Dank Videospielen fit bleiben: RetroBrain macht Games für Senioren

Lisa Fleischer

Videospiele sind wesentlich mehr als nur ein Hobby: Wie diverse Studien herausgefunden haben, verbessern sie unter anderem die kognitiven Fähigkeiten. Das nutzt die Firma RetroBrain – sie entwickeln Spiele, die Senioren fit halten sollen. 

Dieser Artikel gehört zu einer ganzen Reihe an Artikeln, die wir im Rahmen unserer Themenwoche „Spiele im Alter“ veröffentlichen. Alle Artikel, die noch bis zum 10. Februar 2019 auf GIGA GAMES zum Thema erscheinen, findest du auf unserer Übersichtsseite zu „Spiele im Alter“.

Senioren, die spielen? Dazu fällt mir direkt meine mit 76 Jahren vergleichsweise junge Oma ein, der ich vor kurzem einen PS4-Controller in die Hand gedrückt habe – Spoiler: Sie hat erst einmal 15 Minuten gebraucht, um überhaupt das grundsätzliche Bedienen des Controllers zu erlernen. Und trotzdem gibt es jetzt Spiele, die sich an eine noch ältere Zielgruppe wenden: An Senioren in Altenheimen. Kann das funktionieren?

Das deutsche Unternehmen RetroBrain beweist: Ja – aber nicht mit einer handelsübliche Konsole. Sie haben die MemoreBox entwickelt, die mit eigens dafür produzierten Spielen Schritt für Schritt Einzug in Altenheime hält. Sie wendet sich an Senioren, die unter anderem an Demenz oder Parkinson leiden, und soll nicht nur Spaß bringen, sondern vor allem die Bewegungsfähigkeit und kognitive Fähigkeiten erhalten und verbessern. Wie das genau funktioniert, das hat mir Mandy Jerdes, Projektmanagerin bei RetroBrain, erklärt.

In einem Video von 2016, das von Microsoft veröffentlicht wurde, siehst du die MemoreBox in Aktion:

MemoreBox von RetroBrain – Gegen das Vergessen spielen – Microsoft.

Die Kinect-Kamera hat endlich einen Sinn

Weil Senioren – wie meine Oma – bei der Nutzung eines Controllers erst einmal die Bedienung von Grund auf erlernen müssten, kommt die MemoreBox ganz ohne Controller aus. Stattdessen werden alle Spiele mit Bewegungen gesteuert: Die Kinect-Kamera von Microsoft macht es möglich. Indem man die Arme hebt, die Beine hebt, den Oberkörper dreht und neigt, werden in den Spielen bestimmte Aktionen ausgelöst.

Die Umsetzung der einzelnen Anwendungen unterscheidet sich dabei stark von der gewöhnlicher Spiele, wie wir sie kennen. „Wir haben da gewisse Richtlinien, die wir einhalten müssen“, erzählt Mandy Jerdes. Zum einen dürften die Spiele nicht zu kompliziert sein, auf der anderen Seite sollen sie die Senioren aber durchaus fordern. Die Spiele dürfen nur so lang sein, wie sich die Senioren konzentrieren können. Drei Minuten hat sich laut Mandy als angemessene Zeit erwiesen, bei sechs Minuten steigen viele Senioren schon aus. Außerdem ist die Darstellung wichtig. Geht zu viel auf einmal auf dem Bildschirm vor, fühlen sich die Senioren oft überfordert. „Es muss alles etwas langsamer, etwas einfacher und möglichst auch sehr kurz sein.“

Barrierefreiheit als wichtiges Kriterium

Außerdem ist wichtig, dass den Spielen ein sehr genaues und langsames Tutorial vorausgeht. Die Erklärung sollte sowohl auditiv als auch akustisch erfolgen – damit auch Senioren mit Seh- oder Hörschwäche alles verstehen. Allgemein ist Barrierefreiheit ein großes Thema für RetroBrain: Die Spiele auf der MemoreBox können sowohl im Stehen als auch im Sitzen gespielt werden. Wer eine Stehhilfe benötigt, kann sich beim Spielen auch festhalten, die Hände werden zum Spielen oft nicht benötigt.

