Von der Geburt bis zum Tod: Wie Spiele altern und sterben

Alexander Gehlsdorf

Nicht nur Menschen, auch Spiele altern – und durchleben dabei ganz ähnliche Lebensphasen. Welche Phasen das sind und was letztendlich zum Tod eines Spieles führen kann, habe ich mir einmal genauer angesehen.

Dieser Artikel gehört zu einer ganzen Reihe an Artikeln, die wir im Rahmen unserer Themenwoche „Spiele im Alter“ veröffentlichen. Alle Artikel, die noch bis zum 10. Februar 2019 auf GIGA GAMES zum Thema erscheinen, findest du auf unserer Übersichtsseite zu „Spiele im Alter“.

Ganz so unähnlich sind wir uns gar nicht, wir Menschen und die Spiele. Wir werden geboren, wachsen heran, behaupten uns in einer großen, erbarmungslosen Welt und sterben eines Tages aus den unterschiedlichsten Gründen. Wie genau sieht aber der Lebenslauf eines Spiels aus? Und welche Todesursachen sind besonders prominent?

Die Geburt

Wenn sich einige Entwickler ganz doll lieb haben und gemeinsam an die Zukunft denken, dann passiert es nicht selten, dass noch im selben Jahr ein Spiel das Licht der Welt erblickt. Also zumindest ein allererster Prototyp, dem in der Regel zwar noch Texturen, Story, Missionen und eigentlich auch alles andere fehlt, die Entwickler-Eltern sind aber trotzdem schon jetzt stolz wie Bolle und gespannt, wie das kleine Herzensprojekt in den kommenden Jahren so heranwachsen wird.

Laufen und Sprechen lernen

Es gibt immer wieder Ausnahmen, bei denen alles deutlich schneller geht, in der Regel dauert es aber ein bis zwei Jahre, bis die Spiele Form annehmen und so langsam all das lernen, was sie später im Alltag brauchen werden. Die Chat-Funktion wird eingeführt, das Inventar eingebaut und fleißig an der Story gefeilt. Die ersten Missionen lassen sich bereits am Stück durchspielen. Klar, dass die ersten Versuche häufig noch scheitern und auch der ein oder andere Software-Absturz unvermeidbar bleibt. Für den Notfall also immer einen IT-Experten samt Wickeltisch bereit halten.

Wir haben als Kinder doch alle Verbotenes getan, oder?

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8 Spiele deiner Kindheit, die du eigentlich gar nicht hättest zocken dürfen.

Die peinliche Pubertät

Eigentlich ist alles fertig und kann der Öffentlichkeit präsentiert werden. Eigentlich. Aber während zuhause vor dem Spiegel noch alles super funktioniert, wird im Ernstfall plötzlich kein Fettnäpfchen mehr ausgelassen. Noch schlimmer: In den sozialen Netzwerken zerreißen sich vermeintliche Freunde das Maul und wünschen dem Spiel nur das Schlimmste. Eine harte Zeit, doch schon kurze Zeit später beginnt der Ernst des Lebens.

Wie es im Leben eines Spiels nach dem Release weitergeht, dürfte bekannt sein. Die einen feiern große Erfolge, die anderen starten erst nach einigen Jahren richtig durch oder verschwinden in der Versenkung. Patches, DLCs und eine aktive Community halten die Spiele am Leben und verändern die Spielerfahrung mitunter sogar vollständig. Spannend ist jedoch die Frage, aus welchen Gründen Spiele eines Tages sterben.

Vorbild Film: Die Unsterblichkeit

Filme sind unsterblich, oder? Werke von Charlie Chaplin und Buster Keaton sind problemlos im Handel erhältlich, Frühwerke von Pionieren wie den Lumiere-Brüdern sind in hoher Qualität auf YouTube abrufbar und Klassiker wie Vom Winde verweht werden sogar ab und an noch in Kinosälen gezeigt. Das stimmt soweit, ist aber keine Selbstverständlichkeit.

Statistisch gesehen sind die Hälfte aller vor 1950 produzierten Filme und 90 Prozent aller vor 1929 produzierten Filme verschollen! Schuld daran sind unter anderem Unfälle wie Brände, bei denen das empfindliche Filmmaterial zerstört wurde. Teils waren es jedoch auch rein finanzielle Entscheidungen, um etwa Lagerplatz zu schaffen oder erfolglose Filme zu entsorgen. Schließlich wurden Filme damals in erster Linie als entbehrliche Unterhaltungsprodukte angesehen und nicht als Kulturgut. Selbst von Doctor Who, der wohl populärsten britischen Kultserie überhaupt, fehlen zahlreiche Episoden der ersten Staffeln, da die Vorstellung, dass jemand daran Interesse haben könnte, eine TV-Episode mehrmals anzusehen, noch absurd schien.

