Big Game Filmkritik: Ein Termin beim Zahnarzt macht mehr Spaß

Tobias Heidemann 3

Ein Teenager rettet in der finnischen Pampa den US-Präsidenten vor dem Zugriff eines bösen,  arabischen Prinzen. Mit Pfeil und Bogen. Genau. Was sich nach der beklopptesten Prämisse des Jahres anhört, hätte mit dem richtigen Händchen durchaus ein kurzweiliges Abenteuer mit Augenzwinkern und ein paar netten „Motherfucker“-Momenten der Marke Samuel L. Jackson werden können. „Hätte“, denn Autor und Regisseur Jalmari Helander („Rare Exports“) hat „Big Game“ grandios versemmelt.

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Ein Jugendfilm will „Big Game“ in erster Linie sein. Ganz frei von Ironie und postmodernem Popanz. Gemeinsam mit dem zwölfjährigen Oskari (Onni Tommila) begeben wir uns denkbar vordergründig und naiv auf die Jagd nach dessen Männlichkeit.

Davon hat Oskari nämlich noch viel zu wenig, wie ihn sein knallharter Survival-Daddy und dessen urige Jagdgesellschaft gleich zu Beginn des Films wissen lassen. Oskari ist ein Schlappschwanz. Zeit erwachsen zu werden also. Die Wildnis soll den dürren Burschen stählern. Und so wird Oskari als minderjähriges Weichei ins finnische Niemandsland geschickt (Finnland sieht anders aus, aber egal) und soll von dort gefälligst als ganzer Kerl zurückkehren. Mit einer blutigen Jagdtrophäe als Beweis für seine Mannwerdung.

Wer nun erwartet, dass „Big Game“ am Ende ein sympathisches Lehrstück über bedingungslose Vaterliebe bereithält, der irrt spektakulär. In „Big Game“ bleibt Papas seelische Einsicht aus. Hier muss man sich Vaterliebe tatsächlich noch mit totem Tier verdienen. Oder eben, indem man den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika vor bösen Terroristen rettet. Kein Erfolg, keine Liebe von Papa. Tolle Botschaft. Halten wir also fest, dass sich „Big Game“ mit seiner problematischen Pädagogik als Jugendfilm schon mal komplett unmöglich macht.

Bleibt seine luftigere Existenz als Actionfilm für Kids. Dass auch hier eher wenig zu holen ist, wird spätestens nach dem ersten Aufritt vom „Arabischen Terroristen“ Hazar (mein Beileid, lieber Mehmet Kurtulus) deutlich. Naja, eigentlich schon sehr viel früher, aber halten wir uns nicht mit unwesentlichen Details wie miesen Effekten und geklauten One-Linern auf.

Big Game Filmkritik: Auf der Jagd nach Männlichkeit und Hirn

Bleiben wir bei Hazar. Der ballert die Air Force One von seinem Klappstuhl aus mit einer Luft-Boden-Rakete kurzerhand vom Himmel. Mit total bösem Terroristen-Lachen und allem. Ich weiß, ich weiß. Aber nehmen wir diese Absurdität noch für einen kurzen Moment mit. Hazar hat nämlich einen Maulwurf an Bord der Air Force One und dieser soll ihm helfen - jetzt kommt es nämlich erst richtig dicke – die teuerste Trophäenjagd der Menschheitsgeschichte in den finnischen Bergen (eigentlich Bayern) zu veranstalten, damit er – wir sind hier noch nicht fertig – den Kopf des Präsidenten auf Facebook posten kann. Bam! Die selten dämliche Story wird später aus dem Nichts heraus noch einmal aberwitzig flach gewendet, so dass einem am Ende von „Big Game“ wirklich alles egal ist.

Zur Erinnerung: Die von mir eingangs eingeklagte Ironie ist in solchen Szenen komplett abwesend. „Big Game“ erzählt solch hanebüchenen Mumpitz allen Ernstes. Wer sich jetzt fragt, wie das überhaupt gehen soll – es geht eben nicht.

Fazit

Obwohl  Jalmari Helanders unglücklich inszenierter Film knietief in arg muffigen Action-Klischees der 80er Jahre watet, lässt er keinerlei spielerische Distanz zu den von ihm schamlos und oft erschreckend krude kopierten Vorbildern erkennen. Im Gegenteil. „Big Game“ fühlt sich an, als seien die letzten 30 Jahre Actionkino nie passiert. Und in diesem Fall ist das nicht positiv gemeint. So wirkt der vor allem stinklangweilige Streifen wie eine hüftsteife „Kids“-Version von „Stirb Langsam 2“. Gemeinsam mit dem Look einer mauen TV-Produktion, der bedenklichen Pädagogik und den stets verlässlich verendenden Pointen schmeckt „Big Game“ wie das durchgekaute Kaugummi einer Marke, die es heute aus gutem Grund heute nicht mehr zu kaufen gibt. Ihr wurdet gewarnt!

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