In Zukunft soll es sogar möglich werden, dass Pfleger die Steuerung individuell auf die Bedürfnisse der Senioren einstellen können. Dadurch wäre es möglich, dass beispielsweise Bewegungen, die aufgrund von Einschränkungen einzelner Gliedmaßen von Spielern nur teilweise ausgeführt werden können, mit anderen, besser möglichen Bewegungen ausgetauscht werden.

„Von einer Einrichtung habe ich sogar gehört, dass sie die MemoreBox auf einem Rollwagen mit einem Monitor installiert haben. Sie rollen die Konsole damit direkt in die Zimmer von bettlägerigen Patienten und setzen sie auf, damit sie trotz ihrer Einschränkung spielen können“, erzählt Mandy begeistert. Die MemoreBox kann also theoretisch von allen genutzt werden – egal wie stark sie eingeschränkt sind.

Endlich wieder aktiv werden

Spielerisch wird mit der MemoreBox ‚ganz nebenbei‘ die Beweglichkeit der Senioren erhalten, die Standsicherheit gefestigt und die Rückenmuskulatur gestärkt. Aber auch Erinnerungen werden angeregt, entweder durch spezifische alltägliche Situationen, die in den Spielen behandelt werden, oder durch Abfragen im Spielverlauf, bei denen sich die Senioren an Ziele oder andere Dinge erinnern müssen. Dementsprechend sind die Spiele aufgebaut, ihnen liegen Situationen zu Grunde, die die Senioren aus ihrer Vergangenheit kennen, die sie heutzutage aber nicht mehr ausführen können.

Mit der MemoreBox ist es ihnen endlich wieder möglich zu kegeln, sie spielen Tischtennis, ohne sich zu sehr anstrengen zu müssen, sie tanzen und können sogar Motorrad fahren. Senioren erinnern sich dadurch an ihre vergangene Aktivität in einem Kegelverein oder an Spielrunden mit Freunden, teilweise organisieren sie sogar selbstständig virtuelle Kegel-Turniere, erzählt Mandy. Außerdem wird die Kommunikation gefördert – sie sprechen sich ab und beim Tanzen machen teilweise nicht nur die Senioren mit, die an der Reihe sind, sondern die ganze Gruppe.

Die MemoreBox macht jedem Spaß

Und das kommt an: Natürlich gibt es Senioren, die anfangs noch skeptisch sind, weil sie Angst vor neuer Technik haben. Andere sind hingegen so fit und neugierig, dass sie der Memore Box aufgeschlossen gegenüber treten – aber auch sie stoßen zu Anfang an die Grenzen ihres technischen Verständnis, erzählt Mandy. „Es ist oft schwierig, ihnen nahezubringen, was so eine Kinect-Kamera eigentlich macht. Oder warum reagiert sie, wenn ich meinen Arm hebe und warum funktioniert sie dann und dann aber nicht.“

Letzten Endes hat es Mandy aber noch nie erlebt, dass sich Senioren der MemoreBox komplett verschließen und gar kein Interesse zeigen. Sogar Demenz-Patienten, die anfangs noch abwesend wirken und erst nach und nach realisieren, wie die anderen Senioren mit der MemoreBox Spaß haben, machen nach einiger Zeit auch selber mit. „Irgendwann haben sie den Monitor registriert und darauf geschaut. Wenn sie das wahrgenommen haben, haben sie nach einiger Zeit auch angefangen, die Bewegungen nachzumachen, die der Spieler macht. Und das ist schon ein schöner Moment, wenn man merkt, dass sie gerade etwas mitbekommen. Ich weiß natürlich nicht, wie viel, aber irgendwie sind sie da und das ist sehr schön.“

