Ant-Man Filmkritik: Ist das hier Marvels erster Flop? 

Tobias Heidemann 7

Was passiert eigentlich, wenn Marvel den ersten Flop kassiert? Bisher besteht das imposante Kartenhaus, dessen Spitze inoffiziell bis in das Jahr 2028 reicht, nur aus Assen. Der kommerzielle Knick lässt auch weiterhin auf sich warten. Die bis dato wohl unwahrscheinlichsten Kandidaten für einen Erfolg starteten unter dem sperrigen Namen „Guardians of the Galaxy“ und wurden im Vorfeld ihres Starts vielerorts als kristallklares Kassengift verschrien. Doch es sollte anders kommen. Die „Guardians“ räumten mächtig ab. Marvels Lauf blieb ungebremst. Mit „Ant-Men“ steht das Marvel Cinematic Universe nun vor seiner nächsten, großen Feuerprobe. Es dürfte die schwerste werden.

Die Ähnlichkeiten sind offenkundig. Wieder stammt der Held nicht aus der ersten Garde. Wieder haftet ihm die Aura des Schrägen an. Erneut gilt es das Marvel Universum um ein bisher unbedientes Film-Genre zu erweitern. Doch während Star-Lord und seine Guardians eine der besten Trailer-Kampagnen der letzten Jahre, die historische Überfälligkeit einer bunten Space-Opera und das Comic-verknallte Regie-Spielkind James Gunn auf ihrer Seite hatten, bringt der arme „Ant-Man“ nur ein Messer zu einem Gunfight.

Nicht nur wurde mit Edgar Wright ein Regisseur mit erkennbarer Handschrift von Marvel während der Produktion geschasst, auch die eher schlaffen Trailer und das nischigere Gerne des Heist-Films vermochten dem problematischen Projekt bisher nicht den nötigen Rückenwind zu geben. Mit Peyton Reed („New Girl“, „Der Ja-Sager“, „Girls United“) wurde zudem ein drittbester Nachrücker für den Regiestuhl verpflichtet, dessen erster Beitrag vor allem darin bestand, ein weiteres Fragezeichen hinter „Ant-Man“ zusetzen. Nicht die besten Vorrausetzungen für eine Überraschung.

Ant-Man Filmkritik: Nicht die besten Voraussetzungen

Und tatsächlich sieht es nach der ersten Stunde „Ant-Man“ ganz so aus, als würden sich einige der Befürchtungen bestätigen. Die Gewöhnungszeit für Paul Rudds (Ant-Man/Scott Lang) Wechsel in die Sphäre der Superhelden ist bedenklich lang, Regisseur Peyton Reed ist etwas zu bemüht, die kreativen Geister, die Edgar Wright rief, Marvel-konform zu zähmen und die Identität des Films geht ein paar Mal zu oft im Niemandsland zwischen Action und Komödie verloren.

Zwar ist man geneigt, den etwas holprigen Einstieg als emotionale Aufbauarbeit zu verzeihen, doch die Abwesenheit echter Lacher und beeindruckender Action-Sequenzen macht es selbst dem geneigten Marvel-Fan überaus schwer, sich eingangs in den „Ant-Man“ zu verlieben.

Dabei scheint das größte Problem des Films in dieser Phase weniger darin zu bestehen, was er ist – als vielmehr darin, was er alles nicht ist. „Ant-Man“ unterhält nämlich als eine luftig-gefällige Mixtur aus dem gewohnten Origin 1×1 und fortwährendem Schmunzeln ganz gut.

Der stets zuverlässige Corey Stoll lehnt sich mit allem was er hat gegen die Tatsache auf, dass sein Darren Cross aka Yellowjacket nur ein blasser Bösewicht von der Stange ist. Michael Douglas gibt der für das Marvel Universum enorm wichtigen Figur des Dr. Hank Pym die nötige Tiefe und Paul Rudd mimt nach den Regeln seiner Comedy-Kunst den chronisch Überforderten. Meist lustig, immer sympathisch aber sehr erwartungsgemäß krabbelt der „Ant-Man“ artig auf sein Ziel zu.

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Ant-Man Filmkritik: Ungenutzte Chancen

Was „Ant-Man“ dabei über weite Strecken aber leider fehlt, sind die Schenkelklopfer, die visuellen Aha-Effekte, die Überraschungen und das Drama. Wer die Comics kennt, wird sich zum Beispiel fragen, warum ausgerechnete das komplexe Vater-Tochter-Verhältnis zwischen Scott Lang und Cassie Lang ins Eindimensionale gekippt wurde.

