Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) - Kritik

Christoph Koch 2

Birdman in einer Minute.
  Regisseur Alejandro González Iñárritu konnte schon mit seinen Werken „Babel“ und „21 Gramm“ Filmliebhaber begeistern und bringt jetzt mit „Birdman“ eine tragisch schöne Komödie über den Wiederaufstieg eines abgehalfterten Schauspielers in die Kinos. Kann auch sein neuster Film begeistern“? Erfahrt es in unserer Kritik zu „Birdman“.

BirdmanKritik

Als Regisseur in Hollywood führt seit ein paar Jahren sicherlich kaum ein Weg mehr an Superhelden-Verfilmungen vorbei. Wenn man nicht gerade Christopher Nolan oder Steven Spielberg heißt, aber dennoch Blockbuster mit großen Explosionen drehen will, dann landet man früher oder später womöglich im Superhelden-Genre. Doch wenn „Birdman“ den Schluss nahe legt, hier einen weiteren Helden-Blockbuster um die Ohren gepfeffert zu bekommen, liefert Meisterregisseur Alejandro González Iñárritus nicht etwa seinen Genrebeitrag zum Superhelden-Boom ab, sondern sein filmisches Kunstwerk ist eine Demontage dieses beinah formelhaften Hollywoodkinos und eine Ode an das schauspielerische Talent fernab von Explosionen, die den Blick auf das Wesentliche verbergen.

Der Hollywood-Star Riggan Thomson (Michael Keaton) war zu Beginn der 90er Jahre ein gefeierter Star, als er in als Birdman-Kostüm schlüpfte und in drei Superhelden-Verfilmungen die Welt rettete. Nachdem er jedoch „Birdman 4“ ablehnte, versackte er in einem Karrieretief und sein Ruhm begann zu bröckeln. Doch Thomson gibt nicht auf und möchte mit einem ambitionierten Theaterstück am Broadway, bei dem er die Regie führt und die Hauptrolle spielt, wieder an der Spitze des Erfolgs ankommen. Doch der Weg dahin stellt sich als schwieriger heraus, als geplant.

Wie schon in seinem Drama „Biutiful“ verwischt Alejandro González Iñárritus auch in seiner Tragikomödie „Birdman“ die Grenze zwischen Realität und Fantasie. Um die Gemütszustände des Protagonisten zu verdeutlichen, greift Iñárritu auf surreale Elemente zurück und so verfügt Thomson augenscheinlich über die Gabe, Gegenstände per Gedankenkraft zu bewegen oder zu schweben. Doch nicht nur hier bewegt dich „Birdman“ zwischen den Grenzen, sondern der Film wandert auch zwischen vielen Genres und weiß dabei in jedem einzelnen zu begeistern. Bei diesem Balanceakt hätte viel schief gehen können, doch der Film meistert diesen Drahtseilakt mit Bravour. Humor und Ernst, tragische Momente und Slapstick liegen hier ganz nah beieinander und nicht zuletzt die Kamera lässt den Eindruck entstehen, dass es sich bei „Birdman“ um ein Theaterstück handelt. Die Kamera von Emmanuel Lubezki schwebt förmlich von einem zum nächsten Geschehen und es sieht zumindest so aus, als ob er ohne einen einzigen Schnitt auskommt. Ganz wie ein Theaterstück.

Michael Keaton liefert als Antiheld eine oscarwürdige Vorstellung ab. Er verkörpert, wie auch Edward Norton als narzistischer Theaterschauspieler, seine Rolle als Riggan Thomson, der sich mit aller Macht gegen sein Schicksal stemmt, mit voller Inbrunst. Er will eigentlich nicht zurück in dieses alte Leben und möchte dem großen Geld wiederstehen, doch ihm fehlt die Liebe des Publikums, die Anerkennung, die Verehrung, die er, laut seiner Frau, schnell mit Liebe verwechselt. Er braucht diese Liebe um zu existieren. Sein Alter Ego Birdman sitzt ihm als Stimme immer wieder im Kopf und offenbart den leichten Weg zum Ruhm, doch ist es das am Ende wirklich das, was ihm wieder Flügel verleihen wird? Wird nicht am Ende eher das Spektakel und nicht er als maskierter Held verehrt und wahrgenommen? Riggan Thomson kämpft für Anerkennung als Schauspieler und nicht für das Blitzlichtgewitter und die Aufmerksamkeit, die er als Birdman erhielt und in Zukunft erhalten würde.

In „Birdman“ wird sehr deutlich, dass der mexikanische Regisseur für Filme, in denen Effekte wichtiger sind, als darstellerische Leistungen, nur Verachtung übrig hat. Doch für Ruhm und Erfolg muss man dem Publikum das Spektakel liefern, nachdem sie lechzen. „Birdman“ hält uns ein Spiegel unserer Sehgewohnheiten vor und zeigt förmlich mit dem Finger auf uns als Spektakel-geiles Publikum. „Birdman“ ist jedoch genau das Gegenteil geworden: großartiges Schauspielerkino, bei dem neben Keaton auch Zach Galifianakis, Emma Stone und Co. zeigen können, was sie auf dem Kasten haben und durch die Bank weg großartige Performances abliefern. Hier geben die Schauspieler dem Regisseur mehr als Recht, denn es braucht keine Explosion, um zu begeistern.

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