Trophäen, Gamerscore und Co.: Fluch oder Segen?

Annika Schumann 8

Trophäen, Gamerscore und Steam-Erfolge sind seit Jahren fester Bestandteil des aktiven Spielerlebnisses. Während ihr einige Belohnungen ganz von selbst während des Spielens erhaltet, erfordern andere wiederum ein großes Maß an Geschick und Geduld. Besonders Personen, die Freunde der Vervollständigung sind, dürften deswegen hin und wieder an ihre Grenzen stoßen - und die vermeintlichen Belohnungen werden schon bald zur Plage. Es stellt sich also unlängst die Frage: Sind sie Fluch oder Segen?

 

Es gibt unterschiedliche Arten von Spielern. Da sind die einen, die keinen Deut auf Trophäen, Gamerscore oder Sammelkarten geben und sie schlicht und einfach ignorieren, dann gibt es noch die anderen, die versuchen, so viele Belohnungen wie möglich zu erhalten und dann mit ihrem Ergebnis zufrieden sind und dann sind da noch diejenigen, die alles daran setzen, jede noch so kleine Aufgabe zu erledigen, um auf jeden Fall alle Achievements zu erhalten – ganz gleich, ob dabei der Spielspaß verloren geht oder nicht.

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Ich persönlich zähle mich teilweise zur zweiten und zu einem größeren Teil zur letzten Kategorie. Es gibt Spiele, bei denen ich von Anfang an weiß, dass ich einfach nicht genügend Lebenszeit besitze, um alle Trophäen*¹ zu erhalten und füge mich dem Schicksal, dass ich niemals 100 % erreiche. Dann gibt es wiederum aber auch solche Titel, bei denen es durchaus möglich ist, sie zu vervollständigen, wenn ich mich nur geschickt anstelle und jede Sekunde im Spiel darauf achte, ja keinen Fehler zu machen, damit mir nicht eine Trophäe durch die Lappen geht. Dies liegt schlicht und einfach in meiner Neigung zum Perfektionismus und dem Drang nach Abschluss begründet. Nicht nur eine unvollständige Trophäen-Liste, sondern auch eine Map mit lauter blinkenden Questmöglichkeiten macht mich wahnsinnig – und so verliere ich schnell den Blick für das Wesentliche, nämlich das eigentliche Spielgefühl. Es gab eine Zeit, in der ich mich mit einer Freundin um den höheren PSN-Level gestritten und einfach irgendwas gespielt habe, um mehr Trophäen zu besitzen als sie. Nun, mittlerweile bin ich zwei Level über ihr und besitze fünf Platin-Trophäen mehr als sie. Yippie? Heute kann ich nur den Kopf darüber schütteln und sehne mich nach der Zeit zurück, in der ich offenbar tatsächlich die Zeit für so etwas hatte.

Charakterklasse Monk: Mein Leben als Gamer mit Zwangsstörung*

*¹ Ich werde im Folgenden hauptsächlich von Trophäen sprechen, da ich mehr auf meinen PlayStation-Konsolen als auf meinen Xbox-Konsolen oder dem PC spiele

 

Blinde Jagd

Die ewige Jagd nach Trophäen hat mich oft blind gemacht und die Spielzeit bei einigen Titeln deutlich und künstlich verlängert. Während ich dies bei Favoriten-Titeln wie Heavy Rain genossen habe – meine erste Platin-Trophäe – nervt es mich bei anderen Spielen, weil ich nur noch auf die Vervollständigung der Liste achte, gelangweilt und angestrengt zugleich durch die Gegend renne um irgendetwas einzusammeln und das Spiel selbst aus den Augen verliere. Auf diese Weise habe ich mir beispielsweise auch Fallout 4 zerstört. Da es nicht möglich ist alle Trophäen in einem Durchgang zu erhalten, ohne strategische Speicherpunkte zu setzen und sie bei Erhalt der Belohnungen neuzuladen, habe ich mir bei etwa dreißig Spielstunden – als ich ahnte, dass die Chance, eine Trophäe zu verpassen, langsam gekommen war - einen Guide rausgesucht und begonnen, genau danach zu spielen. Dies führte dazu, dass mein komplettes Spielgefühl sich verändert hat. Zuvor hat es mir unendlich viel Spaß gebracht durch das Ödland zu ziehen und zu tun und zu lassen, was ich wollte, doch jetzt musste ich jede Dialogoption genau beachten und danach handeln, damit ich ja nicht noch einmal den Speicherpunkt laden musste. Zwar habe ich den Storyweg des Guides nicht beachtet und eine andere Reihenfolge benutzt, damit ich am Ende zumindest mit meiner gewünschten Fraktion die Geschichte beenden kann, aber dennoch wurde es nur noch zu einer Anstrengung anstatt zu einer Bereicherung. Ich habe den Titel bis heute nicht beendet – was wahrscheinlich der Fall wäre, wenn ich einfach so gespielt hätte.

