Pro & Contra: Netflix & Co vs. Video-Verleih

Jan-Thilo Caesar 1

Erst kürzlich wurden Video-On-Demand-Anbieter wie Amazon und Watchever von Stiftung Warentest abgestraft, doch was ist nun wirklich besser? Der altmodisch-analoge Gang in die Videothek oder der digitale Download? Tobi und ich tragen es aus und liefern uns einen schriftlichen Schlagabtausch, um die Sache ein für allemal zu klären. 

Pro & Contra: Netflix & Co vs. Video-Verleih

Pro: Videotheken sind für alte Leute (Thilo)

Obwohl ich erklärter Vielgucker bin, habe ich gerade den Serienbereich immer etwas stiefmütterlich behandelt, denn um zum Beispiel alle Folgen aus neun Staffeln „Akte X“ in einem Abwasch durchzugucken, kam man um den Kauf der DVDs bisher nicht herum. Und der will wohl überlegt sein, denn so eine Komplett-Box geht schon mal locker für 50 – 100 Euro über die Ladentheke und einzelne Staffeln in billigen, mehrfachgeschichteten Plastikboxen kommen mir gar nicht erst ins Haus. Wollte ich mal was Neues sehen, waren die Möglichkeiten schon ziemlich begrenzt. Aber das ist Vergangenheit, denn mit den Video-On-Demand-Diensten von Netflix, Maxdome und Co. gibt es für mich endlich eine brauchbare Alternative, auch wenn die Streaming -Portale vielleicht noch nicht ganz die perfekte Lösung sind.

Sehr viel fehlt aber nicht mehr: Anfangs war ich aufgrund der mageren Auswahl einiger Anbieter erstmal etwas enttäuscht, aber mittlerweile kann man den Online-Videotheken regelrecht beim Wachsen zusehen und findet fast täglich neue Filme oder Serien im Angebot. Es gibt vereinzelt sogar richtige Raritäten zu entdecken, oft ältere Titel wie „Sling Blade“, „Tod im Spiegel“ und „Sea of Love“ oder auch Filme, die auf DVD schon lange vergriffen sind. Man findet immer wieder was und meine Watchlist ist mittlerweile fast so lang wie Christophs Bart. Alle Folgen „Firefly“ in HD und mit 5.1-Sound? Sowas findet man nicht um die Ecke bei Video World und die Zeiten von kleinen, aber dafür gut sortierten Privat-Videotheken müssen mittlerweile so lange zurückliegen, dass ich sie gar nicht mehr miterlebt habe.

So ein schick arrangiertes Sortiment analoger Datenträger hat natürlich seine Vorteile, ich hab gerne was in der Hand  und von meinen Lieblingsfilmen will ich auch immer eine schicke Auflage ins Regel stellen – am besten mit haufenweise Extras und bunten Bildern, wohl wissend, dass ich mir die eh nie anschauen werde. Wenn es um die Bedienung und Übersicht geht, gebe ich den klassischen Videotheken und der handverlesenen Auswahl ganz klar den Vorzug. Da hat die Online-Konkurrenz noch jede Menge Nachholbedarf, aber auch das ist nur eine Frage der Zeit. Vernünftige Suchmaschinen, Filter und Sortierfunktionen sollten heutzutage eigentlich kein Hexenwerk mehr sein, werden von den VOD-Portalen bisher aber konsequent gemieden.

Keine Diskussion gibt es hingegen beim Preis: Für ein paar Euro hat man Zugriff auf Tausende Filme und Serien, unbegrenzt und zu jeder Zeit. Die Qualität ist gleichbleibend gut und übertrifft in der Regel sogar die der DVD-Version. Man muss sich auch nicht mit der raffgierigen, teilweise richtig unfairen Veröffentlichungspolitik bestimmter Verleiher rumschlagen, die ihre Filme gerne mal in VHS-Qualität auf DVD und Blu-ray pressen oder um jeden Preis versuchen, stark gekürzte Versionen an den Mann zu bringen. Wie oft hab ich mir den Laufzeitenabgleich mit diversen Internetseiten sparen wollen, um dann mal wieder eine geschnittene, nicht als solche gekennzeichnete Disk in den Händen zu halten – meist auch noch im falschen Bildformat.

