Spiele sollen teurer werden, forderte Anfang der Woche ein Wall Street Analyst. Die Spieler dieser Welt widersprachen ihm einstimmig und auch ich schließe mich ihnen an, den Rucksack vollgepackt mit Gegenargumenten.

 

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Das Spiel, mit dem alles begann. Oder endete..?

Star Wars Battlefront 2 - Launch Trailer

Der Hass gegen Mikrotransaktionen und Pay-to-Win in Star Wars Battlefront 2 sei eine Überreaktion, argumentierte Wall Street Analyst Evan Wingren in den vergangenen Tagen. Er geht sogar so weit, dass Videospiele deutlich mehr kosten sollten. Seine Rechnung: Wer täglich zweieinhalb Stunden Battlefront 2 spielt und pro Monat 20 Dollar für Lootboxen ausgibt, bezahlt auf ein ganzes Jahr gerechnet etwa 40 Cent pro einer Stunde Unterhaltung. Ein Kinobesuch kostet hingen gut drei Dollar pro Stunde, was Spiele zu einer der günstigsten Unterhaltungsformen macht.

Eigentlich bräuchte ich mir gar nicht die Mühe machen, ihm seine Zahlen um die Ohren zu hauen, das haben die Kommentarspalten und Foreneinträge dieser Welt bereits erledigt, aber schließlich ist genau das ja mein Job, weshalb ich mir die Zeit genommen habe, Wingrens Forderung und bei dieser Gelegenheit gleich einige weitere gängige Annahmen einem Faktencheck zu unterziehen.

„Hass auf Mikrotransaktionen ist eine Überreaktion“

Zugegeben, die Spieler reagierten reichlich emotional auf die Loot-Boxen und Mikrotransaktionen in Star Wars Battlefront 2. Wieso das Thema nicht einfach sachlich behandeln? Zum Beispiel wie die belgische Glücksspielkommission, die seit vergangener Woche gegen Battlefront 2 und Overwatch ermittelt. Oder die Niederlande, die selbst eine ähnliche Untersuchung eingeleitet haben. Oder die dänische Polizei, die ausdrücklich vor Spielen mit Mikrotransaktionen wie Battlefront 2, Counter-Srike: Global Offensive oder DOTA 2 warnt. Oder dem Fakt, dass die belgische Kommission zu dem Schluss gekommen ist, dass Loot-Boxen tatsächlich Glücksspiel sind? Oder dass auch hawaiianische Abgeordnete sich inzwischen mit den Gefahren von Loot-Boxen und ihren Glücksspiel-Systemen auseinandersetzen? Na also, bei sachlicher Betrachtung, ganz ohne verwirrende Emotionen sind Loot-Boxen doch gar nicht so schlimm!

„Spiele sind preiswertere Unterhaltung als Filme“

Nehmen wir Wingrens beeindruckendes Rechenbeispiel doch einmal auseinander. Wer täglich zweieinhalb Stunden spielt, kommt nach einem Jahr auf satte 912 Stunden. Und mal ehrlich: Wann hast du das letzte Mal ein Spiel 912 Stunden lang gespielt? Ein kurzer Blick in meine Steam-Datenbank verrät: Ich habe The Elder Scrolls 5: Skyrim am Release-Tag für etwa 50 Euro erworben und seitdem etwa 75 Stunden gespielt. Natürlich gibt es etliche Spieler, die deutlich mehr Zeit in Himmelsrand verbracht haben, ich persönlich war an diesem Punkt aber gesättigt und hatte das Gefühl, alles Wichtige gesehen zu haben. 75 Stunden solide Unterhaltung. Doch nanu? Umgerechnet in Wingrens Formel sind das ja auf fast 70 Cebnt pro Stunde? Dazu kommen DLCs wie Dawnguard oder Hearthfire, weshalb ich einfach mal großzügig auf einen Euro aufrunde. Und was, wenn ich das Spiel damals für eine Konsole gekauft hätte, also statt 50 ganze 60 Euro bezahlt hätte...?

StarWarsMetacritic
Ist Episode 2 besser, weil der Film 18 Minuten länger ist?

Unabhängig davon, dass Wingrens Rechnung weder Hand noch Fuß hat ist allein der Ansatz absurd, Unterhaltung nach quantitativen Kriterien zu werten. Das ist bereits innerhalb eines Mediums unsinnig — demnach wäre Star Wars Episode 2: Angriff der Klonkrieger mit seinen 142 Minuten eine bessere Investition als Star Wars Episode 5: Das Imperium schlägt zurück mit nur 124 Minuten — und das ist erst recht nicht Medien-übergreifend anwendbar, da unterschiedliche Medien jeweils andere Formen der Unterhaltung bieten. Allein der Unterschied, dass Filme passiv und Spiele aktiv konsumiert werden.

