In dem Comic-Crossover „Annihilation“ aus dem Jahr 2006 fällt eine dunkle Macht wie ein Schwarm Heuschrecken über das Marvel Universum her. Sie kommt aus der „Negativen Zone“. Unterwerfung oder Vernichtung, das sind die einzigen Optionen für ihre arglosen Opfer. Niemand ist dem Ansturm der gefräßigen Welle gewachsen. Wer sich dieser Tage in die Kommentarsektion unter Artikeln über Superhelden-Filme verirrt oder deren Aufbereitung in den sozialen Medien verfolgt, dem bietet sich ein ähnliches Bild. Die Armee der Negative Zone ist auf dem Vormarsch. Alles was gut und schön ist an Superhelden-Comics und deren filmischer Adaptionen wird von einer Horde Hirnis ins Negative gezogen. Hinein in eine bizarre Gegenwelt, in welcher es nicht länger um Wolverines Heilfaktor oder Batmans neustes Gadget geht, sondern um Mord und Totschlag.

Zu dick aufgetragen? Sorry! Es wird an all dem Ärger liegen, der sich seit dem Release von „Batman v Superman“ in mir aufgestaut hat. Der muss jetzt mal raus. Ich lese selbst Comics. Sehr viele Comics. Täglich. Und ich packe sie nach dem Lesen behutsam in kleine, durchsichtige Hüllen, damit ich sie in einem ausgefeilten Boxen-System archivieren kann. Es dürfte also einige Menschen auf diesem Planeten geben, die der Meinung sind, dass ich Comics etwas zu ernst nehme.

Von wegen! Wie man Comics und deren Verfilmung amtlich zu ernst nimmt, das zeigen uns aktuell einige besonders unangenehme Exemplare der Spezies „Fanboy“. Es geht, genauer gesagt, um die Superhelden der Marke DC und Marvel. Brandbeschleunigt durch die millionenschwere Mega-PR und die tendenziöse Berichterstattung der Medien wird derzeit jeder zweite Post zu „Batman V Superman“ oder auch „Captain America: Civil War“ zur ultimativen Herausforderung für den Spaß an der Sache.

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Von Kritikern zerrissen, vom Publikum geliebt: 10 Filme, die trotz schlechter Kritiken zum Kassenschlager wurden

Die Armada der Negativen Zone

So wird man etwa Zeuge, wie sich die digitale Armada gehässig an Ben Afflecks Gefühlsregung labt, als dieser sich in einem Interview von den negativen Reaktionen auf seinen Film sichtlich getroffen zeigt. Euphorisch feiert sie sabotierende Petitionen, die Regisseur Zack Snyder arbeitslos machen sollen oder aber sie beklatscht die medial sanktionierten Hasstiraden gegen Jesse Eisenbergs kreative Interpretation von Lex Luthor. Hauptsache heftig, gerne gemein, wesentlich rücksichtslos. Wenn es um Superhelden geht, wird es ganz schnell schmutzig.

Immer wird dabei scharf geschossen, stets in alle Richtungen. Marvel-Fans sind dumme Kaugummikinder, die nicht erwachsen werden wollen, DC-Fans sind hingegen dumpfe Depri-Machos, die auf Zerstörungsorgien stehen. Filmkritiker haben ohnehin keine Ahnung von gar nichts und gehören am besten abgeschafft, oder zumindest aufgehängt. Am Ende landet jedes zweite Posting zum Thema zuverlässig in der Negativen Zone – in einem Leben verachtenden Anti-Kosmos aus schlechter Laune und Kopfschmerzen. Super! Deswegen sind wir ja auch alle hier, oder nicht?

Erstaunlich ist dabei auch, wie wenig tatsächliche Expertise die meisten Teilnehmer dieses rüpelhaften Mobs aus selbsternannten „Comic-Fans“ haben. Offenbar reicht es schon aus, am Bahnhofskiosk gelegentlich mal durch einen Frank Miller-Comic von Panini zu blättern, um anderen die Teilnahme an einer Diskussion zu verbieten und sich im gleichen Atemzug noch selbst zum absoluten Kenner der Materie aufzuspielen.

Im Brackwasser der Besserwisserei

Das Ergebnis dieser Diskussionskultur ist ernüchternd. Vernünftige, am lustvollen Austausch interessierte Kommentare verschwinden immer mehr. Wer sich als unbescholtener Comic-Liebhaber nicht durch die Selbstverliebtheit der sich im Brackwasser der Besserwisserei suhlenden „Comic-Experten“ aus der Kommentar-Sektion vertreiben lässt, der wirft spätestens dann das Handtuch, wenn sich mal wieder ein Kommentator sein naturgegebenes Anrecht auf eine bestimmte, kreative Vision eines Superhelden ausspricht.

