Das Multiplex-Prinzip: Macht das moderne Kinoerlebnis eigentlich noch Spaß? Ein Gegenbericht

Tobias Heidemann 22

Wie war das doch gleich mit dem Frosch im kochenden Wasser? Ihr wisst schon. Egal. Jedenfalls, letzte Woche sind ein paar Freunde von mir wider der bekannten Metapher dann doch aus dem Topf gesprungen. Jahrelang hatten sie in der überteuerten Multiplex-Suppe missmutig vor sich hin geköchelt und die steigenden Temperaturen stoisch ertragen. Doch Donnerstag kochte das Süppchen dann plötzlich über. Schnauze voll. Nie wieder Multiplex-Kino. Was war passiert? Und viel wichtiger: Ist das ein Einzelfall?

Das Multiplex-Prinzip: Macht das moderne Kinoerlebnis eigentlich noch Spaß? Ein Gegenbericht

Zunächst einmal: Ich persönlich habe nichts gegen Multiplex-Kinos. Für die explosiven Bilderwelten des Mainstream-Kinos gibt es keinen besseren Ort. Die High-End-Lichtspielhäuser sind das unvermeidbare Spiegelbild einer Kinokultur, die die formalisierte Sinnesüberreizung zum globalen Erfolgsmodell gemacht hat. Multiplexe sind die naturgemäße Verstofflichung der Blockbuster-Philosophie. So lange wir das Spektakel suchen, und so lange wir dieses Spektakel als etwas definieren, das sich nur an der Grenze des technisch Machbaren finden lässt, wird es Multiplexe geben. Schon ok.

Auch, dass weder die Architektur noch die Innenausstattung dieser oft sehr klinischen Konsumtempel die Filmkultur an sich feiern, kann ich problemlos verkraften. Wenn ich Kinos mit Geschichte, mit Haltung und Charme erleben will, dann gehe ich eben in das Programmkino meines Vertrauens. Ultron gehört ins Multiplex.

Nichts gegen Multiplexe

Nachempfinden kann ich die Empörung, die sich am besagten Donnerstag vor meinen Augen abspielte aber dennoch. Der gemeinsame Kinoabend begann wie immer. „Avengers 2“ stand auf dem Programm und wollte in einem großen 3D-Kino gebührend gefeiert werden.

Die Karten hatte ein Freund bereits Wochen vor dem offiziellen Start online bestellt. 16,50 € pro Person. Ein wahrlich stattlicher Preis, der in der Startwoche bekanntlich zu einem bundesweiten Boykott zahlreiche Kinobetreiber in kleineren Städten geführt hatte. Der Zwergenaufstand gegen den Unternehmensriesen Disney entzündete sich am Wegfall der Sonderkonditionen, die die kleineren Kinos bis dato bekommen hatten.

Statt dem bisherigen Verleihmietsatz von 47,7 % verlangt der Konzern nun flächendeckend 53 %. Ein paar Prozentpunkte, die kleineren Kinos ohne Frage zu schaffen machen und Disney im Gegenzug wohl ein paar Millionen Dollar zusätzlich in die Kassen spülen dürfte.

Diese Machtgefälle war natürlich auch in meiner Gruppe das erste Gesprächsthema und beseelte den noch jungen Kinoabend mit einer Mischung aus Disney-Bashing und schlechtem Gewissen. Eine fröhliche Einstimmung auf eines der Kino-Ereignisse des Jahres sieht schon mal anders aus.

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Augen zu und durch

Wenig später hatten wir uns an den Kassen des Multiplex-Kinos eingefunden und warteten dort auf die gewohnte Abfertigung. Anders als zunächst angenommen, bekamen wir die benötigten 3D-Brillen allerdings nicht an der Kasse. „Die Brillen erhalten sie oben“ erklärte uns eine sichtlich gestresste Mitarbeiterin. Ihr gekrampftes Lächeln rief sofort Erinnerungen an die Lohn-Proteste vor zwei Jahren wach.

Rund 200 Beschäftigte der Kinoketten Cinestar und Cinemaxx hatten damals in Berlin für eine gerechtere Bezahlung demonstriert, da sie laut eigener Aussage von dem bezahlten Lohn ihren Lebensunterhalt nicht länger bestreiten konnten.

Doch auch dieses Problem der modernen Multiplex-Landschaft wurde von unserer Gruppe zielbewusst wegignoriert. Wir waren wegen Ultron hier. Und überhaupt, Lohnkämpfe und Konzern-Gier sind kein exklusives Phänomen der Kinobranche. So etwas gibt es schließlich überall. Also, Augen zu und endlich rein ins Kino.

