Wenn Mama und Papa ihren ersten Headshot machen

Franziska Behner 3

Damit Eltern besser verstehen, was Kinder den ganzen Tag vor dem Bildschirm machen, bietet die Bundeszentrale für politische Bildung eine LAN-Party für Erwachsene an. Um herauszufinden, was das genau bedeutet, warum das Angebot rege genutzt wird und wie eine Eltern-LAN abläuft, haben wir mit den Veranstaltern gesprochen.

Dieser Artikel gehört zu einer ganzen Reihe an Artikeln, die wir im Rahmen unserer Themenwoche „Spiele im Alter“ veröffentlichen. Alle Artikel, die noch bis zum 10. Februar 2019 auf GIGA GAMES zum Thema erscheinen, findest du auf unserer Übersichtsseite zu „Spiele im Alter“.

Während Begriffe wie Fortnite, Season-Pass und looten inzwischen schon zu unserem alltäglichen Wortschatz gehören, verstehen Eltern oft nur Bahnhof. In den letzten Jahren ist die Technik schnell vorangeschritten und auch die Videospielindustrie erlangte deutlich mehr Popularität. Mittlerweile ist in nahezu jedem Haushalt mindestens ein Computer zu finden, ganz abgesehen von Spielekonsolen, die auch immer öfter Einzug in Familien halten.

Zocken wird immer cooler

Es ist längst nicht mehr so, dass das Zocken versteckt werden muss oder will. Diese Entwicklung zeigen Handheld-Konsolen wie die Nintendo Switch, die dafür konzipiert wurde, neben dem Spaß auf der Couch auch unterwegs Langeweile zu vertreiben. Während Konsolen und der Computer die wohl auffälligsten Beispiele sind, lassen sich auch viele Games auf dem Handy spielen und sogar Amazon’s Alexa bietet Skills zum Zocken.

Die allgemein herrschende Meinung, zockende Kinder hätten keine Freunde, seien „Nerds“ und unbeliebt, hat sich (zum Glück) mit der Zeit gelegt. Doch obwohl unter dem Weihnachtsbaum vieler Familien eine Konsole oder das neuste AAA-Game lag, wissen Eltern meist gar nicht so recht, in welche Welt die Kinder da eintauchen. Bei Gleichaltrigen ist daddeln also durchaus kein Tabuthema mehr, bei den Eltern aber trotzdem nach wie vor.

Was Spielen die Kinder überhaupt?

Viele der heutigen Eltern sind nicht mit Gaming aufgewachsen und können den gelangweilt dahingeklatschten Erklärungen im Jugendjargon kaum Folgen. Da ist es fast logisch, dass Eltern misstrauisch werden und mit der Zeit sogar eine eher negative Haltung gegenüber diesem Hobby ihrer Kinder entwickeln. Getreu dem Motto: „Was wir nicht begreifen können, kommt uns komisch vor.“ Das ist eine natürliche Abwehrhaltung und lässt sich oft nur durch wirkliches Erfahren und Verstehen abwenden.

Eltern-LAN der Bundeszentrale für politische Bildung

Für interessierte oder einfach neugierige Eltern gibt es seit 2008 eine Veranstaltungsreihe mit dem Namen Eltern-LAN, die mit genau solchen unweigerlichen Vorurteilen aufräumen will. Außerdem lernen Eltern so, was es mit dieser Freizeitgestaltung auf sich hat und bekommen pädagogisch einen ganz anderen Zugang zu ihren Kids. Obwohl sich das Programm vom Namen her zwar an Eltern wendet, wird das Angebot durchaus auch von Lehrern genutzt. Schließlich sind sie für viele Jahre mehrere Stunden in der Woche die Aufsichts- und Bezugsperson der Kinder und gewinnen so eine neue Sicht, die sich auch in den Unterricht integrieren lässt.

Kennst du dich besser mit Gaming aus als der Großteil der Spieler? Dann beweise, dass du all diese Logos erkennst:

Als dritten Beweggrund für die Gründung der Seminare nennt Matthias Thanos, der Pressesprecher von Eltern-LAN: „Eltern sind Expertinnen und Experten ihrer Kinder. {….} Gleichzeitig sind sie bis zu einem gewissen Alter der Kinder auch immer Rollenvorbild. Aufgrund dieses besonderen Charakters der Eltern-Kind-Beziehung sollten Eltern eine stärkere Verantwortung für das Medienhandeln ihrer Kinder übernehmen.“

Inhalte richten sich nach aktuellen Schwerpunkten und Problemen

Als die Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen wurde, lag der Fokus noch auf der Gewaltdarstellung und genereller Anwendung von Gewalt in Videospielen. Das ist auch gar nicht verwunderlich, erinnern wir uns zurück an den Amoklauf im Erfurter Gutenberg-Gymnasium im Jahre 2002. Während der Ermittlungen wurde damals medienwirksam berichtet, dass der Junge seine Freizeit gerne mit „Ballerspielen“ verbrachte und das ja sicherlich ein Grund für seine Aggressionen und den letztendlichen Amoklauf gewesen sei.