Zudem sind auch lange Spiele nicht automatisch besser oder unterhaltsamer als kurze Spiele. Die 1-2 Stunden, die ich für Portal benötige, sind ein formvollendetes, von Hand gestaltetes, durchdachtes, ausbalanciertes Stück Perfektion. Für die gefühlten Jahre, die ich brauche, um in Assassin's Creed 2 alle hundert Federn und die restlichen überflüssigen Collectibles zu sammeln, die das Spiel künstlich in die Länge ziehen, weil die Annahme „lang = gut“  sich aus den falschen Gründen tragischerweise durchgesetzt hat, möchte ich hingegen gern meine verschwendete Lebenszeit zurückerstattet bekommen.

Ich bin mir sicher, dass Herr Wingren in seiner Freizeit am liebsten im Telefonbuch blättert. Nahezu unendlicher Content zum Schnäppchenpreis. Hinter jedem Namen eine neue Zahl! Und so viele Seiten, dass sich ganze Wettbewerbe darum gebildet haben, ob ein Muskelmann dieses literarische Meisterwerk tatsächlich entzwei reißen kann oder nicht. Eine weitere Alternative für das perfekte Kosten/Nutzen-Verhältnis sind natürlich auch zehnstündige YouTube-Videos. Also in diesem Fall mal ganz ohne Ironie.

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„Spiele müssen teurer werden“

Eine regelmäßig wiederkehrende Argumentation, warum Mikrotransaktionen gerechtfertigt seien, ist, dass Spiele entsprechend der Inflation ja nicht teurer geworden sind, sondern immer noch um die 60 bis 70 Euro kosten. Aha. Und wann hast du das letzte mal für 60 Euro ein komplettes Spiel gekauft? Ohne Season Pass? Ohne DLC? Was früher als vollständiges 60-Euro-Spiel galt, wurde inzwischen zur Gold-Edition. Wer ein komplettes Spiel kaufen will, bezahlt heutzutage häufig 80 Euro. 100 Euro. Oder auch 120 Euro. Die Gold-Edition von Mittelerde: Schatten des Krieges etwa kostet 99,99 Euro. Und bietet obendrein Loot-Boxen und Mikrotransaktionen. Übrigens stecken in den Zusatzinhalten der Gold-Edition keine kosmetischen Items für „treue Fans“, sondern die beiden Story-Kapitel(!) „Galadriels Klinge“ und „Die Verwüstung Mordors“.

Zugegeben, in den letzten Jahren hat sich aufgrund der zahlreichen Sales eine gefährliche Abwärtsspirale gebildet, die dafür gesorgt hat, dass Spiele bereits nach kurzer Zeit für deutlich weniger Geld angeboten werden. Dementsprechend wichtig sind auf Seiten der Publisher die Verkäufe zum Release und insbesondere die Vorbestellungen. Und wenn doch alle zu den günstigen Sales-Versionen greifen? Dann wird dank Mikrotransaktionen trotzdem noch fleißig weiter an den Spielen verdient. Schließlich werden Spiele heutzutage ja auch immer teurer, die Publisher brauchen also das Geld! Oder...?

Apropos Mikrotransaktionen:

„Die Publisher brauchen das Geld, Spieleentwicklung wird immer teurer“

Spieleentwicklung wird nicht immer teurer. Tendenziell lässt sich sogar das Gegenteil beobachten. Das hat unterschiedliche Gründe. Einerseits haben digitale Verkäufe in den vergangenen Jahren stark an Relevanz gewonnen, physische Ladenverkäufe werden hingegen immer unbedeutender. Genau für jene mussten in den vergangenen Jahren aber Unsummen in Produktion, Versand und die Beteiligung der einzelnen Läden gesteckt werden — Kosten, die seither weitestgehend eingespart werden können. Zudem veröffentlichten große Studios immer weniger Spiele pro Jahr. Rockstar Games hat seit GTA 5 kein weiteres Spiel mehr veröffentlicht, zuvor erschien jedoch jedes Jahr eines. Auf ein neues Diablo oder Warcraft warten Blizzard-Fans auch seit Jahren erfolglos.

Stattdessen verdient sich Rockstar Games mit neuen Inhalten für GTA Online eine goldene Nase und Blizzard mit immer weiteren Hearthstone-Erweiterungen. Die Gewinne können anschließend in große Triple-A-Produktionen wie Red Dead Redemption 2 gesteckt werden. Die sind ohne Frage teuer, vielleicht auch teurer als früher, trotzdem sparen Entwickler Produktionskosten, da sie insgesamt weniger solche Spieler produzieren und dementsprechend auch weniger Marketing bezahlen müssen. Publishern steht also dank gesparten Marketing-Kosten und Mikrotransaktionen mehr Geld zur Verfügung, dennoch wird aber insgesamt weniger Geld in die Entwicklung neuer Spiele gesteckt. Und deshalb müssen Spiele teurer werden..? Dann doch lieber YouTube!

Welches Spiel soll ich 2020 spielen? (Quiz)