Pferde. Nehmen wir Pferde. Man stelle sich vor, ein großes Hollywood-Studio würde nächstes Jahr einen Film über PFERDE in die Kinos bringen, der kommerziell so erfolgreich ist, dass nicht nur umgehend eine Fortsetzung angekündigt werden würde – auch andere Studios würden auf den Pferde-Trend einschwenken und ihre Pferde-Produktionen ins Rennen schicken. Ein Jahr später würden dann ganze Pferde-Herden das Kinojahr abgrasen.

Überall Pferde. Filme über das Abaco-Wildpferd, über den Abessinier, den Andalusier, über das Arabische Halbblut und natürlich über die seitjeher unter Pferdenarren sehr beliebten Gotland-Ponys und die Kaspischen Kleinpferde. Und weil Hollywood nun mal die Pferde durchgehen, würden dann auch noch die großen TV-Anstalten ein Dutzend Spinn-Offs und Tie-Ins über Zebras und Esel produzieren.

Schlussendlich hätten wir es irgendwann mit einer Kino-Industrie zu tun, die bis ins Jahr 2030 weit über 50 Pferdefilme und TV-Serien auf das Publikum loszulassen gedenkt. Klingt abwegig? Mag sein. Und doch sieht die Film- und Serienwelt für jemanden, der absolut nichts mit Comics und Comicverfilmungen anfangen kann, derzeit wahrscheinlich ganz genauso aus. Im Kino laufen nur Pferde. Der blanke Horror.

Eines vorweg: Ich liebe Comics und habe meinen Spaß mit Comicverfilmungen. Dass uns in den nächsten fünfzehn Jahren jährlich bis zu zehn Kino-Adaption von Comics ins Haus stehen, kann ich somit recht gut verkraften. Ich werde mir das alles ansehen. Ich bin die Zielgruppe. Bedenken über die Qualität dieser Flut von Comic-Adaptionen und ihren Einfluss auf die Kinokultur habe ich trotzdem. Und zwar massive. Lasst mich erklären.

Trends sind in Hollywood nichts Neues. Katastrophenfilme, Sportfilme, Musicals, Kriegsfilme, Mind Game Movie, CGI-Monster Filme  – Derartige Strömungen gehören seither zum Geschäft der Film-Produzenten. Die Geschichte der großen Hollywood-Trends lehrt uns allerdings, dass sie selten ein gutes Ende nehmen. Oder möchte hier jemand den Katastrophenfilm „The Core“ ernsthaft in Schutz nehmen?

Fast könnte man sagen, je länger sich ein Trend in Hollywood hält, desto schlechter werden die Filme, die in seinem Fahrwasser produziert werden. Eine – zugegeben - ziemlich krude These, die sich empirisch auch nur schwer belegen lässt. Und doch scheint es mehr als augenscheinlich, dass wir das Interesse an einem bestimmten Trend nicht einfach so verlieren, sondern weil die im Zuge dieser Trends hergestellten Filme zunehmend formelhafter um die immer gleichen Konzepte kreisen.

Anhaltende Trends werden in Hollywood gern als risikofreie Monokultur bewirtschaftet. Und genau diese fortwährende Neuauflage eines bekannten Erfolgskonzeptes sorgt irgendwann für die Übersättigung beim Publikum. Und damit für eine Verelendung des Trends. Eine historische Diagnose, die nichts Gutes für die Zukunft der Superhelden bedeuten kann.

Bilderstrecke starten(10 Bilder)
Von Kritikern zerrissen, vom Publikum geliebt: 10 Filme, die trotz schlechter Kritiken zum Kassenschlager wurden

Die düstere Zukunft der Superhelden

Wer sich den aktuellen Markt etwas genauer ansieht, kommt nicht umhin, bereits erste Anzeichen einer bedenklichen Konsolidierung zu entdecken. Marvel = funny, bunt, abenteuerlich VS DC =  erwachsen, düster, edgy. Das scheint die allgegenwärtige Blaupause zu sein, nach welcher die Studios ihre Superhelden-Filme in Zukunft produzieren werden. Es ist die DNA, aus welcher der Erfolg Jahr für Jahr geklont werden soll. Mutationen oder kreative Ausreißer aus dieser inhaltlichen Engführung sucht man zumindest aktuell vergebens.

Was natürlich nicht bedeutet, dass sie unmöglich sind. Überraschungen gibt es immer wieder. Allzu viel Innovation sollten wir einem „Doctor Stange“ oder einem „Aquaman“ aber besser nicht zutrauen. Immerhin entscheiden sich Produzenten, die vor die Wahl zwischen Wiederholung und Risiko gestellt werden in 99% der Fälle für die Wiederholung des kommerziell Bewährten. Die Superhelden bleiben mit größter Wahrscheinlichkeit was sie aktuell sind.

Selbst namhafte Comic-Autoren, also jene Menschen, die die Superhelden zu dem gemacht haben, was sie heute sind, sehen bereits öffentlich schwarz für die Entwicklung des Trends. So nahm zum Beispiel einer der renommiertesten Comic-Autoren unserer Zeit, Grant Morrison, unlängst entschieden Abstand vom DC Kino-Universum, indem er seine Langeweile an der ewig gleichen Dark Knight-Version öffentlich demonstrierte.