Steam-Sammelkarten erhalten, verkaufen - und wozu das Ganze?*

Jetzt mögen viele denken: Ja dann höre doch einfach auf die Listen vervollständigen zu wollen! Das ist leichter gesagt als getan. Wie gesagt, ich habe ein dringendes, tief psychologisch verankertes Bedürfnis nach Abschluss, das befriedigt werden will. Egal, wie. Und genau auf dieses Bedürfnis zielen die Achievements und Co. ab. Die Entwickler werden bestimmte Trophäen nicht ohne Grund besonders schwer machen: Auf diese Weise befasst ihr euch nämlich länger mit dem Titel als ihr eigentlich könntet. Mein Mammut-Beispiel dafür ist Hatsune Miku Project Diva F 2nd. Der Spaßfaktor ist bei mir dort zwar immer noch vorhanden, doch ich versuche seit Release die Platin-Trophäe zu erhalten und bin nicht einmal bei der Hälfte angelangt, da viele Belohnungen vom puren Zufall abhängen. Irgendwann werde ich sie erhalten, irgendwann!

Nun aber wieder Spaß beiseite. Ich mag die Telltale-Spiele nicht nur aufgrund der Geschichte und den Mechaniken so gerne. Die relativ kurze Spielzeit ist ein großer Pluspunkt*², aber auch die Tatsache, dass ich mir sicher sein kann, dass ich nach einmaligem Spielen definitiv die Platin-Trophäe in der Tasche habe. Das Gefühl von Abschluss und Genugtuung ist von Beginn an da, weil ich genau weiß, dass ich sie bekomme – egal, wie ich mich entscheide. Dies lässt mich tatsächlich lockerer und freier zocken als bei vielen anderen Spielen.

*² Zum Thema Spielzeit habe ich vor kurzem einen Artikel geschrieben, den ihr euch auch zur Gemüte führen solltet

Fluch oder Segen?

Nun, obgleich ich der Sucht zwar erlegen bin und sie nahezu fröne, ist es dennoch genau das: Eine Sucht. Aus diesem Grund sind die Belohnungen für mich eher ein Fluch, denn in letzter Zeit merke ich, dass ich Nintendo-Spiele immer mehr außer Acht lasse, weil ich weiß, dass es dort kein Achievement-System gibt. So paradox das klingen mag, denn eigentlich sollte mich doch das völlige Fehlen eines solchen doch lockerer spielen lassen, aber nein. Dann fehlt mir wiederum der Ansporn und tief in meinem Inneren scheine ich mich zu fragen: Warum dann überhaupt? Und genau das ist schade. Ich kann also nur an alldiejenigen, denen es so wie mir geht, appellieren: Lasst die Trophäen links liegen. Konzentriert euch wieder auf das einzig Wahre: Das Spiel selbst. Denn dann ergeht es euch nicht so wie mir bei Fallout 4. Es mag schwer sein, doch irgendwann werdet ihr es schaffen.

Hoffentlich.

 

 

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2019 war ein tolles Jahr für Gamer auf jeder Plattform. Allerdings gab es auch eine Handvoll Spiele, die einfach nur ein Schlag ins Gesicht waren. Jetzt dürft ihr uns verraten, welche Titel euch in diesem Jahr so richtig enttäuscht haben.

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