich in dieser Zeit wieder neben ihr auf der Couch sitzen und ihr beim Zocken zuschauen durfte.

Wir spielten alles, was die Konsolen hergaben. Meist schaute ich ihr dabei zu, wie sie als Chip oder Chap die Welt von Roboterhunden und Katzen in Anzügen befreite. Aber auch als Asterix und Obelix bestritt sie Kämpfe im Kolosseum und als Alex Kidd besiegte sie Bosse mit Schere, Stein, Papier.

Zwei Zauberer gegen den Rest der Welt

Ich erinnere mich an so viele schöne Dinge, die ich in meiner Kindheit mit meiner zockenden Oma erlebt habe. Ich wollte natürlich nie ins Bett, aber meine Oma konnte die Diskussion geschickt umgehen. Nachdem sie nämlich das gefühlt hundertste Mal einen Boss nicht besiegen konnte, waren wir beide so niedergeschlagen, dass Schlafen einfach die bessere Option war.

Ich denke aber auch noch gerne an die Zeit ohne Speicherstände zurück und wie die Konsolen die ganze Nacht oder oftmals über Tage hinweg eingeschaltet bleiben mussten, damit unser Fortschritt nicht verloren ging. Natürlich lernte ich auch, dass Spiele nicht nur zum Abschalten da sind. Ich hörte zum ersten Mal wüste Beschimpfungen, die meine Oma dem Röhrenfernseher entgegenbrachte. Meine unendliche Wut auf andere Spieler in Online-Multiplayern habe ich wohl von ihr geerbt.

Richtig angetan hatte es uns aber Wiz ’n‘ Liz. Beim Plattformer geht alles um Zeit. Um hiervon mehr zu bekommen, kombinierst du Früchte miteinander. Unsere Liebe zu dem Spiel ging so weit, dass wir beide alle Videozeitschriften kauften, die Cheatcodes zu Wiz ’n‘ Liz veröffentlichten. Weil das zahlreiche waren und wir schließlich eine einheitliche Liste brauchten, lernte ich kurzerhand das Schreiben, indem ich auf der Schreibmaschine gemeinsam mit ihr ganze Blätter mit den Fruchtkombinationen vollschrieb. Erdbeere und Erdbeere ergibt zehn Sekunden geschenkt, eine Birne und ein Pilz sogar 50.

Bei meinem Umzug nach Berlin vor sechs Jahren habe ich die vergilbten Zettel wiedergefunden und mich an diese Zeit zurückerinnert. Sie liegen jetzt neben meinen Collector-Editions von all meinen Lieblingsspielen. Als Arbeitsprobe für meine Bewerbung bei GIGA GAMES habe ich diese Kombinationen wieder hervorgekramt und in einem Guide verewigt. Drei Jahre später kann ich dir sagen, dass sie mir offensichtlich Glück gebracht haben, denn, wie du liest, arbeite ich jetzt hier.

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Feel old yet? Technik die älter ist, als man denkt.

Danke Oma!

Zum Valentinstag vor vier Jahren hat mir mein Freund ein Netzwerkkabel für den Sega Mega Drive geschenkt. Als ich die Konsole an den Fernseher anschloss und das Zauberspiel einlegte, dudelte die 16-bit-Musik los. Und schlagartig war ich wieder sechs. Ich sah meine Oma vor mir, wie sie bei jedem Sprung der Spielfigur auf ihrem Sessel kaum sichtbar nach oben gewippt ist. Oder wie sie ihre Lippen zusammengepresst hat, sobald der Boss die Bühne betrat.

Oma, ich weiß, dass du jeden Text von mir liest, ausdruckst und in einem großen Hefter sammelst. Ich weiß auch, dass du mächtig stolz auf mich bist. Ich weiß, dass du glücklich darüber bist, dass ich einer Beschäftigung nachgehe, die mir Spaß macht und bei der kein Tag vergeht, an dem ich nicht daran denke, wo meine Gaming-Wurzeln liegen. Ich hab Dich lieb.

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