Laut Morrison haben sich Warner und DC mit bedenklicher Einfalt auf die serielle Produktion der etablierten Nolan-Philosophie eingeschossen. Superhelden als eine aggressive, militärisch aufgebohrte Version des War on Terror – für Morrison eine Facette des Genres, die nach den Anschlägen des 11. Septembers eine gewissen Berechtigung gehabt haben mag, sich aber in ihrer Verstätigung zunehmend als Farce entpuppt.

Wonder Woman trifft es laut Morrison dabei besonders hart. Ursprünglich von ihrem Erfinder William Marston erdacht als eine positive Antwort auf den bluttriefend-grimmigen Machismo der damaligen Comicwelt, wird die als Wissenschaftlerin und Heilerin angelegte Figur auf dem DC-Fließband zur episch posierenden Kampfmaschine.

Alan Moore, ebenfalls eine Ikone der Comickultur (div. Batman, Superman, Watchmen, V wie Vendetta), hat die Hoffnung auf interessante Comic-Adaptionen indes schon längst aufgegeben.

Für ihn stellt der alles durchgreifende Siegeszug der Superhelden nicht weniger eine kulturelle Katastrophe dar. Demnach begründet sich die heutige Popularität der in den 50er und 60er Jahren erschaffenen Marvel und DC-Universen in unserem Bedürfnis, der Komplexität der modernen Existenz zu entkommen. Die Welt von Marvel und DC ist im Gegensatz zu der Welt da draußen endlich, begreifbar – und letztlich, so Moore, vollkommen bedeutungslos. Die Hegemonie der Superhelden ruht auf einem Retro-Fetisch, der die wirklichen Probleme und Konflikte unserer Zeit verdrängt.

Superhelden als kulturelle Katastrophe?

Die Comic-Autoren hadern also bereits mit dem Status Quo der Superhelden. Sollen sie doch, werden sich einige von euch Angesichts des Spaßes, den man derzeit im Kino haben kann, sicherlich denken. Eine verständliche Haltung. So lange die - gesellschaftlich irrelevanten und deformierten - Retro-Helden mittelmäßig bis gut unterhalten gibt es ja auch wenig Anlass, ihnen die finanzielle Unterstützung an der Kinokasse zu entziehen.

Es kann allerdings auch nicht schaden, sich den hohen Preis dieser Supermacht hin und wieder vor Augen zu führen. Wer sich die erfolgreichsten Filme seit den 70er Jahren einmal genauer ansieht, der wird feststellen, dass Franchise-Fortsetzungen langsam aber sicher die Produktion von eigenständigen Filmen mit originellen Themen komplett von den vorderen Rängen verdrängt haben.

Mit den auf Jahre geplanten Marvel und DC-Universen bekommt diese bedenkliche Entwicklung eine ganz neue Brisanz. Immerhin stellt das derzeit allerorts kopierte Konzept des Shared Universe nicht weniger als die flächendeckende Radikalisierung des Franchise-Gedanken dar. Der Platz für neue Themen und frische Perspektiven schwindet im Kino Jahr für Jahr. Die Dominanz der Superhelden geht somit mit dem Verlust von thematischer Vielfalt einher. Das Marvel Cinematic Universe mag viele überaus interessante Figuren und Geschichten beherbergen, aber letztlich bedient es in seiner derzeitigen Erscheinung lediglich ein zentrales Thema: Nämlich Pferde.

Stillstand oder Reform?

Im Rückschluss bedeuten die hier aufgezählten Bedenken, dass sich das Superhelden-Kino reformieren muss, um nicht zu verelenden. Stillstand ist der Trend-Tod. Die aktuelle Formel führt meines Erachtens nach in eine ermüdende Sackgasse. Der Ausweg kann dabei nur Vielfalt heißen. Auf lange Sicht brauchen wir nicht einfach noch mehr Helden, noch mehr Origin-Stories, noch mehr Team-Ups  – wir brauchen mehr gutes Material!

Die Superhelden brauchen relevanten Stoff. Sie müssen Zeitgeist atmen oder sich gegen ihn auflehnen. Sie brauchen gesellschaftlich geerdete, interessante, mutige Topoi sowie die fortwährende Neuberechnung ihrer Formel, um im Kino überleben zu können. In seiner derzeitigen Form als luftleere, ausschließlich selbst-referentielle Nostalgie-Blase ist das Genre dem Untergang geweiht. Und das wäre tatsächlich sehr schade.

Welche Superhelden-Fähigkeit hättest du?

Sagen wir, es passiert auf dem Heimweg. Ein tragischer Unfall. Vielleicht etwas mit Chemikalien. Oder eine Mutation. Vielleicht bist du aber auch einfach auserwählt worden. Jedenfalls, als du wieder zu dir kommst, ist es passiert. Du hast dich verändert. Du hast eine besondere Fähigkeit. Eine Superkraft! Welche das wäre, das kannst du jetzt mit unseren Quiz herausfinden. Welche Superhelden-Fähigkeit hättest du?