Blockbuster bei Kinostart zu Hause sehen: Ist „The Screening Room“ der Sargnagel der Kinokultur?

Tobias Heidemann 12

Ist es das Ende der Kinokultur oder ist es das logische Angebot für eine immer größer werdende Nachfrage? Der Napster-Erfinder Sean Parker will Blockbuster zum Release direkt ins Heimkino streamen. Einfach so. „Batman V Superman“ zum offiziellen Kinostart mit Freunden und Bier auf der Couch glotzen. Beste Plätze, kein Ticket-Stress, keine nervige Werbung. 50 Dollar pro Film will das US-Start-up „The Screening Room“ für diese ultimative Heimkino-Erfahrung haben. Wer sich mit vier Freunden zusammen tut, würde dank der aktuellen Ticketpreise damit sogar ein Schnäppchen machen.

Blockbuster bei Kinostart zu Hause sehen: Ist „The Screening Room“ der Sargnagel der Kinokultur?

Es liegt auf der Hand, sich in diesem seit Jahren schwelenden Konflikt auf die Seite der Kinobetreiber zu schlagen. Kino ist Film. Kinos sind Erlebnisort und Hort unserer Träume. Hier wurde der Film geboren. Hier wurde sein Erlebnis Jahrzehnte von leidenschaftlichen Betreibern gehuldigt und verbessert. Nur in den Lichtspielhäusern kann man sich in einem Film wirklich verlieren und dank der einmaligen Atmosphäre eines staunenden Kinosaals eine unvergessliche Bindung zu ihm aufbauen. Trotzdem ist die Zeit reif für „The Screening Room“.

Ähnlich wie seinerzeit die Musikindustrie steht nun also auch die Kinolandschaft vor einer massiven Zäsur. In ein paar Jahren wird man sie wohl kaum noch wiedererkennen. Die Kinobetreiber sind die letzte Bastion, die sich gegen die digitale Zeitenwende stemmt.

The Screening Room: Widerstand scheint zwecklos

Doch der Widerstand scheint zwecklos. Der Hauptinvestor von „The Screening Room“, Sean Parker, seines Zeichens Napster-Erfinden und Facebook-Wegbegleiter, hat das verstanden. Über den 36-Jährigen kann sagen was man will, dass er aber ein gutes Händchen für Trends und die Nachfrage nach digitalen Produkten hat, das konnte er immer wieder unter Beweis stellen. Auch mit „The Screening Room“ liegt Parker wohl goldrichtig.

Der Dienst ist ein vermittelndes Friedensangebot an die einst mächtige Lobby der Kinobetreiber. Die werden nämlich laut Businessplan an den Einnahmen von „The Screening Room“ beteiligt. Mit den beim Kauf eines Heimkino-Blockbusters beiliegenden Kinotickets werden ihnen zudem noch ein paar Snack-Einnahmen versprochen. Zugeständnisse, die vor allem beschwichtigen sollen.

Statt sich mit Boykotts und ewigen Rechtsstreitigkeiten an das immer enger werdende Zeitfenster zwischen Kino- und Heimauswertung zu klammern, sollen die gestrigen Kinobetreiber mit an den runden Tisch, um hier gemeinsam mit den Streaming-Akteuren die digitale Zukunft zu planen.

Ob sie dieses Angebot überhaupt noch ablehnen können, darf dabei durchaus bezweifelt werden. Die Einnahmerekorde der jüngsten Vergangenheit sind vor allem auf eines zurückzuführen: Immer teurer werdende Tickets. Die Besucherzahlen selbst sind dagegen rückläufig. Zudem haben viele große Multiplexe in den letzten Jahren mit aller Macht daran gearbeitet, das Kinoerlebnis mit massenhafter Abfertigung und absurden Preisbildungen für 3D, Überlänge und Snacks nachhaltig zu entzaubern.

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Netflix and chill statt Cinema Paradiso

Nicht zuletzt auch deshalb geht der Trend massiv in Richtung entspanntes Heimkino. Streaming-Dienste wie Netflix und Amazon werden immer populärer. Ihre Angebote werden dank massiver Investitionen in Eigenproduktionen immer besser. Netflix and chill statt Cinema Paradiso – so lautet das zeitgenössische Motto.

Dank der immer besser werdenden und mittleiweile auch erschwinglichen Heimkino-Technologie erodiert den Multiplexen auch zunehmend ihr einziges verbleibendes Alleinstellungsmerkmal. Die beste Sound- und Bildqualität lässt sich vielleicht noch nicht auf dem Sofa erleben, doch mit einer fetten Surround-Anlage und einem 4K-Curved TV-Monstrum oder gar einem eigenen Projektor fühlen sich viele nah genug dran am perfekten Kinoerlebnis.

Dass „The Screening Room“ mit Sony, Universal, Fox und vor allem AMC schon ein paar der wichtigsten Player als Interessenten mit an Bord hat, dürfte die Position der Kinobetreiber auch nicht gerade verbessern. Gleiches gilt für den bereits entwickelten Digitalempfänger, der gleichzeitig als vermeintliche sichere Antwort auf die Angst vor Piraterie fungiert.

Die Wende wird kommen. So oder so.

Kurz: Nein sagen wird schwer für die Kinobetreiber. Doch selbst wenn sie Nein sagen, selbst wenn sie sich mit aller Macht gegen „The Screening Room“ stemmen, die Wende wird kommen. So oder so.

Und wir, die Kinogänger, sollten sie ohnehin begrüßen, die große Transformation. Nicht weil es bequemer und angenehmer ist, „Batman V Superman“ mit Freunden im Wohnzimmer zu schauen, nicht weil man dann keine 13,99 mehr für Popcorn und eine Cola bezahlen muss, auch nicht weil man den Film zu jeder gewünschten Zeit und beispielsweise ohne 3D-Mumpitz sehen kann – wir sollten die endgültige Digitalisierung der Filmindustrie vor allem deshalb begrüßen, weil Vinyl heute boomt wie nie zuvor.

Ja, die Umwälzungen in der Musikindustrie waren damals gewaltig und taten bisweilen richtig weh. Doch weder war die Digitalisierung das Ende der Musikkultur, noch wurde unsere Liebe zum Analogen dadurch geschmälert.

Wer Musik liebt, der kauft Vinyl und geht auf Konzerte. Wer Filme liebt, der wird ins Kino gehen. So gesehen steht uns mit „The Screening Room“ auch nicht das Ende der Kinokultur ins Haus, sondern vielleicht ihre Renaissance. Schon jetzt sprechen kleine Kinobetreiber das Liebhaber-Publikum immer mehr mit speziellen Screenings von Klassikern und Indie-Perlen über die sozialen Medien an. „2001 – Odyssee im Weltraum“ im kleinen Cineasten-Kino um die Ecke, „Aliens“ mit Freunden in einem trashigen 10-Mann-Kinosaal oder ein Festival-Streifen mit anschließender Diskussion – das könnte das Vinyl der Kinokultur werden. Denn seien wir ehrlich, mit Liebe zum Film hat das  30,99 Euro-Multiplex Erlebnis kaum noch was zu tun.

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