Schon allein aus diesem Grund, sehe ich Online-Videotheken als sinnvolle und komfortable Erweiterung meiner Mediathek, die ohnehin schon ein Flickenteppich aus zahlreichen unterschiedlicher Anbieter und Medienarten ist. Um wirklich alles zu gucken, was mich interessiert, werde ich immer auf mehrere verschiedene Quellen zurückgreifen müssen und gerade wenn es darum geht, einfach mal in eine Serie oder Film reinzuschauen, um sich einen Eindruck zu verschaffen, kenne ich zurzeit nichts Besseres.

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Contra: Video-On-Demand steckt noch in den Kinderschuhen (Tobi)

Ein kategorisches Nein zu Online-Videotheken wird es von mir nicht geben, denn grundsätzlich begrüße ich diese Entwicklung. Die zeitnahe Verfügbarkeit eines „Better Call Saul“ wäre ohne die Ambitionen der Online-Videotheken kaum denkbar. Als jemand, der sich seit Jahren über den Umgang mit US-Serien im deutschen Fernsehen beschwert, weiß ich die Existenz von Online-Videotheken also durchaus zu schätzen. Doch wenn ich die derzeitige Momentaufnahme beurteilen muss, dann gibt es für mich schlichtweg immer noch zu viele Nachteile.

Als Stammgast gut sortierter Offline-Videotheken sehe ich einfach noch keinen Grund, meine Gewohnheiten zu ändern. Gut sortierte Videotheken? Ja, die gibt es nach wie vor. Und nein, Video World meine ich nicht. Die Rede ist von kleinen, feinen Videotheken, die von Filmliebhabern geführt werden. Von passionierten Inhabern, die sich pflichtbewusst um Importware kümmern, die exotische Perlen wöchentlich neu ausstellen, die spezielle Themenwochen anbieten, die auch mal einen wertvollen Film-Tipp geben und selbst die randständigsten Genres bedienen.

Es gibt einfach Filme, die werden es niemals in die Online-Videotheken schaffen, weil es in Deutschland nur eine Handvoll Menschen gibt, die sich derartig nischiges Zeug überhaupt anschauen würden. Wirtschaftlich macht es für Netflix, Lovefilm, Amazon, Watchever & Co ja auch überhaupt keinen Sinn, ein Angebot zu haben, das derartig in die Tiefe geht. Offline-Videotheken sind hier klar im Vorteil.

Doch um das Sortiment der Online-Videotheken zu kritisieren muss man sich gar nicht in die Untiefen der Nischenkultur begeben. Zwar ist nach meinen letzten Abo-Versuchen vor ungefähr zwei Jahren bei allen aktuellen Anbietern noch einmal einiges passiert, alles in allem bleiben die wesentlichen Probleme der Aktualität und Vollständigkeit aber für mich bestehen. So müsste ich derzeit im Prinzip drei bis vier unterschiedliche Abos abschließen, um Zugriff auf einen für mich befriedigenden, lückenlosen und vor allem einigermaßen aktuellen Film- und TV-Katalog zu haben. Dabei würde ich die Preispolitik der konkurrierenden Anbieter gar nicht mal so stark kritisieren wollen. Der Einkauf von Filmen und Serien ist sicher knallhart kalkuliert und von Dumping-Preisen hat letztlich auch niemand etwas. Was mir letztlich fehlt, ist schlichtweg EIN EINZIGES Angebot, das mich rundum befriedigt. Und das zu einem fairen Preis. Das gibt es derzeit einfach nicht. Also erspare ich mir das nervige Jonglieren von unterschiedlichen Abos gleich ganz, kaufe bei Bedarf selektiv und ohne Abo ein und gehe weiterhin in die Videotheken meines Vertrauens. Dass eine schöne Collector’s Edition von einem meiner Lieblingsfilme eine digitale Downloadfassung immer schlagen wird, brauche ich hier aber nicht auch noch erklären, oder?

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