Und lange Zeit ging es Videospielen nicht anders.

Alter hat häufig keinen Einfluss auf die Qualität eines Films:

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Top 30: Das sind die besten Filme aller Zeiten.

Darum sterben Videospiele

Manche Videospiele sind auch nach mehr als 30 Jahren noch Dauerbrenner. Das originale Super Mario Bros. erschien bereits 1985 und ist dank Nintendo Switch Online und NES Classic noch immer allgegenwärtig. Die meisten Spiele haben jedoch kein derartiges Glück und sind schon seit langem in der Versenkung verschwunden. Das kann unterschiedliche Gründe haben:

Mangelnde Verfügbarkeit

Während heute praktisch jedes Spiel auch digital erscheint und damit theoretisch bis an dein Lebensende in der Steam-Bibliothek geduldig auf den Download wartet, erschienen Spiele vor gar nicht all zu langer Zeit ausschließlich im Laden.

Wer im Jahr 2019 noch das fantastische Tony Hawk’s Pro Skater 3 spielen will, hat hoffentlich noch das Original im Schrank stehen. Alternativ ist ein glückliches Händchen auf eBay gefragt, denn eine Download-Version des Spiels gibt es offiziell nicht. Anbieter wie GOG.com haben sich auf den Erhalt klassischer Spiele spezialisiert, sodass diese auch eine digitale Zukunft haben, dennoch profitieren davon in erster Linie bekannte Marken und Spielereihen. Ein enormer Teil der Spiele, die vor 2010 erschienen sind, existieren heute nur noch in gut gepflegten Archiven. Oder gar nicht mehr.

Ausgelaufene Lizenzen

Ein auf den ersten Blick banales Problem, das trotzdem für das Verschwinden diverser Videospiele verantwortlich ist, sind ausgelaufene Lizenzen. Lange Zeit war etwa das 2002 erschienene Mafia nicht auf Steam erhältlich, da die Lizenz für die im Spiel verwendete Musik ausgelaufen war. Seit 2017 ist das Spiel wieder verfügbar – jedoch ohne den ikonischen Soundtrack.

Auch die beiden Kult-Shooter No One Lives Forever und der 2003 erschienene Nachfolger sind in keinem Download-Portal zu finden, da die komplizierte Frage, wer genau eigentlich die Rechte an den Spielen besitzt, nicht zu klären ist.

Manche Spiele sind schon verschollen, bevor sie überhaupt erscheinen:

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10 verschollene Spiele, die wir 2018 vermissen.

Fehlende Hardware

1989 erschien der Atari Lynx, ein Handheld, das seinerzeit dem Gameboy Konkurrenz machen sollte. Erfolg hatte Atari damals nicht damit, dennoch sind einige Spiele für das gescheiterte Gerät entstanden – die vermutlich niemals wieder jemand spielen wird. Oder hast du noch einen Atari Lynx im Schrank?

Selbst bei weit weniger obskuren Konsolen und Spielen ergibt sich ein ähnliches Problem. So entstanden etwa zahlreiche Spiele für das SEGA Master System und das Nintendo Entertainment System, die heute längst verschollen wären – gäbe es da nicht die Raubkopierer und die Emulator-Szene.

Ausgerechnet die vermeintlichen Software-Diebe sind nämlich zu einem wesentlichen Teil dafür verantwortlich, dass das Erbe der 8-bit- und 16-bit-Ära bis heute erhalten geblieben ist. 2017 stellte sich sogar heraus, dass von Nintendo im E-Shop angebotene Spiele mitunter auf Emulator-Roms basieren. Dankbar zeigt sich das Unternehmen dafür jedoch nicht, sondern geht rigoros gegen derartige Urheberrechtsverletzungen vor. Aus juristischer Sicht ist das natürlich ihr gutes Recht, Kultur-historisch darf dies hingegen gern von jedem selbst beurteilt werden.

Glücklicherweise findet in dieser Hinsicht seit einigen Jahren ein Umdenken statt, so wie es letztendlich auch beim Film passiert ist. Spiele werden zunehmend als Kulturgut angesehen, Archive entstehen, Steam, GOG und andere Anbieter stellen Klassiker zum Download bereit und Konsolen-Hersteller veröffentlichen Retro-Konsolen. Und vielleicht werden die ein oder anderen Spiele dadurch sogar uns Menschen überleben. Wer weiß.

Videospiele vorbestellen: Eure Meinung ist gefragt

Oftmals fühlt sich die Zeit von der ersten Ankündigung bis zur finalen Veröffentlichung eines Spiels wie eine Ewigkeit an. Das machen sich die Publisher natürlich längst zunutze und locken mit attraktiven Vorbestellungen. Daher fragen wir euch: Wie steht ihr zu dem Thema?

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