Das ist alles schon einige Jahre her, die Angst der Eltern ist allerdings geblieben. Und genau das ist einer der vielen Gründe, weshalb das Interesse an den Eltern-LANs so groß ist. Auch die Neugier spielt dabei natürlich eine große Rolle. Im Laufe der Jahre, so erzählte uns Thanos, ist auch die teils umfangreiche Spielzeit, die ihre Kinder vor dem Bildschirm verbringen, als wichtiges Thema in den Fokus gerückt.

In den Veranstaltungen, die von Medienpädagogen abgehalten werden, können Eltern, Lehrer und sogar Großeltern zusammentreffen, die ganz unterschiedliche Erfahrungen mit der Themenwelt des Gaming gemacht haben. Neben Erklärvideos gibt es eine Spielphase, in der die Teilnehmer selbst die Hand an die Maus legen, gefolgt von einer Reflektionsphase.

Die Art der Spiele wird dabei immer an den Veranstaltungsort angepasst. So liegt der Schwerpunkt in Grundschulen eher auf Minecraft, weil das Game nach wie vor allem bei den Jüngeren äußerst beliebt ist. Für ältere, aber noch minderjährige Kinder wird oft Call of Duty ausgewählt. Diese Spielereihe verfügt über keinerlei Jugendfreigabe, darf also theoretisch erst ab 18 Jahren gespielt werden. Trotzdem haben es viele Jugendliche bereits auf ihren Konsolen oder Rechnern installiert und ziehen in den simulierten Krieg gegeneinander oder gegen die KI.

Der erste Schuss – der erste Tod

Es wird nicht erwartet, dass die Teilnehmer plötzlich zum Videospiel-Fan bekehrt werden oder ihre Meinung zu dem Erlebten völlig ändern. Aber man möchte zu einer „eigenen Willensbildung befähigen“. Dazu auch die verschiedenen Phasen während des kleinen Seminars. Erfahrungen nach sehen die Eltern oder Großeltern, aber auch das Lehrpersonal die Gamingwelt dann mit ganz anderen Augen, haben sie erst einmal selbst Erfahrungen mit dem Thema gesammelt.

Beim Spielen und der Reflektionszeit danach kommen spannende Erkenntnisse hervor, von denen uns die Veranstalter erzählt haben. Die Jubelrufe der Kinder, wenn sie in Fortnite oder einem anderen kompetitiven Game einen Gegner schlagen, ist für Eltern sicher oft durch die geschlossene Zimmertür zu hören. Aber was passiert eigentlich, wenn Mama und Papa ihren ersten Headshot machen?

„Viele sind überrascht, dass sie sich freuen, wenn sie in einem Shooter jemanden abschießen.“

Es gibt aber auch immer wieder Teilnehmer, die sich mit der Situation überfordert fühlen und/oder merken, dass Videospiele gar nicht so einfach ist, da sie durchaus ein hohes Maß an Konzentration sowie motorische Fähigkeiten fordern. Außerdem sind viele Spiele taktisch anspruchsvoll, was vielen erst nach einem solchen Termin richtig klar wird. Und auch solche Eltern gibt es, die trotz der besuchten Veranstaltung immer noch nichts Positives mit Gaming verbinden können. Thanos sieht das gelassen, schließlich wolle man niemanden umstimmen, sondern lediglich eine neue Sichtweise ermöglichen.

Welche Erfahrungen die Mutter Constanze Schwan mit dem Eltern-LAN gemacht hat und welches Fazit sie zieht, ist in dem Video der bpb zu sehen:

Pädagogische Betreuung im Mittelpunkt

Vor allem der Part, in dem die Teilnehmer miteinander über das Erlebte diskutieren, gehört zu den wertvollsten Momenten. Obwohl ihre Hintergründe teils ganz verschieden sind, haben alle teilnehmenden Eltern und Lehrer an diesem Abend ähnliche Erlebnisse gemacht, die nun eingeordnet werden wollen. Oft ist es auch so, dass die Besucher der Veranstaltung die Spiele kennen, aber nicht wissen, wie sie damit pädagogisch im Kreis der Familie umgehen sollen. Der durch Medienpädagogen geführte Austausch helfe dabei.

Auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung können sich Interessierte zu den Veranstaltungen anmelden oder einfach auf Spielbar.de ein bisschen stöbern. Diese Seite wird ebenfalls von den Veranstaltern betrieben. Dort berichten sie über medienpädagogische Beurteilungen im Blick auf Risiken und Chancen von digitalen Spielen. Der pädagogische Aspekt steht also im Fokus. Es soll weniger über neuste Updates informieren, sondern vor allem ein bisschen Hintergrundwissen vermitteln.

Gaming früher vs. Gaming heute: Da hat sich viel geändert!

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Begriffe, die jeder Gamer von früher kennt.

Was hältst du davon, dass es von Pädagogen betreute LANs für Eltern und Lehrer gibt? Denkst du, damit und durch das selber Spielen kann tatsächlich besser zwischen Eltern und spielenden Kindern oder Jugendlichen vermittelt werde? Oder findest du, jedes Elternteil sollte selbst wissen, wie mit ihren Sprösslingen umzugehen ist? Schreibe uns deine Meinung und auch deine Erfahrung zum Thema in die Kommentare.

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