Von fitteren Senioren aus dem Betreuten Wohnen bekommt sie inzwischen sogar schon Bug-Reports und Feature-Requests, erzählt Mandy. Sie erinnert sich da an eine Begegnung mit einer älteren Dame, die ihr besonders im Gedächtnis geblieben ist:

„Mich hat eine Bewohnerin einmal angesprochen und gesagt, ‚Ja, dieses eine Spiel, das war so schwer, aber ich habe extra meine Bewegungen geübt und jetzt bin ich besser‘. Und das ist total schön zu hören, dass sie da Spaß dran haben, nicht nur am Spiel selbst, sondern auch am Besserwerden.“

Ein anderes Mal spielte sie mit einem Senioren, der sich bei der Memore-Anwendung Motorrad fahren immer an einer Stuhllehne festhielt, weil er nur schlecht stehen konnte. Eines Tages kam Mandy dann wieder und wollte dem Herren seinen Stuhl hinstellen, damit er spielen konnte. „Da sagte er ‚Nein, die brauche ich jetzt nicht mehr’“, imitiert sie den Senioren mit strenger Stimme. „Und da war ich so stolz!“

Der nächste Schritt: Die virtuelle Realität

Und RetroBrain ist noch lange nicht am Ende angelangt: Weitere Spiele für die MemoreBox sind aktuell in Entwicklung, die nächste Anwendung soll mit dem Thema Reisen zu tun haben, verrät Mandy. Die Idee dazu haben sie durch Umfragen in den Altenheimen gewonnen. „Natürlich können wir nicht einfach fragen, was sie für ein Spiel wollen, das können sie sich nicht vorstellen. (…) Aber wir fragen, ‚was würden sie denn gerne tun, was sie aber nicht mehr ausführen können?‘ Oder was sie früher gerne gemacht haben, was ihr Hobby war.


Zudem ist RetroBrain kürzlich eine Kooperation mit verschiedenen universitären und gemeinnützigen Vereinigungen eingegangen, um VR-Anwendungen für Senioren zu entwickeln. Exgavine nennt sich das Projekt, mit dem neue Wege in der Therapie gegangen werden sollen. Noch stehen sie vor einigen Problemen. „Wir müssen vorsichtig sein, weil wir schon festgestellt haben, dass Senioren sogar schon dann Motion Sickness bekommen, wenn sie gar keine VR-Brille auf haben“, stellt Mandy fest. VR für Senioren ist also gar kein so einfaches Projekt – aber RetroBrain schaut der Herausforderung gespannt und freudig entgegen.

Und auch auf weitere Krankheitsfelder kann die MemoreBox in Zukunft ausgeweitet werden. Denkbar wäre, in Richtung Alzheimer-Behandlung und Rehabilitation zu gehen, aber auch die Behandlung von jüngeren Menschen, die mit körperlichen Einschränkungen wie Behinderungen leben, schließt Mandy nicht aus. „Wo die Reise da hingeht, das weiß ich selber auch noch nicht, aber theoretisch stehen uns da alle Wege offen.“

Du hast auch noch eine Kinect-Kamera zu Hause und hast mal wieder Lust, dich beim Spielen zu bewegen? Diese Games lohnen sich auf der vernachlässigten Hardware-Erweiterung zur Xbox One noch immer: 

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Von wegen Couch-Potato: Die 11 besten Kinect-Spiele.

Hast du schon mal von der MemoreBox gehört? Wie gefällt dir der Gedanke, dass Senioren und körperlich eingeschränkte Menschen mit Hilfe von Videospielen behandelt werden? Kennst du vielleicht sogar jemanden, der die MemoreBox bereits ausprobiert hat? Wie hat es ihm oder ihr gefallen? Schreibe uns deine Meinung und deine Erfahrung damit doch gerne unten in die Kommentare.

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