Wie die japanische Spielebranche es schaffte, wieder relevant zu werden

Sandro Kreitlow

In den letzten 10 Jahren hieß es oft, japanische Spiele seien irrelevant geworden. Im Jahr 2017 angekommen feuert dir Japan nun allerdings einen nach dem anderen hochwertigen Titel um die Ohren. Wie hat die japanische Spielebranche es geschafft, wieder relevant zu werden? 

Wie die japanische Spielebranche es schaffte, wieder relevant zu werden

Der Tekken-Schöpfer Katsuhiro Harada merkte in einem Interview an, dass die japanische Spieleentwicklung nach wie vor tot sei, obwohl das erste Halbjahr 2017 enorm starke Titel aus Japan hervorbringt. Hat der Mann hinter Tekken recht?

Beginnen wir mit einem Rückblick. 2007 zählte als Höhepunkt der japanischen Spielebranche. Mehr als 688 Mrd. Yen (6,08 Mrd. Euro) konnten durch Heim-und Handheld-Konsolen erwirtschaftet werden. Nach dem Zeitalter der PlayStation 2 gab es jedoch einen klaren Bruch in der japanischen Spieleindustrie. Seitdem verkauften sich Jahr für Jahr weniger Plattformen, der Markt war 2015 nur noch 321 Mrd. Yen (2,83 Mrd. Euro) wert. In acht Jahren ist der Wert also um mehr als die Hälfte geschrumpft.

Probleme im HD-Zeitalter

Nachdem japanische Entwickler primär für die Sony-Konsole entwickelten, gab es drei neue Optionen:

  1. die Xbox 360, für die es zwar einfach war, zu entwickeln, die aber so gut wie keine Rolle für Videospiel-Fans im nahen Osten spielte
  2. die PlayStation 3, dessen Entwicklung nicht nur kompliziert, sondern auch teuer war
  3. die Wii, die zwar preiswert war und sich enorm gut verkaufte, aber wenig Third-Party-Unterstützung bot und vor allem bei High-End-Technik-Fans keinen Gefallen fand

Mit dem Umschwung in das HD-Zeitalter kamen jedoch vermehrt Probleme auf. Selbst große Marken wie Final Fantasy konnten nicht erfolgreich umgesetzt werden, Final Fantasy 13 scheiterte vor allem daran, dass nicht genug Entwicklungsdauer und Mittel zur Verfügung waren, um dem erfolgreichsten Spiele-Franchise Japans gerecht zu werden.

Weitere Spiele scheiterten an diesem Problem, einige Projekte wie The Last Guardian erschienen erst in der darauffolgenden Konsolengeneration, Final Fantasy Versus XII wurde komplett über Bord geworfen und erschien ebenfalls in der neuen Konsolengeneration als Final Fantasy 15. Aufgefangen werden konnte dies nur durch den Mobile-Markt. In Japan machte die Spiele-Industrie einen Rekordumsatz von fast 8,6 Mrd. Euro, allein 5,19 Mrd. Euro daraus bilden sich durch Mobile- und PC-Games. Letztere besteht in Japan größtenteils allerdings aus Free-to-Play-Titeln. Der Konsolenmarkt schrumpfte, der Mobile-Markt hingegen bricht ständig Rekorde.

Die Schlussfolgerung: Japanische Entwickler waren gezwungen, vermehrt den westlichen Markt zu bedienen. Dieser boomte in Folge von UnchartedMass Effect, The Last of Us, Fallout, Skyrim und Co. Um westliche Videospiel-Fans zu erreichen, mussten nun westliche Entwickler ans Boot geholt werden - dachten sich zumindest japanische Publisher. Die Rechnung ging nicht auf, Capcom konnte weder mit Lost Planet 3, noch mit DmC: Devil May Cry und Remember Me Erfolge feiern, ebenso wenig wie Konami mit Silent Hill: Downpour und Neverdead. Denn eines hatte die japanische Spieleindustrie zu diesem Zeitpunkt noch vergessen:

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Präsentation ist wichtiger als Technik

Abgesehen von der Dark Souls-Reihe von From Software gelang es den Publishern und Entwicklern aus Japan auch im Westen Erfolge zu verbuchen, ohne sich optisch zu sehr anzupassen. Das hat einen ganz einfachen Grund: Die japanischen Entwickler haben es verstanden, dass es nicht die Technik ist, die zählt. Anders als Microsoft, das nun mit der Xbox One X auf Technik setzt, liegt der Fokus für Entwickler in Japan auf Kreativität und Vielseitigkeit in den Spielen. Das machte sich nun bezahlbar:

The Legend of Zelda – Breath of the Wild im Test: Aufbruch in eine neue Welt.

All diese Titel kopieren nicht westliche Erfolgskonzepte. Sie sind einzigartig und innovativ, wodurch sie sowohl Fans als auch Kritiker überzeugen können. Spiele aus Japan trumpfen plötzlich wieder auf, während der westliche Markt abgesehen von Horizon: Zero Dawn zu schwächeln scheint. Titel wie Mafia 3Mass Effect: Andromeda und Ghost Recon Wildlands passten sich dem Markt zu sehr an und scheiterten vor allem an der Open World, auch For Honor ging nach kürzester Zeit unter. Kreativität ist vor allem in Japan zu finden.

NieR - Automata im Test: Eine Ode an die Menschheit

Erfolg der Spiele über Japan hinaus

Der Nintendo 3DS ist der dritterfolgreichste Handheld aller Zeiten in Japan. Weltweit ist der Nintendo DS sogar die zweiterfolgreichste Konsole aller Zeiten. Während die PlayStation 3 weltweit etwa 80 Millionen Exemplare und davon etwa einen Achtel in Japan verkaufen konnte, wird es nicht mehr lange dauern, bis die PlayStation 4 ihren Vorgänger überholt (Stand Juni 2017: 60,4 Mio. Exemplare). Zwar wurden davon nur 4,68 Mio. Exemplare in Japan verkauft, doch besonders am Erfolg von NieR: Automata wird klar, dass japanische Spiele im Westen schon seit der Wii nicht mehr so relevant waren, wie jetzt. Der neueste Titel von Platinum Games konnte weltweit schließlich eine Million mal verkauft werden. Während die japanische Spielerschaft sich immer mehr von klassischen Konsolen abwendet, finden die Spiele im Westen ihre Fans.

Die Meinung des Tekken-Schöpfers Katsuhiro Harada ist damit nicht ganz nachvollziehbar, zumal ambitionierte Spiele wie Ni No Kuni 2, Xenoblade Chronicles 2, Dragon Quest 11, Kingdom Hearts 3, Death Stranding, Shenmue 3 und das Final Fantasy 7 Remake noch bevorstehen. Nicht nur die japanischen Spieler, sondern auch Videospiel-Begeisterte hierzulande können sich auch zukünftig auf eine Vielfalt von Spielen freuen. Japan ist zurück!

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