Batman v Superman: Nicht mein Superman - Warum mir der Mann aus Stahl gestohlen bleiben kann (Kolumne)

Tobias Heidemann

Superman ist jetzt ein Mann aus Stahl. Im Grunde nur ein Mensch wie du und ich. Zutiefst zerrüttet von inneren Konflikten, voller versteckter Schuldgefühle, getrieben von Angst und Allmachtsfantasien. Superman ist wie wir. Zack Snyder, der große Architekt der nicht mehr ganz so schönen, neuen DC-Welt, hat Kal-El mit „Man of Steel“ von seinem Podest gestoßen. Gelandet ist Kal-El hier unten bei uns. Im menschlichen Dreck. Dumm nur, dass er dort überhaupt nichts zu suchen hat. 

Auch in Batman V Superman ist Superman also wieder ein Mann mit Fehlern. Eine menschliche Kreatur, deren grenzenlose Macht vor allem eines bedeutet: Gefahr und Terror. Superman ist nicht länger ein Symbol für Wahrheit und Gerechtigkeit. Er ist, so offenbar die Prämisse des Films, ein fragwürdig gewordener Heilsbringer, ein falscher Messias, der von einem als Fledermaus verkleideten Psychopathen mit Panzer daran erinnert werden muss, dass sich heute niemand mehr als moralisches Vorbild über uns erheben darf.

Batman v Superman Dawn of Justice: Finaler Trailer.

Marktwirtschaftlich gesehen macht „Batman V Superman“ dabei durchaus Sinn. Im Wettbewerb mit Marvel positioniert sich Warner geschickt am gegenüberliegenden Ende einer gemeinsam geteilten Geschmacksskala. Erwachsen, düster und humorfrei soll er schmecken, der edgy Superhero von DC. Als Vermarktungslogik geht der „Cola Vs Pepsi“-Ansatz ganz sicher gut auf.

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In seiner Form als Comic-Adaption ist Zack Snyders neuer Film für mich jedoch nicht weniger als ein tragisch fehlgeleiteter Vernichtungskrieg gegen alles, was mir jemals an Superman Spaß gemacht hat.

Die Comic-Figur Superman hat unter der Snyder-Behandlung bisher am meisten gelitten. Über 75 Jahre lang war Kal-El der Inbegriff eines selbstlosen Streiters für das Gute. Das Mitgefühl für andere war sein zentrales Motiv. Die bedingungslose Liebe seiner Adoptiveltern machte aus Clark Kent die Ausnahme der menschlichen Regeln. Superman war die immer wohlwollende und zutiefst empathische Vaterfigur, die sich jedes Kind wünscht. Ein guter Mensch eben.

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Zack Snyders Superman: Vom guten Menschen zum „Gutmenschen“

Heute ist der alte Superman ein „Gutmensch“. Zumindest wird einem dieses Gefühl vermittelt, wenn man sich mit dem neuen Superman etwas intensiver auseinandersetzt. Mit dem ethischen Ideal für welches Superman all die Jahre gestanden hat, konnten Zack Snyder und seine Autoren scheinbar dermaßen wenig anfangen, dass sie es kurzerhand über Bord warfen.

Wenn überhaupt, dann haben sie für Supermans moralische Überlegenheit nur noch heimliche Häme übrig. Anders lässt sich seine entstellte Erscheinung in „Man of Steel“ nicht erklären.

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Hier erzählt Jonathan Kent seinem Sohn im schroffen Gegensatz zum Quellmaterial nämlich, dass es vielleicht auch Momente gibt, in denen er andere Menschen sterben lassen muss, um sich selbst zu schützen. Hier wird Superman im Gegensatz zu früheren Versionen plötzlich definiert durch den Tod seine Vaters. So wie auch Batman. So wie auch Spider-Man. Hier nimmt Superman plötzlich Kollateralschäden in Kauf. Und hier tötet Superman sogar.

Synders Superman muss der Comic-Vorlage nicht treu bleiben. Im Gegenteil. Künstlerische Freiheiten sind unbedingt notwendig und erwünscht, wenn es darum geht, eine Figur zeitgenössisch relevant zu halten. In der Comic-Kultur passiert genau das ja jeden Monat aufs Neue. Auch das Kino sollte mit den Figuren spielen dürfen.

Superman aber den definierenden  Kern seiner Comic-Existenz zu nehmen, also genau das mutwillig  zu zerstören, was ihn im Gegensatz zu all den anderen Superhelden da draußen auszeichnet, das ist leider ein sehr armseliges Zeugnis für den Umgang mit dem kulturellen Erbe seiner Erzählung.

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Muss das Gute denn unbedingt schlecht sein?

Die eigentliche Frage, die sich hier meiner Meinung nach stellt, ist nämlich die Frage nach der besten Form der Modernisierung. In der Popkultur ist der Anti-Held derzeit der unbestrittene König unter den Archetypen. Er ist der definierende Standard. Mörder, Monster, Gesetzlose, Brutalos oder Psychopaten interessieren uns 2016 anscheinend mehr als aufrechte und anständige Charaktere. Das Gute hat massiv an Reiz verloren. Vollkommen in Ordnung.

Aber muss man das Gute deswegen unbedingt auch schlecht machen? Muss man eine Figur mit genuin edlen Eigenschaften auf Teufel komm raus in die kulturell omnipräsente Lache aus Egoismus, Korruption, Machtmissbrauch und Eitelkeit tauchen, nur damit sie sich 2016 besser vermarkten lässt?

Wäre es nicht der interessantere Ansatz zu fragen, was einer Figur wie Superman in einer Welt wie unserer tatsächlich geschehen würde? Was würde ein integrer, aufrechter Mann voller Nächstenliebe, ausgestattet mit kosmischer Macht, was würde so einer heute eigentlich tun, um die hoffnungslos kaputte Welt da draußen wieder besser zu machen? Wäre es nicht deutlich interessanter, die Figur im Wesentlichen intakt zu lassen und sie mit unseren heutigen Konflikten zu konfrontieren. Marvel ist etwas Vergleichbares mit Captain America schließlich auch gelungen.

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In DCs neuer Kinowelt, in welcher es nun zeitgenössisch adäquat amoralisch zugeht, würde der gute, alte Superman dann nämlich zu einem interessanten Außenseiter und nicht zu einer plumpen Kopie werden. Er wäre jemand, der sich zur Abwechslung nicht damit einverstanden erklärt, dass die Welt schlecht ist. Jemand, der lieber für etwas kämpft, als sich gegen etwas zu stellen. Jemand, der seinen Prinzipien folgt. Solche Prinzipien in einer amoralischen Welt aufrechtzuerhalten und sie nicht zu opfern, das kann ebenso interessant und aufregend sein, wie sie zu verlieren.

Dass sich das heutige Publikum nicht mehr für den guten, alten Superman interessiert, liegt nicht an der Figur. Die hat nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Es muss sich nur mal jemand ihrer annehmen, der Kal-El auch verstanden hat. Zack Snyder ist nicht dieser jemand.

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