RTL, Sat.1 und das Zocken: Privatfernsehen, lernst du denn nie aus deinen Fehlern?

Lisa Fleischer 3

Während wir zumindest auf der gamescom 2017 von Berichten der großen Medienunternehmen verschont blieben, die sich über Gamer lustig machen, greift Sat.1 zur Dreamhack wieder ganz tief ins Klischee-Kästchen. Wir fassen zusammen.

RTL, Sat.1 und das Zocken: Privatfernsehen, lernst du denn nie aus deinen Fehlern?
Bildquelle: Sat 1.
Hinweis: Dieser Artikel ist ein Meinungsartikel, der den Standpunkt unserer Redakteurin widerspiegelt und nicht zwingend der Meinung der gesamten Redaktion entsprechen muss. Er erhebt keinen Anspruch auf eine universell gültige Wahrheit und deckt sich vielleicht nicht mit deinen eigenen Vorstellungen.

Eine Moderatorin, die kichernd zugibt, dass sie sich „ja nicht so auskennt“ mit diesem Gaming, eine Off-Stimme, die überheblicher gegenüber dem Gezeigten nicht sein könnte und eine „Challenge“ für Interview-Partner, die auf einem gut 40 Jahre alten Klischee basiert.

Na, erinnert dich das an etwas? Genau, an den „Beitrag“ von RTL zur gamescom 2011. Damals berichtete der TV-Sender von den „komischen Gestalten“, die sich auf der gamescom verkleiden, weder auf Körperhygiene, noch auf Stil achten und sowieso niemals eine Freundin haben werden: Uns Gamern. Dass wir das alles nicht sind, dass wir eine heterogene Masse sind, groß, klein, dünn, dick, extrovertiert oder schüchtern, männlich oder weiblich, hätte RTL nicht egaler sein können.

Dementsprechend wütend war die Gamer-Community auf den Explosiv-Beitrag, Hacker enterten die Seite und letzten Endes entschuldigte sich RTL sogar für den Beitrag. Eigentlich müsste man nun denken, die Medien im Allgemeinen und die Privatsender im Speziellen würden auf die Alarmglocken hören und in Zukunft zuerst recherchieren, bevor sie einen Beitrag veröffentlichen, der die inzwischen sehr große Community der Gamer zum Thema hat.

Auch wir haben uns damals über den gamescom-Bericht von RTL aufgeregt

Doch da haben wir die Rechnung wohl ohne Sat.1 gemacht. Rund sieben Jahre später veröffentlicht der Sender einen ähnlich falschen Beitrag über die Dreamhack 2018. Rund sieben Jahre später, das heißt: Nachdem die Wii erstmals den Videospiel-Markt für die Masse öffnete, die PS4 ganze 70 Millionen Mal über die Ladentheke ging, sich alleine in Deutschland 34,1 Millionen Menschen als Computerspieler bezeichnen und Smartphones einen ganz neuen Markt für Spiele erschließen.

Dagegen wirkt der Beitrag von Sat.1 wie aus dem letzten Jahrhundert. Vor allem die beiden Moderatoren, die den Beitrag anteasen, wirken, als hätten sie noch nie etwas von Videospielen gehört. Alina Merkau muss ständig auf ihr Smartphone schauen, weil sie sich offenbar weder Gaming-Begriffe (Xbox, FIFA E-World Cup), noch die Namen von eSportler merken kann – oder vielleicht war es ihr auch einfach nicht wichtig, weil sie Gamer sowieso für eine abgedrehte Minderheit hält; ausländische Gamer sowieso: „Moooo … Mohammed … Aaaa … Aku … Akutz … Harkous“ – Journalismus vom Feinsten!