Das „Endlich“ ließ allerdings noch etwas auf sich warten. Nachdem man unser Digital-Ticket mit einigen Mühen eingescannt hatte, fanden wir uns im überfüllten Vorraum des Saals ein und wurden dort von einem ungewöhnlichen Bild empfangen. Meterlange Schlagen hatten sich vor den Service-Theken gebildet. Wollten all diese Menschen tatsächlich ein Popcorn-Menü für 9,90 € erwerben?

Von uns wollte das jedenfalls Niemand. Also ließen wir all die genervt dreinblickenden Wartenden links liegen und machten uns direkt zum Saaleingang auf. Doch was war eigentlich mit den 3D-Brillen? Die für das perfekte Kinoerlebnis notwendigen Sehhilfen wurden entgegen unserer Erwartungen nicht von einer freundlichen Servicekraft an der Tür verteilt. Wo dann?

Nur ein entspannter Kinoabend

Ein Mitglied unserer Gruppe, mittlerweile sichtlich mitgenommen von unserem entspannten Kinoabend, bat einen bereits bebrillten Gast um Hilfe. Wo er denn die Brille her habe, fragte er. „Für die Brillen müsst ihr euch nochmal extra an der Theke anstellen. Saunervig!“. Die Antwort auf die Brillen-Frage löste bei meinem Freund eine innere Nervenlast, die sich im Laufe des Abends langsam angestaut hatte. Ein viel zu lautes, viel zu grellen „WAS?“ brach brachial aus ihm heraus.

Wild gestikulierend zog der schimpfende Rohrspatz von dannen, um sich in einen Kummerkasten zu übergeben. Auch der Rest der Gruppe quittierte den Prozess mit Kopfschütteln und Kraftausdrücken.

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Missmutig fanden wir uns dann aber doch alle irgendwann am Ende einer Schlange ein. Und warteten. Der Abend erreichte seinen vorläufigen Tiefpunkt. Da viele Schlangensteher vor uns die aufgezwungene Ungunst der Stunde nutzten, um tatsächlich einen Softdrink oder einen Korb Nachos zu bestellen, zog sich das Ganze schmerzhaft in die Länge. Nur „Avengers“ gucken. Leichter gesagt, als getan.

Gute zehn Minuten später waren wir schließlich an der Reihe. Die im Foyer allgewaltige Erregung mündete auch bei uns in ein kümmerlich kleinlautes „Eine Brille bitte“. Der enorme Andrang und die schlechte Stimmungen im Raum hatten unserem Service-Gegenüber offenbar übel mitgespielt.

Ausweichende Blicke und Popcorn-Popel im Haar machten ihn zum denkbar schlechtesten Adressaten einer höflichen Beschwerde. Doch es sollte anders kommen. „Das macht dann einen Euro bitte“. Das menschliche Pulverfass neben mir explodierte erneut. „Aber ich habe doch schon 16,50 Euro bezahlt! Und wieso muss ich überhaupt mehr bezahlen, wenn ich online bestelle? Und warum…“. Ich hatte mich längst ins Reich des Galgenhumors zurückgezogen. Nur „Avengers“ gucken. Hehe.

Ende gut, alles scheiße

Als das Marvel-Logo endlich die ungemütliche Atmosphäre im Kino weg-illuminierte, sah ich dann noch ein paar verwirrte Seelen fluchtartig den Saal verlassen. Sie hatten, offenbar um Geld zu sparen,  3D-Brillen von früheren Kinobesuchen mitgebracht. Leider mussten sie feststellen, dass das mitgebrachte Sehwerk nicht kompatibel mit der 3D-Technik des Kinos war. Doch auch diese Unruhe verflog irgendwann. Der Film durfte sich entfalten. „Avengers“ gucken. Finally.

Dass der Film nach ca. 90 Minuten auf die denkbar rücksichtsloseste Weise – mitten in einer der wenigen emotionalen Szenen – so hart geschnitten wurde, dass sich der Saal in ein kollektives „Boaheeey“ echauffierte, und dass dies nur geschah, um die Kino-Besucher zu einem Pausensnack zu nötigen, gab meinem Grüppchen den finalen Stoß.

Nach der Vorstellung schworen sich Einige, das betreffende Multiplex-Kino nie wieder aufzusuchen. Letztes Wort. Eine Überreaktion? Vielleicht. Ich selbst verbiete mir an dieser Stelle ein Urteil, denn als Presse-Fuzzi bin ich den hier geschilderten Unwegsamkeiten viel zu selten ausgesetzt, um den Multiplex-Besitzern ein perfides System nervlicher Belastung zu unterstellen.

Was mich aber interessieren würde, sind EURE Erfahrungen. Lässt sich dieser Erfahrungsbericht verallgemeinern? Seid ihr zufrieden mit dem aktuellen Erlebnis, das euch die Multiplex-Kinos für viel Geld verkaufen?

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