Ja, Paul Rudd darf auch im Film heimlich am Bettrand seiner Tochter knien und hoffen, dass er ihr eines Tages ein besserer Vater sein kann. Von der Dringlichkeit der Vorlage, vom scheinbar aussichtslosen Kampf ums Überleben der Tochter ist im Film indes keine Spur. Eine von vielen seltsamen Entscheidungen.

Ähnlich verhält es sich mit den CGi-Miniatur-Sequenzen. Die machen durchaus Spaß und hübsch anzusehen sind. Und doch sind sie geprägt von dem Gefühl, dass hier auch etliche Chancen ungenutzt blieben. Anstatt uns in eine abenteuerliche Welt gigantischer Staubkörner und riesiger Stecknadeln zu entführen, ist in „Ant-Man“ eben alles nur deutlich kleiner. Es fehlt der kindliche Zauber, den Filme wie „The Borrowers“, „Honey, I Shrunk the Kids“ oder “Arrietty“ durch ihren schlichten Perspektivwechsel zu versprühen wussten.

Zwar hat auch „Ant-Man“ visuell ein paar ganz clevere Einfälle, doch Peyton Reed vermag sie zu keinem Zeitpunkt zu einem stilistisch stimmigen oder gar erstaunlichen Ganzen zu vereinen. Der Blick aus Scott Langs Augen ist nicht das Wunder, das es hätte sein können.

Ende gut – vieles besser

Was „Ant-Man“ vor der beliebigen Mittelmäßigkeit rettet, sind sein flottes Finale und sein deutlich treffsicherer Humor auf der Zielgeraden. In dem Moment, in dem Scott und seine Liga der außergewöhnlichen Sidekicks etwas Handfestes zu tun bekommen, vollzieht der Streifen eine willkommene Wandlung.

Plötzlich weiß sich „Ant-Man“ als angenehm eigenständiger Beitrag im Marvel-Cosmos zu behaupten. Das Thema lautet Heist, die Regel und Rollen sind gut verteilt und die Gangs liefern sich einen zunehmend unterhaltsameren Schlagabtausch mit der spürbar steigenden Spannung.

Selbst, dass man die einzige wirklich nennenswerte Wendung des Films aus größter Entfernung kommen sieht und dass sich bisweilen gigantische Logiklöcher auf der Ameisenstraße auftun, lässt sich hier nun problemlos verschmerzen. Zu dicht drängen sich die absurden Ideen, zu komisch sind die Einfälle, die Wrights Drehbuch für den epischen Teppichboden-Kampf zwischen „Ant-Man“ und „Yellowjacket“ vorgesehen hat, als dass man sich über die vielen kleinen Verfehlungen noch großartige Gedanken machen würde.

Und am Ende hat „Ant-Man“ dann sogar noch ein kleines, feines Effekt-Ass im Ärmel, das man – im Gegensatz zu fast allen anderen wirklich gelungenen Szenen und Gags – noch nicht im Trailer zerspoilert bekam. Viel ist das nicht, aber es reicht, um „Ant-Man“ wohlwollend den Rücken zuzukehren.

Fazit

Nach „Guardians of the Galaxy“ und „Avengers: Age of Ultron“ verliert Marvel mit „Ant-Man“ ein bisschen an Momentum. Zwar ist man weiterhin auf Kurs, doch diese schöne Überraschung, die clevere Hinterhand, die die Optimisten unter uns der eher nüchternen Trailer-Kampagne insgeheim entgegengesetzt hatte, die bleibt leider aus.

Peyton Reeds Nachlassverwaltung des einstigen Edgar Wright-Projekts braucht zudem etwas zu lang, um seine Identität als Action-Komödie zu finden. Dass der Film in der zweiten Hälfte einen Großteil seiner anfänglichen Probleme durch einen überfälligen Tritt aufs Gas beseitigt und sich fortan als komischer, kreativer und letztlich eigenständiger Eintrag im Marvel Universum zu behaupten weiß, sorgt für die nötige Beschwichtigung. Kaum jemand dürfte „Ant-Man“ mit Gram verlassen. Noch weniger allerdings mit echter Begeisterung.

Was man „Ant-Man“ indes noch hoch anrechnen darf, ist die Verringerung der Einstiegshürde. Von den obligatorischen Weichenstellung für kommende Projekte und den gelegentlichen Exkursen zu bekannten Sehenswürdigkeiten des Marvel-Universums einmal abgesehen, funktioniert „Ant-Man“ als eine sympathische Heist-Klamotte für jedermann. Wer genau das für einen lauen Sommerabend sucht, der wird von „Ant-Man“ auch garantiert nicht enttäuscht.

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