Das alleine wäre nicht so schlimm, sondern eher peinlich für Sat.1 – aber es geht noch weiter. Es folgen Verwechslungen (die E-Games-Messe ist in Bern, die Dreamhack hingegen ist eine Messe über e-Sport, liebes Sat.1), außerdem gibt Moderator Matthias Killing das aus der Anfangszeit der Videospiele stammende Klischee der „übergewichtigen Männer“ zum Besten, „die so“ – nun, mit Worten kann der Moderator es leider nicht beschreiben, deshalb ein Bild. Bleibt eh länger im Kopf.

Natürlich darf auch die altbekannte Frage nicht fehlen, ob diese Gamer denn nicht spinnen, ihr Hobby jetzt eSport zu nennen und den klassischen Sport damit ersetzen wollen, nur weil sie zu faul zum Bewegen sind. Alina Merkau merkt an: „Man macht nicht mehr richtig Sport, sondern man guckt den Leuten nur beim Zocken zu, wie sie quasi Sport machen.“ Ja, das ist ja auch so überhaupt nicht normal, Fußballfans zum Beispiel … ach, ja, die gucken auch nur zu. Nun, egal…

Wer braucht schon RTL und Sat.1? YouTuber Hey Aaron!!! schafft das ganz alleine

Und peinlich geht es zumindest Anfangs auch im eigentlichen Dreamhack-Beitrag weiter. In ihm macht Reporterin Inaiè, der Sat.1 kein Nachname gönnt (vielleicht ist er einfach zu „ausländisch“, als dass ihn die Moderatoren aussprechen könnten), „echten“ Sport mit den Gamern. Anstatt ihn genau so einzuführen, beginnt der Beitrag jedoch mit dem Satz-Schnipsel „wenn du magst, ich könnte was für deinen Popo tun“, den Inaiè da einem Gamer an den Kopf wirft – und der ihn stutzig zurücklässt.

Klar, Gamer können nicht mit Frauen, will der Beitrag sagen. Auf der Dreamhack gibt es auch fast keine Frauen außer Inaiè – komisch nur, dass die Bilder etwas anderes suggerieren.

Das klingt eins zu eins wie der Beitrag von RTL – ist zumindest ab der zweiten Hälfte aber weitaus entschärfter. Schaffst du es, vor circa Minute 2:25 nicht vor Wut abzuschalten, wirst du merken: Auch wenn RTL und Sat 1 nicht dazugelernt haben, wir Gamer sind schlauer und vor allem schlagfertiger als 2011. Und vielleicht stehen uns zumindest die Cutter von Sat.1 ein bisschen Würde zu.

Nicht nur wir, auch andere Gamer stören sich an dem Bericht von Sat.1:

Denn anstatt wie RTL 2011 nur solche Leute zu zeigen, die offensichtlich vor der Kamera nicht funktionieren und dementsprechend dilettantisch wirken, tauchen bei Sat.1 zahlreiche sportliche Gamer auf, einige, die auf Inaiès tückische Fragen sogar entschärfende Antworten haben. So sahen die Dialoge im RTL-Beitrag noch aus:

„Warum hast du dir diesen Hut aufgezogen?“ – „Ja, den muss an einem speziellen Stand muss man den sich quasi erkämpfen, muss man schön nach vorne und dann fangen.“

Inzwischen laufen sie vielmehr so ab:

„Dehnst du dich sonst auch so, oder … ?“ – „Meistens einmal kurz davor, um die Muskeln ein bisschen zu lockern.“ – „Was machst du denn an Sport?“ – „Eigentlich nur Laufen …“

Noch mehr Dinge, mit denen uns Nicht-Gamer auf die Palme bringen können:

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9 Sätze, die wir von Nicht-Gamern nie wieder hören wollen.

Das hat sich Reportein Inaiè bestimmt anders vorgestellt. Und zum Schluss muss sie sich auch noch selbst beweisen. Während sich ihre interviewten Gamer im normalen Sport erstaunlich gut schlagen, versteht sie die Regeln nicht sofort, stellt sich etwas hektisch an. Die Stimme aus dem Off resumiert: Inaiè bleibt lieber beim richtigen Sport – während Gamer in beidem super sind. Na, wenigstens etwas!

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