So hat man beim Lesen der Kommentare  nicht gerade selten das Gefühl, dass sich die Marvel und DC-Welt ganz allein um „Schlechtmensch97XY“ dreht und dass sich die Filmemacher in Zukunft doch besser an dessen mickriger Sicht der Dinge orientieren sollten.

Dass die Diener der Negativen Zone mit ihrem tumben Tohuwabohu anderen Menschen nicht nur die Freude an Superhelden und deren Verfilmungen verderben, sondern genaugenommen auch noch den Platz für andere, alternative Themen wegnehmen, das tangiert die egozentrische Truppe natürlich nicht im geringsten. Die Internetwelt liegt den Superhelden momentan zu Füßen – und so benimmt man sich dann auch. Wer mit Comic-Trollen diskutiert muss mit allem rechnen, nur nicht mit Bescheidenheit.

Wir nehmen die Superhelden viel zu ernst!

Die Crux an der Sache, der Grund dafür, dass ich besagter Gruppe hier viel zu viel Aufmerksamkeit widme, ist aber ein ganz anderer. Die Rezeption von Superhelden und Superhelden-Verfilmungen hat sich meiner Meinung nach in den letzten Monaten grundlegend verändert. Unser Umgang mit den Superhelden findet unter neuen Vorzeichen statt.

Ob das an einem langsam beginnenden Qualitätsverlust beziehungsweise an der zunehmend formelhaften Aufbereitung der Superhelden-Filme liegt oder seine Gründe in einem weitergezogenen Rahmen der Netzkultur hat, vermag ich nicht einzuschätzen  – fest steht aber: Wir nehmen die Superhelden viel zu ernst!

Wenn die Eigenschaften der Diskussion von „Batman V Superman“ den Schluss nahelegen, es handele sich um das AfD-Parteiprogramm, dann läuft hier etwas katastrophal schief. Marvels und DCs Superhelden sind nämlich im Gegensatz zur AfD per Definition trivial.

Sie leben in einer vereinfachenden und bewusst klischeehaft konzipierten, heilen Welt, in welcher am Ende bekanntlich immer das Gute gewinnt. Das ist ihr Wesen, ihre Funktion. Zwar geht es im ewigen Kampf der Superhelden gegen das Bösen auch um ersthafte Themen wie Liebe, Tod, Verbrechen, Politik, Familie oder Krieg, und natürlich kann uns all das auch berühren und inspirieren, doch am Ende landen die Superhelden eben wieder auf den Beinen und ziehen erhobenen Hauptes in die nächste Schlacht. Ihre wichtigste Mission ist unsere Zerstreuung – nicht der Einzug in den Landtag.

Batman vs. das AfD-Parteiprogramm

Wer Marvel und DC liest oder im Kino sieht, der kann sich, so er denn möchte, in einer besseren, weil sinnhaften Welt verlieren. Dieser Sinn ist unsere Unterhaltung!

Hier können wir dem Stress und der anstrengenden Komplexität unserer eigenen, echten Welt für einen süßen Moment entkommen. Damit sei nicht hier nicht behauptet, dass Superhelden und ihre Adaptionen im Kino nicht auch kritisiert werden sollen. Die kontroverse Meinungsbildung zu den künstlerischen Entscheidungen von Zack Snyder ist bitteschön genauso willkommen wie hitzige Debatten zu Caps neuem Kostüm-Design. Ästhetisch und spielerisch sollte er aber sein, unser Umgang mit den Superhelden.

Wer Superhelden mit unnötig aggressiven Diskussionen und einer viel zu realen Ernsthaftigkeit in die Negative Zone drängt, der beraubt sie ihrer wesentlichen Eigenschaft und sägt am Ende am eigenen Ast. Also liebe Marvel und DC-Fanboys,  könnt ihr bitte mal wieder runterkommen und euch aufs Wesentliche besinnen: Ich wisst schon, Spaß, und so.

Welche Superhelden-Fähigkeit hättest du?

Sagen wir, es passiert auf dem Heimweg. Ein tragischer Unfall. Vielleicht etwas mit Chemikalien. Oder eine Mutation. Vielleicht bist du aber auch einfach auserwählt worden. Jedenfalls, als du wieder zu dir kommst, ist es passiert. Du hast dich verändert. Du hast eine besondere Fähigkeit. Eine Superkraft! Welche das wäre, das kannst du jetzt mit unseren Quiz herausfinden. Welche Superhelden-Fähigkeit hättest du?